Radikale Christen in Deutschland · Kreuzzug von rechts
Einzelstücke für Dokumentationen (WDR). 01.04.2026. 29:08 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 30.12.2099. Das Erste. Von Julius Baumeister, Andreas Spinrath.
Das kurze Video, das Leonard Jäger in seinem Instagram-Account an der ersten Position angeheftet hat, fasst gut zusammen, worum es ihm geht. In dem fast 30 Sekunden langen Clip erzählt Jäger, wie er zum Christentum bekehrt wurde und anfing zu beten. Grundsätzlich nichts Ungewöhnliches – schließlich gibt es tausende Accounts auf Social Media, die sich mit Religion und Glauben beschäftigen. In Jägers Fall entscheidend ist aber, wem er von seiner Bekehrung erzählt: der Co-Vorsitzenden der AfD, Alice Weidel.
Leonard Jäger und Alice Weidel
Jäger, der sich auf Social Media "Ketzer der Neuzeit" nennt, gehört zu einem Netz junger, christlicher Influencer, die auf den ersten Blick vor allem über ihren Glauben sprechen, ihre Liebe zu Gott, und andere inspirieren wollen, sich im Leben an christlichen Werten zu orientieren. Schaut man jedoch genauer hin, stellt man fest, dass Jäger – genau wie andere Influencer und Influencerinnen aus dem Netzwerk – Stimmung gegen Migranten, queere Menschen und Andersdenkende macht.
Dabei verbreiten sie immer wieder rechte Verschwörungserzählungen und machen Werbung für die AfD, die der Verfassungsschutz im Mai als "gesichert rechtsextremistisch" eingestuft hatte, wogegen die Partei juristisch vorgeht. Bis zum Gerichtsurteil wird die AfD beim Verfassungsschutz also weiter als Verdachtsfall geführt.
Kritik von Jugendlichen an Influencern
Für ihre Recherche zu rechten Christfluencern hat das ARD-Magazin MONITOR auch im Religionsunterricht einer Solinger Gesamtschule gedreht. Dort zeigt sich: Viele der Schüler durchschauen die Taktik und sehen rechte Christfluencer kritisch. "Ich find's gruselig zu sehen, was eigentlich jetzt so gerade, vor allem auf Tiktok und Social Media im Allgemeinen, alles zu sehen ist", sagt eine Schülerin.
Eine andere befürchtet, dass Jugendliche, die Videos solcher Influencer sehen "total manipuliert" werden und Sachen sehen, "die so teilweise gar nicht wirklich wahr sind."
Christliche Werbung für die AfD
Wie manche Christfluencer ihre Religion nutzen, um Wahlwerbung für die AfD zu machen, zeigt ein Video, das Jäger Mitte November auf seinem YouTube-Kanal mit mehr als 570.000 Followern veröffentlicht. Darin spricht er mit Tobias Riemenschneider, einem der Leiter der Evangelisch-Reformierten Baptistengemeinde (ERB) in Frankfurt am Main.
Laut der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen handelt es sich dabei um eine christlich-fundamentalistische Gemeinde, die nicht zum Bund der Baptisten gehört. An einer Stelle des Gesprächs fragt Jäger Riemenschneider, ob man als Christ die AfD wählen dürfe. Die Antwort von Riemenschneider: "Wie kann man Christ sein und nicht die AfD wählen?”
Religion trifft politische Agenda
Die Theologin Sarah Vecera
Die Theologin Sarah Vecera ist Referentin im internationalen Bildungsteam der Vereinten Evangelischen Mission mit dem Themenschwerpunkt "Antirassismus und Kirche". Dass einige christliche Influencer eine politische Agenda mit Religion in Verbindung bringen, wundert sie nicht, wie sie im Gespräch mit dem ARD-Magazin MONITOR erklärt.
"Wenn ich sage, das steht schon in der Bibel, das ist Gottes Wort, das ist ja die höchste Form der Unterstützung und Legitimation meines Wirkens, die ich kriegen kann. Höher geht nicht. Der, der uns alle geschaffen hat, der will das auch." Sarah Vecera, ev. Theologin
Radikale Christen: Abtreibungen als Grund für Fachkräftemangel
Dazu passt, dass Riemenschneider offensichtlich gute Verbindungen zur AfD hat. Die Partei lud ihn sogar schon für einen Vortrag in den Bundestag ein. In dem Video von der Rede, die Riemenschneider auf seinem eigenen YouTube-Kanal mit mehr als 26.000 Followern hochgeladen hat, verbindet er die Themen Fachkräftemangel und Abtreibung.
Tobias Riemenschneider (r.) im Gespräch mit Leonard Jäger
"Wie sähe unsere wirtschaftliche Entwicklung aus, wie die Staatskassen, die Rentenkassen, die Versorgung der Alten, wenn wir Millionen Erwerbstätige mehr hätten und sie nicht getötet hätten im Mutterleib?", fragt er darin. "Wir schaffen uns selbst ab und werden ersetzt durch Menschen aus Kulturen, die ihre Kinder nicht töten, sondern die sich vermehren."
Die Worte erinnern stark an die Verschwörungserzählung vom "großen Austausch", die vor allem in der rechtsextremen Szene verbreitet wird. Demnach soll das deutsche Volk gezielt ausgetauscht und durch Zuwanderer ersetzt werden. Auf eine Anfrage der Redaktion des ARD-Magazins MONITOR zu seiner Rede bei der AfD antwortete Riemenschneider, er kritisiere die Tötung ungeborenen Menschenlebens und lehne völkischen Rassismus strikt ab. Er betont die Würde jedes Menschen.
Theologin: Gottes Wort als Legitimation
Für die Theologin Vecera treiben Ansprachen wie diese dennoch einen Keil in die Gesellschaft. "Wir spalten uns in wir und die anderen, und die anderen sind die Migranten, das sind die Muslime", sagt sie im Gespräch mit MONITOR. "Das sind die, die fremd sind und die uns auch irgendwie verfremden wollen, die uns unsere Tradition, unsere Identität nehmen, die uns was verbieten wollen und uns was nehmen wollen."
Dass diese Argumentation offenbar bei vielen Menschen verfängt, hängt laut Eva Groß mit den Emotionen zusammen, die die Influencer bei ihrem Publikum im Netz adressieren. Groß ist Professorin für Kriminologie und Soziologie an der Hochschule der Akademie der Polizei in Hamburg. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit extremistischen Bestrebungen in sozialen Netzwerken und welche Bedeutung dabei Emotionen haben.
Soziologin: Radikale Influencer adressieren Schamgefühl
Die Soziologin und Kriminologin Eva Groß
"Dabei haben wir festgestellt, dass immer wieder gezielt das Gefühl der Scham adressiert wird", sagt Groß. "So wird versucht, den Usern ein Idealbild zu zeigen, das sie erreichen sollten." Stellen diese fest, dass sie selbst dieses Idealbild nicht erfüllen, entstehe Scham, sagt Groß. Diese wiederum könne in Wut umschlagen auf die Personen oder Gruppen, die für die Scham verantwortlich gemacht werden. Diese Wut wiederum könne von politischen Führern instrumentalisiert und auf bestimmte Gruppen gelenkt werden.
Dieses Muster sieht Groß auch bei den rechten Christfluencern. "Zum Beispiel in Bezug auf das klassische Rollenbild von Mann und Frau, das in evangelikalen Kreisen noch weit verbreitet ist", sagt Groß. Dadurch, dass dieses Bild in der Gesellschaft aber immer brüchiger werde, könne bei dieser Gruppe ein Schamgefühl entstehen. "Weil die Gesellschaft und gegebenenfalls auch man selbst darin dann den eigenen Norm-Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die identitätsstabilisierend für die entsprechenden Gruppen wirken, nicht mehr entsprechen kann", sagt Groß.
"Die Wut, die dadurch entsteht, können rechte Influencer dann auf Gruppen lenken, die ihrer Meinung nach für diese Entwicklungen verantwortlich sind. Die queere Community beispielsweise oder linke Gruppen." Soziologin Eva Groß
US-Evangelikale als Vorbild für radikale Christen
Genau diese Gruppen kommen auch regelmäßig in den Beiträgen von Leonard Jäger vor. Immer wieder besucht der "Ketzer der Neuzeit" mit Kamera und Mikrofon Pro-Choice-Demos, Christopher-Street-Day-Veranstaltungen und Linke-Demos, um dort mit den Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen. Meist versucht er das auf eine sehr provokativ wirkende Weise.
Das Resultat: In jedem dieser Videos bestätigt sich Jägers Weltbild, dass die "linksradikalen" und "woken Aktivisten" meist mit Gewalt antworten, weil sie keine Argumente haben. Im Gegensatz zu Jäger, Riemenschneider und anderen Menschen, die dem Wort Gottes folgen.
Auf seiner USA-Reise schafft es Jäger bis zu Donald Trump.
Als Vorbild dienen vielen rechten Christfluencer in Deutschland radikale Christen in den USA, wo Donald Trump auch mit der Hilfe der einflussreichen Evangelikalen 2025 wieder an die Macht kam. Grund genug für den "Ketzer der Neuzeit", gemeinsam mit Beat Zirpel zur Amtseinführung in die USA zu reisen. Zirpel ist ebenfalls YouTuber und arbeitet nach MONITOR-Recherchen mit seiner Produktionsfirma für AfD-Abgeordnete.
Durch seine guten Kontakte treffen Zirpel und Jäger nicht nur junge republikanische Abgeordnete, die AfD-Politikerin Beatrix von Storch und Trump-Berater Steve Bannon. Sie kommen sogar auf Trumps Anwesen Mar-a-Lago und schütteln dem Präsidenten die Hand. Das alles dokumentieren die beiden detailliert auf ihren YouTube-Kanälen.
Heiko Wolf ist Medienpädagoge.
Dieses Mitnehmen in den Alltag ist laut dem Medienpädagogen Heiko Wolf auch ein Grund für den Erfolg der Influencer. "Durch die Videos lassen sie junge Menschen an ihrem Leben teilhaben", sagt Wolf, der als der "Medienwolf" unter anderem Workshops für Jugendliche zu Themen wie Desinformation, Fakenews und Hate Speech im Netz gibt. "Das ist ein Anknüpfungspunkt für Jugendliche, die vielleicht auch gerade in einer Phase sind, sich im Leben zu orientieren und sich unsicher fühlen." Wenn die Influencer dann noch einfache Lösungen anböten, könne die Identifikation noch größer sein.
Christfluencer vergleichen Charlie Kirk mit George Floyd
Das wissen offenbar auch Jäger und Zirpel. Zurück in Deutschland arbeiten sie weiter daran, ihr Weltbild mithilfe des christlichen Glaubens zu verbreiten und mehr Menschen "in ihr Lager" zu holen, wie sie schon im Mai 2024 in einem gemeinsamen Video erklären. "Wir wollen das hier schließlich salonfähig machen", sagt Jäger darin.
Leonard Jäger (r.) und Beat Zirpel
Damit verfolgen sie ähnliche Ziele wie der religiöse amerikanische Politaktivist Charlie Kirk. Als der enge Vertraute von Donald Trump im September erschossen wird, veröffentlicht Leonard Jäger ein 17 Minuten langes Video, in dem er erklärt, wie fassungslos er wegen des Attentats ist.
In Folge des Attentats erscheinen mehrere Videos auf dem Kanal des "Ketzers", in denen er unter anderem die Ermordung von Kirk mit dem Tod von George Floyd vergleicht. Der Afroamerikaner wurde bei einem brutalen Polizeieinsatz im Mai 2020 von einem der Polizisten getötet. Dieser wurde ein Jahr später zu mehr als 22 Jahren Haft verurteilt.
Nach Floyds Tod kam es in den USA zu zahlreichen Protesten und Ausschreitungen. Laut Jäger wurde Floyd im Nachhinein von den Medien als Volksheld aufgebauscht und "Städte wurden in Brand gesetzt, aus Hass und Zorn". Ganz anders im Fall von Kirks Tod, in dem seine Anhänger "wirklich zornig sein dürften, die gehen betend auf die Straße", so Jäger.
Die AfD in der Opferrolle
Der "Ketzer" zu Besuch bei Jasmin Friesens "Liebe zur Bibel"
Doch nicht nur der "Ketzer der Neuzeit" nutzt als christlicher Influencer den Tod Charlie Kirks, um eine politische Botschaft zu senden. Auch Jasmin Friesen, die auf mehreren Social-Media-Plattformen unter dem Namen "Liebe zur Bibel" aktiv ist, greift das Attentat auf. Friesen folgen auf YouTube und Instagram zusammen mehr als 140.000 User. Sie ist laut Leonard Jäger diejenige, die ihn zum Christentum bekehrt hat.
In dem Podcast, den sie gemeinsam mit der Christfluencerin Jana Hochhalter bespielt, zitiert Friesen Charlie Kirk mit den Worten "Gewalt ist nicht mit Gewalt zu bekämpfen, sondern mit dem Dialog." Dann schlägt sie den Bogen nach Deutschland und prangert an, dass bei uns niemand mit der AfD reden wolle.
Soziologin: Nicht repräsentierte Gruppen empfänglich für Botschaften
Laut der Soziologin Eva Groß sind gerade Follower für solche Botschaften empfänglich, die sich sonst nicht gesehen fühlen. "Sehr gläubige Menschen, gerade aus dem evangelikalen Umfeld, finden sich in Deutschland im öffentlichen Diskurs nicht repräsentiert", sagt sie. "Weder in den großen Medien noch in den Programmen selbst von christlichen Parteien wie der CDU oder CSU."
Wenn sie dann aber ihre Werte und Themen, die ihr Leben betreffen, bei Influencern wie Friesen oder Jäger wiederfinden, sorge das für eine starke Bindung und gemeinsame Identität. "Solche sozialen Bindungen können von Akteuren wie Christfluencern über weitere Mobilisierungen von Emotionen instrumentalisiert werden, insbesondere im Netz", sagt Groß. Wenn sich die Wut dann gegen bestimmte Gruppen richte, könne das in eine menschenfeindliche Radikalisierung und Gewalt kippen.
Theologin: Problematische Interpretation des Christentums
Christliche Influencer, die sich auch politisch mit rechten Narrativen einbringen, sind untereinander gut vernetzt. Immer wieder bieten sie sich gegenseitig eine Bühne, um sich über ihre Ansichten auszutauschen. Und diese Kombination aus extrem rechtskonservativen Ansichten in Verbindung mit dem christlichen Glauben scheint bei ihrem Publikum anzukommen.
Das wiederum besorgt die Theologin Sarah Vecera. "Also ich glaube, dass eine sehr problematische Interpretation des Christentums wiederentdeckt wird", sagt sie. "Ich würde nicht sagen, dass das tatsächlich christliche Werte sind, aber das sind Muster, die man instrumentalisieren kann."
Unsere Quellen:
- MONITOR-Gespräch mit der Theologin Sarah Vecera
- MONITOR-Anfrage an Tobias Riemenschneider
- WDR-Interview mit Eva Groß, Professorin für Kriminologie und Soziologie an der Hochschule der Akademie der Polizei in Hamburg
- WDR-Interview mit Heiko Wolf, Medienpädagoge "Der Medienwolf"
- YouTube- und Instagram-Accounts von "Ketzer der Neuzeit", "Liebe zur Bibel", "ERB Frankfurt", "Beat aus Berlin"
- Website der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
- Website der Bundeszentrale für politische Bildung
Sendung: Das Erste, MONITOR, 11.12.2025, 21:45 Uhr