Deutlich mehr Videoüberwachung: Was bringt das? | Westpol spezial
05:43 Min.. Verfügbar bis 07.12.2027.
Ein Wochenmarkt in Wanne-Eickel. Besucherinnen und Besucher kaufen hier Kartoffeln, Karpfen oder Käse. Seit Kurzem unter polizeilicher Beobachtung: Vier Kameras der Polizei NRW überwachen den Platz seit Mitte November. Der Mast mit den vier schwarzen Kugeln ist eine von zehn mobilen Überwachungsanlagen, die das NRW-Innenministerium im Jahr 2023 angeschafft hat. Die Polizei darf sie für eine bestimmte Zeit an Kriminalitätsschwerpunkten einsetzen. Dazu gehöre auch der Platz Am Buschmannshof in Wanne-Eickel. Immer wieder komme es hier zu Körperverletzungen und Drogenhandel. Bis Jahresende soll die Kamera auf dem Marktplatz stehen.
Mirella Turrek, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Bochum
"Wir erhoffen uns, dass Straftaten gar nicht erst verübt werden, wenn die Anlage hier steht", sagt Mirella Turrek, Sprecherin der Bochumer Polizei. Ihre Kollegen könnten so außerdem schneller eingreifen. "Sobald die auf der Leitstelle sehen, dass sich eine Straftat anbahnt, können wir ganz schnell darauf reagieren." Die Polizei spricht von einer sogenannten Videobeobachtung und will den Begriff Videoüberwachung vermeiden. In einer Leitstelle müssten Mitarbeiter das eingehende Material nämlich permanent sichten, heißt es von der Polizei. Das reine Aufzeichnen sei nicht erlaubt.
Polizeiliche Videoüberwachung massiv angestiegen
Die Polizei NRW hat ihre Videoüberwachung in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Das zeigen Recherchen des WDR. Im Jahr 2015 gab es in NRW lediglich 12 fest installierte Überwachungskameras der Polizei, im Oktober 2025 waren es landesweit 220. Die Kameras verteilen sich auf nur sieben Großstädte, vor allem im Rheinland und im Ruhrgebiet.
Spitzenreiter ist Köln: Vor zehn Jahren gab es hier noch keine einzige Kamera. Mittlerweile hat die Polizei an sieben verschiedenen Standorten 106 fest installiert: Multifokus-Kameras mit mehreren Objektiven sowie sogenannte PTZ-Kameras, die eine Schwenk-, Neige- und Zoom-Funktion bieten. Im Gegensatz zu anderen Städten wie Dortmund oder Aachen hat Köln seitdem auch keine einzige Kamera wieder abgebaut. Ob dieses Ausmaß an Videoüberwachung gegen Kriminalität überhaupt hilft, darüber streiten Wissenschaftler, Aktivisten und Polizei. Eine eindeutige Studienlage gibt es nicht.
Standorte von fest installierten Polizeikameras in NRW-Städten
Datenschützer erreichen Teilerfolg vor Gericht
Rechtsanwalt Michael Biela-Bätje von der Initiative Kameras stoppen
Am Kamera-Hotspot Köln kämpft die Initiative "Kameras stoppen" seit Jahren gegen diese Überwachung, auch vor Gericht. "Unser Ziel ist, dass die Videoüberwachung abgestellt wird, weil sie keine nachweisbaren Effekte hat und auf der anderen Seite ein unheimlich hohes Gefahrenpotenzial", sagt Rechtsanwalt Michael Biela-Bätje. Die Initiative befürchtet unter anderem, dass die Kamera-Infrastruktur künftig mithilfe von Künstlicher Intelligenz für eine automatisierte Gesichtserkennung verwendet werden könnte. NRW-Innenminister Herbert Reul zeigte sich dafür zuletzt offen, entsprechende Pilotversuche gibt es schon in Frankfurt am Main.
Vor dem Kölner Verwaltungsgericht errang die Initiative einen Teilerfolg gegen die Videoüberwachung. Das Gericht erklärte die Überwachung von 44 Nebenstraßen für unzulässig. Dort sei nach Berechnungen des Gerichts nämlich keine erhöhte Kriminalität feststellbar. Auch die Überwachung gastronomischer Außenbereiche sah das Gericht als nicht gerechtfertigt an. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, beide Seiten haben Berufung eingelegt. Zuständig ist jetzt das Oberverwaltungsgericht in Münster.
Experte: Kaum Wirkung bei spontanen Straftaten
Marcus Kober, Wissenschaftler der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention
Schützen diese Kameras die Menschen in NRW vor Kriminalität, wie Polizei und manche Politiker behaupten? "Videoüberwachung kann bestimmte Straftäterinnen und Straftäter abschrecken" sagt Marcus Kober vom Deutschen Forum für Kriminalprävention, eine gemeinnützige Stiftung von Bund und Ländern. "Unter der Voraussetzung, dass vor Tatbegehung überlegt wird, wie hoch das Entdeckungs- und Strafverfolgungsrisiko ist." Eher weniger könne Videoüberwachung bei spontanen Gewaltstraftaten bewirken. Dazu kommt laut Kober: Manche Straftaten würden sich einfach in unüberwachte Straßen verlagern.
Weihnachtsmärkte in NRW meist privat überwacht
Wer in diesen Tagen auf Weihnachtsmärkten in NRW unterwegs ist, kann ebenfalls vielerorts Hinweise auf Videoüberwachung erspähen. Die dortigen Videokameratürme betreiben allerdings meist private Sicherheitsfirmen für private Veranstalter. Denn Weihnachtsmärkte gelten selten als Kriminalitätsschwerpunkt, können also nicht polizeilich videoüberwacht werden.
Für private Videoüberwachung gelten andere Regeln: Die Aufnahmen dürfen von speziell geschulten Mitarbeitern nur verpixelt beobachtet werden. Gespeichert und entpixelt werden darf das Material nur, wenn "Gefahrensituationen" erkennbar werden. Der Duisburger Weihnachtsmarkt-Veranstalter nennt als Hauptgrund für die private Videoüberwachung ein verbessertes Crowdmanagement: Das Videomaterial helfe dabei, die hohe Besucherzahl auf engem Raum besser zu kontrollieren.
Polizeiliche Videoüberwachung seit 2018 nicht mehr evaluiert
"Man greift da in die Freiheitsrechte Unbeteiligter ein und das sollte wohlbegründet sein", sagt Kriminalpräventions-Experte Kober, vor allem mit Blick auf polizeiliche Videoüberwachung. Und fordert deshalb: "Der Erfolg und die Wirksamkeit sollten dann auch nachgewiesen werden."
Genau so eine Überprüfung war bis vor ein paar Jahren auch in Nordrhein-Westfalen vorgeschrieben. 2018 hat das Innenministerium unter Herbert Reul die Regelung dann mit den Stimmen der schwarz-gelben Landtagsfraktionen gestrichen. Dabei war die einmalig im selben Jahr durchgeführte Evaluation keineswegs zu einem klaren Ergebnis gekommen.
Reul: "Keine Zauberlösung, aber Videoüberwachung hilft"
Herbert Reul, Innenminister NRW
Es bestehe zwar einerseits "Einigkeit unter Praktikern [...], dass die Einsatz- und Ermittlungsarbeit durch die Videobeobachtung wesentlich erleichtert" werde, heißt es in dem Bericht des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Andererseits fehle ein "wissenschaftlicher Nachweis eines allgemein kriminalitätsreduzierenden Effekts der Videoüberwachung". Auch bei der Aufklärungsquote lasse sich durch die Ende 2016 bzw. Anfang 2017 installierten Kameras keine "stark vom Trend abweichende Beeinflussung" feststellen.
"Man kann sich da immer streiten, ob man jedes Jahr sowas macht", sagt Innenminister Herbert Reul dem WDR. "Ich finde, irgendwann hat man ein Ergebnis und dann kann man auch mal damit arbeiten." Seine persönliche Evaluation lautet: "Im Großen und Ganzen hat sich das bewährt. Videoüberwachung ist keine Zauberlösung, ist keine Lösung für alle Probleme, aber sie hilft. Nicht mehr und nicht weniger. Nichts tun hilft auf jeden Fall gar nicht."
Beim Aufbau der mobilen Videoüberwachungsanlage am Buschmannshof Wanne-Eickel
Als die Polizei in Wanne-Eickel Mitte November ihre mobilen Kameras aufbaut, ist das Stimmungsbild bei einigen Passanten jedenfalls eindeutig: "Das bringt den Menschen bisschen mehr Sicherheit, man kann ein bisschen lockerer durch die Stadt gehen, vor allem abends", sagt eine Frau. Ein Mann ergänzt: "Hier ist abends immer ziemlich viel los, das ist schon nicht verkehrt".
Unsere Quellen:
- WDR-Umfrage unter allen 47 Kreispolizeibehörden des Landes NRW
- Pressesprecherin Polizeipräsidium Bochum
- NRW-Innenminister Herbert Reul
- Evaluationsbericht zu Videoüberwachung, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V.
- Marcus Kober, Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention
- Initiative "Kameras stoppen"
- Verwaltungsgericht Köln
- Duisburg Kontor GmbH
- Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit NRW
- WDR-Reporterinnen und -Reporter vor Ort in Wanne-Eickel und Köln
Sendung: WDR.de, Deutlich mehr Videoüberwachung in NRW, 7.12.2025, 6 Uhr


