Montage: blaue Karte des Ruhrgebiets mit AfD-Logo vor SPD-Fahnen

AfD im Kommunalwahlkampf: Wie "blau" wird das Ruhrgebiet?

Stand:

Seit ihrer Existenz holt die AfD bei Wahlen in NRW die besten Ergebnisse im Ruhrgebiet. Könnte sie dieses Mal womöglich stärkste Kraft werden? Wir geben Antworten auf eine These, die vielleicht nicht ganz zutreffend ist.

Von Christoph Ullrich Christoph Ullrich

Die Geschichte der Bundestagswahl - zumindest aus Sicht des Ruhrgebiets - war das AfD-Ergebnis in Gelsenkirchen. Dort war die AfD bei den Zweitstimmen mit 24,7 Prozent stärkste Kraft - knapp vor dem bisherigen Platzhirsch, der SPD. Seitdem geht in der sozialdemokratischen Stammregion die Frage um: Kann die AfD aus einer roten Landkarte eine blaue machen?

Ruhrgebiet: Verliert die SPD ihr Kernland an die AfD?

WDR 5 Morgenecho - Interview 28.08.2025 08:00 Min. Verfügbar bis 28.08.2026 WDR 5


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Wie stark könnte die AfD werden?

Natürlich kann die Frage erst am Wahlabend abschließend beantwortet werden. Aber es gibt Indikatoren, die zumindest eine gewisse Prognose erlauben. Man kann schon davon ausgehen, dass die Partei ihre besten Ergebnisse im Ruhrgebiet einfahren kann. Schon bei der Kommunalwahl 2020 holte die Partei in Gelsenkirchen (12,9 Prozent), Hagen und Duisburg (jeweils 9,3 Prozent) ihre höchsten Anteile im Land. In diesen Städten prägen soziale und finanzielle Probleme den Alltag vieler Menschen.

Erst mit dem Kreis Siegen-Wittgenstein auf Platz 11 folgte vor fünf Jahren ein Wahlbereich auf der Liste, der nicht im Ruhrgebiet lag. Erstaunlich war vor allem damals, dass die AfD mit fünf Prozent landesweit äußerst schlecht abgeschnitten hatte.

Weil die AfD in den vergangenen fünf Jahren insgesamt stärker geworden ist, würde es nicht verwundern, wenn sie diesen Trend zwischen Wesel und Dortmund bestätigen kann. Anders als 2020 dürften die Ergebnisse in der Fläche deutlicher zweistellig sein - teilweise könnten sie sogar über 20 Prozent liegen. Aber: Kommunalwahlen sind selten Protestwahlen. Auch wenn die Zufriedenheit mit der Politik aktuell nicht gerade hoch ist.

Zwei Beispiele dazu aus der jüngeren Vergangenheit sind Thüringen und Sachsen. Im Jahr 2024 fanden in beiden Ländern Kommunal- und Landtagswahlen statt. Jeweils an getrennten Terminen. Bei den Wahlen für die Landesparlamente kam die Partei problemlos über 30 Prozent. Kommunal jedoch schnitt sie in beiden Fällen - bei deutlich niedrigerer Wahlbeteiligung - unter 30 Prozent ab. Die flächendeckend "blauen Rathäuser" blieben aus. Ein ähnlicher Trend könnte sich auch in NRW zeigen - zumal die AfD hier auch zuletzt immer unter westdeutschem Bundestrend bei Wahlen abgeschnitten hat.

Ist die AfD stark lokal verankert?

Hier liegt ein größeres Problem der noch jungen Partei. 2013 wurde sie gegründet, bis heute hat sie mehrere Veränderungen hinter sich, wobei sie sich immer weiter nach Rechts bewegt hat. Inzwischen darf die Partei rechtssicher als rechtsextremer Verdachtsfall vom Verfassungsschutz ausgewiesen werden.

Auch die Bezirke im Ruhrgebiet haben sich verändert. Zwar ist der größte Kreisverband der nordrhein-westfälischen AfD der in Recklinghausen mit etwa 620 Mitgliedern. Doch insgesamt spielen AfD-Vertreter in den gesellschaftlichen Institutionen vor Ort eher selten eine Rolle. Im Osten ist das anders: Dort ist die AfD stark vertreten in Vereinen oder in der freiwilligen Feuerwehr.

Auch was die öffentliche Wahrnehmung angeht, ist die AfD in der Fläche unterschiedlich aufgestellt. So gibt es Stadtteile, wo die Partei massiv plakatiert hat - wie zum Beispiel in Essen-Borbeck. Aber teilweise gibt es auch ziemliche viele weiße Flecken, wo man neben den Wahlplakaten der anderen Parteien die der AfD vergebens sucht.

Wie läuft der Wahlkampf für die AfD?

Zufrieden ist man bei der AfD wohl nicht - Geschlossenheit sieht anders aus. Innerhalb des Landesverbandes hat sich über den Sommer ein Richtungsstreit massiv zugespitzt. Ein enger Vertrauter des Landeschefs Martin Vincentz wurde von seiner Arbeit in der Fraktion freigestellt. Er soll gegen interne Gegner unlauter vorgegangen sein.

Zusätzlich wabert die Personalie Matthias Helferich weiter durch die Partei. Formal wurde der Dortmunder Bundestagsabgeordnete aus der Partei geworfen, so zumindest ein erstinstanzliches Urteil des Landesschiedsgerichtes. Allerdings weiß Helferich in der Partei ganze Kreisverbände hinter sich. Auch gibt es immer Kritik gegen den Landesvorstand, dass er die Sache nicht in den Griff bekommt, teilweise selber Fehler macht.

So sagt Helferich dem WDR folgerichtig, dass es "grundweg falsch sein sollte, wenn sich der Landesvorstand der AfD mögliche Wahlerfolge auf die eigene Fahne schreiben würde." Helferich sieht in der Kommunalwahl eher ein "Volksentscheid gegen die etablierte Politik". Auch glaubt Helferich, nicht der Landesvorstand, sondern die einzelnen Kreisverbände hätten vor der Wahl für die parteiinterne Mobilisierung gesorgt.

Muss NRW mit blauen Oberbürgermeistern rechnen?

Selbst Martin Vincentz sagt auf Nachfrage, dass er nicht von Oberbürgermeistern mit AfD-Parteibuch ausgeht. Der Landeschef der Partei sieht die AfD zwar in zahlreichen Stichwahlen, aber "die anderen Parteien haben ja schon die Losung ausgegeben, dass sie sich dann gegen uns verbünden", erklärt Vincentz. Aber bei der nächsten Kommunalwahl 2030 rechnet er fest damit, hier und da Verwaltungsspitzen stellen zu können.

Dass die AfD bei Personenwahlen am Ende eher weniger gewählt wird, hat zudem die Bundestagswahl gezeigt. So wurde die Partei zwar in Gelsenkirchen bei den Zweitstimmen die stärkste Kraft. Aber: Das Direktmandat ging mit deutlicherem Vorsprung an die SPD. Auch in Duisburg II - wo die AfD durchaus mit einem Sieg des eigenen Kandidaten rechnen konnte - gewannen am Ende doch die Sozialdemokraten.

Welche Rolle spielt die Linke?

Das ist die große Frage. Während die AfD damit rechnen muss, Protestpotenzial nicht vollends ausschöpfen zu können, sieht das bei der Linken anders aus. Man hoffe vor allem bei den jungen Wählerinnen und Wählern auf eine hohe Mobilisierung, sagt es ein langjähriges Mitglied aus den Führungszirkeln der Partei. Die Linke könnte auch davon profitieren, dass am 14. September 16-jährige Jugendliche mit abstimmen dürfen.

Bei der Bundestagswahl bekam die Partei in NRW 8,3 Prozent der Stimmen - was ein großes Comeback darstellte. Seit 2012, als die Partei aus dem Landtag flog, spielte die Linke eine bemerkenswert unbedeutende Rolle bei Wahlen und damit in der nordrhein-westfälischen Parteienlandschaft. Gerade für unzufriedene Gruppen im Ruhrgebiet stellt die Partei aber plötzlich wieder eine Alternative dar - was wiederum Einfluss auf die Ergebnisse von SPD und AfD nehmen könnte.

Bleibt die SPD in ihrer Stammregion vorne?

Jochen Ott, Fraktionsvorsitzender NRW-SPD, bei der Plenarsitzung zum Haushaltsgesetz

Ott: "Mehrheit der Leute wählt keine Partei, die hetzt."

SPD-Landeschef Jochen Ott ist sich sicher, dass seine Partei die meisten Rathäuser im Ruhrgebiet verteidigen kann: "Die Mehrheit der Leute wählt in Nordrhein-Westfalen eben nicht eine Partei die hetzt und Leute madig macht und noch nicht einen zielführenden inhaltlichen Vorschlag zu etwas gemacht hat", so Ott. Was übersetzt bedeutet, dass sich spätestens in der Stichwahl die SPD durchsetzen wird, wenn sie auf AfD-Gegner trifft - so die Hoffnung.

Daher könnte es in den Räten zwar größere AfD-Fraktionen geben, aber auf der Landkarte der Rathaus-Chefs und Chefinnen könnte das SPD-Rot weiterhin die überwiegendere Farbe darstellen.

Allerdings gehört auch zur Wahrheit: Nicht erst durch die AfD bröckelt die SPD-Vorherrschaft im Kommunalen. Schon 1999 konnten einst ur-sozialdemokratische Städte wie Mülheim oder Essen von der CDU erobert werden. Längst gibt es im Ruhrgebiet auch etablierte CDU-Oberbürgermeister, die für die SPD schwer zu schlagen sein dürften.

Unsere Quellen:

  • Eigene Recherchen
  • Interview Martin Vincentz
  • Interview Matthias Helferich
  • Interview Jochen Ott

Kommentare zum Thema

37 Kommentare

  • 37 Czilla 29.08.2025, 23:04 Uhr

    Die vermeintliche "Alternative" wird ja in immer mehr Punkten als unfähig entlarvt. Die Schoßhündchen von Trump, Putin, Xi verraten deutsche Interessen. 80 Jahre Frieden, Wohlstand, Freiheit sind die Ernte der demokratischen Parteien. Angebliche Patrioten hatten in 70 Jahren mit drei Kriegen Vernichtung und Elend gebracht - gut, dass wir verglichen haben...

  • 36 Franziska 1 29.08.2025, 22:32 Uhr

    Hallo WDR, soll der Wecker läuten? Fünf Artikel zum diskutieren sind wie tot gelegt ohne Bewegung darin. Kommentare die man sendet, veraltern schon im Netz.

  • 35 Elmar 29.08.2025, 19:02 Uhr

    Ich finde es nicht gut, dass hier so viele Kommentare geschwärzt sind, denn das gerade macht die AfD stark. Wenn nämlich die Bürger legitimer Weis das ihnen unter den Fingernägeln brennende Problem Immigration und dieses Thema dann immer wieder von Politik und Medien als unliebsam unter den Tisch gekehrt wird, darf man sich nicht wundern, wenn sich die AfD quasi mit Monopolstellung dieses Themas annimmt und es dann auf ihre Weise lösen will. Also mehr Mut in der Debatte, auch von den öffentlich rechtlichen Medien qua ihres informationsauftrages.

  • 34 Ruhri 29.08.2025, 17:51 Uhr

    Königsblau wird Meister gut für Schalke!

  • 33 Eine Mutter 29.08.2025, 17:49 Uhr

    Ich als Ausländerin wähle AfD. Und mit mir alle meine Freunde und Bekannte aus Migrationsmilieu.

    Antworten (1)
    • Habibi 29.08.2025, 21:05 Uhr

      Ein „Ausländer“ würde sich selbst niemals „Ausländer“ nennen. Bist also schon enttarnt Eva

  • 32 Maximillian 29.08.2025, 17:48 Uhr

    Wer in den runter gewirtschaftet Städten des Ruhrgebiet weiter SPD fehlt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen! Ich habe sogar letztens schon mal jemanden sagen hören, dass bei solchen Leute gegebenenfalls der Geisteszustand überprüft werden müsste....

  • 31 Frau Ausländerin 29.08.2025, 14:54 Uhr

    Ich bin Migrantin und wähle AfD.

  • 30 Klaus Johansen 29.08.2025, 14:16 Uhr

    Siehe Wikipedia und dortiger Einzelnachweise Der Ausländeranteil Gelsenkirchens lag am 31. Dezember 2023 bei 26,0 %.[35] Innerhalb des Stadtgebiets zeigen sich bezüglich des Anteils der ausländischen Bevölkerung erhebliche Unterschiede. Während der Ausländeranteil in den südlichen und innerstädtischen Wohngebieten tendenziell hoch ist, sind die Werte in vielen nördlichen Stadtteilen niedriger.[36] Der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung betrug 2021 34,0 %. Im Jahr 2021 sprachen 47,5 % der Kindertageseinrichtungen besuchenden Kinder in der Familie hauptsächlich eine andere Sprache als Deutsch.[37] 2021 waren 20,6 % der Gelsenkirchener Einwohner erwerbsfähige Leistungsberechtigte, darunter 14,7 % der deutschen und 39,0 % der nichtdeutschen Bevölkerung. Die Arbeitslosenquote betrug 2021 insgesamt 15,4 % (10,8 % bei Deutschen bzw. 36,1 % bei Nichtdeutschen) und lag somit deutlich über dem landesweiten Durchschnitt von 7,7 % (5,7 % bzw. 21,1 %).[38]

  • 29 Wessi 29.08.2025, 12:39 Uhr

    Die SPD sollte nur noch Jusos in die Parlamente schicken. Genau wie Grüne Jugend etc. Je mehr Jette und Türmersn desto härter die Strafe der Wähler.... Los Grün Rot schenkt uns Zeit............

    Antworten (3)
    • Wessi 29.08.2025, 13:41 Uhr

      Die AFD muss stärker werden als in Thüringen. Zeigen wir den Ossis wie man siegt! Wir sind mehr!

    • uli Grande 29.08.2025, 13:55 Uhr

      Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

    • Franziska 1 29.08.2025, 20:10 Uhr

      @Wessi, ....Wessi, Ossi? Wie nennen Sie die Menschen in der Mitte von Deutschland? ",die Mittissi? Lächerlich alles nach der langen Zeit seit 1989/90. Für mich gibt es Nord, West, Ost und Süddeutsche und keine .. ssi mehr, als Deutsche! Solche Bezeichnungen spaltet nur, als wären wir alle Fremde im Land.

  • 28 Wessi 29.08.2025, 12:29 Uhr

    Nach der Durchblauung können die Sozen ihre Ortsvereine in die Insolvenz schicken. Die NRW SPD ist nur noch ein Subkulturbund West. Ich vermisse sie nicht!

  • 27 29.08.2025, 12:10 Uhr

    Name und Kommentar wg. Netiquette-Verstoßes gesperrt. (die Redaktion)

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