Alles, was das Dachdecker-Herz begehrt - das gibt es im Fachhandel von Jan-Philipp Scherwat und seiner Familie in Gevelsberg. Doch viele der Waren werden immer teuer - und immer schwerer zu beschaffen.
Jan-Philipp Scherwat in seinem Familienbetrieb
"Wir kriegen fast täglich Preisanpassungen, das zieht sich durch die ganze Branche. Das stellt uns und die Handwerker vor Herausforderungen", sagt Scherwat. Die hohen Preise merkt er vor allem bei Waren, die aus Erdöl produziert werden. Dazu gehören zum Beispiel Bitumen-Schweißbahnen für die Dachabdichtung oder Dämmstoffe.
Preissteigerungen von mehr als 50 Prozent
Die Preise sind je nach Produkt fast um die Hälfte teurer geworden und schwanken von Tag zu Tag stark, erklärt Dr. Bernhard Baumann vom Verband des Baugewerbes Bauverbände NRW am Freitag: "Ich habe eben gerade mit einem Unternehmer gesprochen, der sagte, der Asphalt ist 20 bis 30 Prozent teurer, Bitumen kostet über 50 Prozent mehr."
Dabei werden die Materialien noch nicht knapp, so David Blödow vom Bauindustrieverband NRW: "Wir sehen derzeit keinen klassischen Materialmangel wie in den Jahren 2021 und 2022. Das größere Problem sind stark steigende und schwer kalkulierbare Material- und Energiepreise."
Neben Diesel für den Transport von Waren und den Betrieb von Baumaschinen spielt Erdöl auch in anderen Bereichen eine wichtige Rolle. Viele Baumaterialien wie beispielsweise Rohre oder Dichtungen werden aus Kunststoff hergestellt - und damit aus Erdöl. Auch Bitumen ist in vielen Bereichen schwer zu ersetzen.
Bitumen - wertvoller Abfall
Bitumen ist ein Abfallprodukt bei der Rohölverarbeitung. Es setzt sich bei hohen Temperaturen im unteren Bereich eines Destillierturms ab, wird von dort abgeleitet und weiterverarbeitet. Danach wird das Material vor allem zum Abdichten von Dächern oder für den Asphalt im Straßenbau verwendet.
Bitumen-Verladeanlage bei Shell in Köln-Godorf
Unter anderem Shell in Köln-Godorf produziert Bitumen und liefert es von dort nach ganz Europa. Aktuell merkt das Unternehmen noch keinen Mangel, sagt Constantin Graf von Hoensbroech von der Unternehmenskommunikation Shell Rheinland.
"Unser Standort [...] ist bei der Rohölversorgung sehr flexibel [...].Daher sind wir aktuell in der Lage, unsere Anlagen maximal auszulasten und die Versorgung mit unserer Produktpalette, eben auch Bitumen, stabil zu halten." Welchen Einfluss die aktuelle Krise auf die Preise hat, wollte das Unternehmen nicht mitteilen.
Bauunternehmen müssen Preise weitergeben
Die hohen Preise belasten nicht nur die Baubranche, sondern auch die Kundinnen und Kunden. Die Bauunternehmen müssen laut Baumann die Preise weitergeben und können bei neuen Projekten nicht mehr vernünftig planen.
"Psychologisch ist diese Unsicherheit Gift für die Bauwirtschaft. Das bedeutet, dass Unternehmer sich natürlich zurückhaltend bei dem Schreiben von Angeboten. Weil sie sagen: Ich weiß doch nicht, ob ich mich damit nicht komplett aus dem Markt kalkuliere." Dr. Bernhard Baumann, Bauverbände NRW
Hauptgeschäftsführer der Bauverbände NRW Bernhard Baumann
Bei öffentlichen Bauprojekten schlägt er eine sogenannte Preisgleitklausel vor, damit flexibel auf steigende Preise reagiert werden kann. So könnten Mehrkosten bei bestimmten Baustoffen prozentual weitergegeben werden. Das heißt, am Ende wird das Projekt für den Auftraggeber teurer.
Hilfe von der Politik?
Auch Prof. Dr. Michael Voigtländer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln schaut besorgt auf die Branche, die auch ohne Krise mit hohen Kosten zu kämpfen hat, beispielsweise wegen strenger Bauauflagen. Deshalb fordert er mehr Unterstützung von der Politik.
Prof. Dr. Michael Voigtländer vom IW Köln
"Ein wichtiger Schritt ist natürlich, die Förderbedingungen zu verbessern, bei den Zinssätzen etwas zu kompensieren. […] Und darüber hinaus strukturelle Reformen zu ermöglichen, die eben zur Senkung der Baukosten beitragen. Einfachere Standards wären sicherlich eine Lösung.“
Bis dahin kann Fachmarkthändler Jan-Philipp Scherwat nur hoffen, dass die Preise wieder sinken und er wieder genügend Baumaterial günstiger anbieten kann: "Wir können unsere Stammkundschaft noch versorgen und bestimmte Kontingente in kleinen Mengen bestellen, aber es ist ein Blick in die Glaskugel. Ich würde meinen Kunden empfehlen, größere Baustellen zu verschieben."
Unsere Quellen:
- Statement des Bauindustrieverbandes NRW
- WDR-Interview mit Dr. Bernhard Baumann von Bauverbände NRW
- WDR-Gespräch mit Prof. Dr. Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln
- Statement von Shell Energy and Chemicals Park Rheinland
- WDR-Interview mit Jan-Philipp Scherwat vom Scherwat-Fachmarkt für Dach, Wand & Innenausbau in Gevelsberg
Sendung: WDR 2, Mittagsmagazin, 24.04.2026, 13:00 Uhr
