Nach Kirk-Attentat ist Verdächtiger in U-Haft - Update | Kurzvideo
00:41 Min.. Verfügbar bis 13.09.2027.
Kirk-Attentat: Auf den Schuss folgt die Stimmungsmache
Stand:
Kämpfer für Meinungsfreiheit? Rechtsextremer Hetzer? Oder gar beides? Der Mord an Charlie Kirk wird politisch ausgeschlachtet - auch bei uns.
Von
Ingo Neumayer
"De mortuis nil nisi bonum" - über die Toten soll man nur Gutes sagen: Dieser lateinische Aphorismus ist altbekannt, aber gilt er auch für rechtsextreme Aktivisten und Influencer? Für einen Mann wie den US-amerikanischen Aktivisten Charlie Kirk, der sagte, Abtreibungen seien schlimmer als der Holocaust? Der die Bibelpassage, die Homosexualität mit Steinigung bestraft, als "perfektes Gesetz Gottes" bezeichnete? Wie sehen Trauer und Mitgefühl aus für einen Mann, der über sich selbst sagte: "Ich kann das Wort Empathie nicht ausstehen"?
Erschossener Charlie Kirk: Verehrt und verhasst
Charlie Kirk wurde am Mittwoch in Utah bei einer öffentlichen Diskussion an einer Universität erschossen. Mittlerweile sitzt ein 22-jähriger Tatverdächtiger in U-Haft. Das Attentat wird auch bei uns diskutiert und kommentiert. Und gerade von konservativer Seite wird dabei Kirk als Verfechter der Meinungsfreiheit tituliert, während seine oft rassistische, menschenverachtende und verschwörungsgläubige Agenda dabei - "nil nisi bonum" eben - übersehen wird.
So lobte Manuel Ostermann, stellvertretender Vorsitzender der Bundespolizeigewerkschaft, auf "X" Kirks "Einsatz für Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschlichkeit" und ergänzte: "Dein Lebenswerk wird weitergeführt und Millionen Menschen werden immer an dich denken." Die Junge Union schrieb auf "Facebook": "Meinungsfreiheit lässt sich nicht erschießen. Ruhe in Frieden, Charlie Kirk."
Caroline Bosbach (CDU): Kirk sei "Kämpfer für westliche Werte"
Caroline Bosbach, CDU-Bundestagsabgeordnete aus Bergisch Gladbach, schrieb auf Instagram: "Kaum jemand stand so für freie Debatte, wie er. Kirk grenzte Andersdenkende nicht aus, sondern reiste durch ganz Amerika, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen." Er sei ein "Kämpfer für westliche Werte". Die Grünen im Rheinisch-Bergischen Kreis haben Bosbach dafür scharf kritisiert. Mittlerweile hat Bosbach ihren Instagram-Post gelöscht.
Auch Fußballnationalspieler Felix Nmecha betrauerte ihn öffentlich. Für Nmecha war Kirk ein Mann, "der friedlich für seine Überzeugungen und Werte einsteht", so schrieb er es in einer "Instagram"-Story. Inzwischen ist auch dieser Post gelöscht. Nmechas Arbeitgeber Borussia Dortmund hat ein Gespräch mit ihm angekündigt.
Kirk diskutierte viel mit Andersdenkenden
Kirks Diskussionen an Unis lockten die Massen an
Doch das Thema Meinungsfreiheit ist in diesem Fall mindestens zweischneidig. Einerseits inszenierte sich Kirk als offen und jederzeit gesprächsbereit. Er traf sich oft mit Andersdenkenden aus dem entgegengesetzten politischen Spektrum, ließ diese zu Wort kommen und diskutierte mit ihnen. Wobei man berücksichtigen muss, dass politische Diskussionen in den USA in der Regel anders anlaufen als bei uns. Eine Debatte werde dort als bloße Darbietung von Meinungen verstanden, sagte die Journalistin Nina Rehfeld, die seit Jahren in den USA lebt, dem WDR: "Das ist also kein Austausch von Argumenten, wie man ihn in Deutschland kennt, sondern so, dass jeder seine Meinung auf den Tisch knallt und das dann hochkocht."
Watchlist für unliebsame Professoren
Andererseits initiierte Kirk über seine Organisation "Turning Point USA" eine so genannte "Professor Watchlist". Auf diesem Online-Portal können Lehrkräfte gemeldet werden, die nicht dem Weltbild von Kirk und seiner Gefolgschaft entsprechen. Die Journalistin und USA-Expertin Annika Brockschmidt sieht in dieser "Watchlist" einen "Pranger", der teils gravierende Folgen für die Betroffenen hatte und für Einschüchterungen sorgte. Medien wie der "Guardian" berichten über Drohungen, Hassmails und Gewalt gegen Professorinnen und Professoren auf der Liste.
Republikaner und Rechte instrumentieren Kirks Tod
Gewalt in Form von Attentaten ist immer zu verurteilen, egal, wen sie trifft: Darauf scheinen sich auf den ersten Blick alle politischen Lager geeinigt zu haben. Auch die früheren demokratischen US-Präsidenten Joe Biden und Barack Obama verurteilten den Anschlag auf Kirk. Doch in den USA ist die Schuldzuweisung, das "Blame Game", im vollen Gange. Elon Musk schrieb nach Kirks Tod: "Die Linken sind die Partei des Mordes." Und auch Donald Trump machte in seinem offiziellen Statement direkt die "radikale Linke" für den Anschlag verantwortlich. Dass der Täter zu diesem Zeitpunkt noch flüchtig war und man nichts über seine Hintergründe wusste? Interessiert offenbar nicht weiter, wenn sich politischer Profit aus der Situation ziehen lässt.
Charlie Kirk: Attentate – das Ende der Kommunikation?
Aktuelle Stunde . 12.09.2025. 32:44 Min.. UT. Verfügbar bis 12.09.2027. WDR. Von Thomas Kramer.
Attentate auf Demokraten werden von Trump nur kurz erwähnt
Dazu passen auch die Doppelstandards, mit denen die Trump-Regierung politische Gewalt zu bewerten scheint, je nachdem, ob man sich ideologisch nahe steht oder nicht. Als im Juni 2025 die demokratische Abgeordnete Melissa Hortman und ihr Mann in ihrem Haus von einem offenbar politisch motivierten Attentäter erschossen wurde, rang sich Trump gerade mal zu ein paar dürren Sätzen durch, ohne Hortman namentlich zu erwähnen.
Nach Kirks Tod hängen die Flaggen auf Halbmast
Für Kirk ordnete er hingegen Trauerbeflaggung im ganzen Land an und kündigt an, ihm postum einen Staatsorden, die "Presidential Medal of Freedom", zu verleihen. Vize-Präsident JD Vance sagte am Donnerstag sogar ein Treffen mit Hinterbliebenen von 9/11-Opfern ab, um Kirks Leichnam mit einer Regierungsmaschine von Utah nach Hause zu überführen.
Kirk als Vorbild? Deutsche Rechte hatte ihn genau im Blick
Auch bei uns gibt es rechte Influencer und Meinungsmacher, die Charlie Kirk genau beobachteten. So bezeichnete der österreichische Rechtsexteme Martin Sellner Kirk auf "Telegram" als "einen der wichtigsten, eloquentesten Aufklärer", dessen Positionen "absolut moderat" gewesen seien. Kirks Idee, an die Hochschulen zu gehen, wo Ideologien geprägt und gebildet würden, sei "metapolitisch völlig richtig gewesen".
Der ehemalige Polizist und Rechtsinfluencer Tim Kellner, der vom NRW-Verfassungsschutz beobachtet wird, widmete Kirk mehrere Posts und Videos und beschimpfte diverse deutsche Medien und Journalisten, die sich kritisch über Kirk äußerten.
Und die Münsteraner Rechts-Influencerin Naomi Seibt, die inzwischen in den USA leben soll, postete ein Bild von Kirk mit dem Satz: "Nach gründlicher Überlegung habe ich mich entschieden, noch radikaler zu werden."
Rechte in Deutschland nutzen digitales Vorfeld
Kirk als wichtige Figur der MAGA-Bewegung
Im Gegensatz zu Charlie Kirk, der als wichtiger Faktor der MAGA-Bewegung galt und Donald Trump Stimmen bei einem jungen Publikum beschaffte, ist der direkte Einfluss der deutschen Rechts-Influencer zwar kleiner. Statt direktem Zugang zu politischen Ämtern und Akteuren widmen sich diese meist der ideologischen Kärrnerarbeit im digitalen Vorfeld: Themen setzen, Stimmungen aufheizen, Positionen ausloten, Gegner identifizieren.
Laut Friedens- und Konfliktforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld liegt aber gerade darin die Gefahr. "Die rechte Szene möchte diesen vorideologischen Raum, diesen, der nicht eindeutig rechtsextrem ist, der nicht eindeutig die freiheitlich-demokratische Grundordnung angreift", sagte er dem SWR. Genau das sei für rechtsextremistische Netzwerke attraktiv und mache Hetze salonfähig.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagenturen dpa, AP, Reuters
- WDR-"Morgenecho"-Interview mit Nina Rehfeld
- WDR-"Morgenecho"-Interview mit Annika Brockschmidt
- Twitter-Kanäle von Manuel Ostermann, Elon Musk, Tim Kellner, Naomi Seibt
- Instagram-Kanal von Caroline Bosbach
- Facebook-Kanal der Jungen Union Deutschland
- Telegram-Kanal von Martin Sellner
- Guardian: "US rightwing group targets academics with Professor Watchlist"