Entspanntes Pendeln mit dem ÖPNV, Sitzen in der Straßenbahn zur Rush-Hour. Gelassen der abfahrenden S-Bahn hinterherschauen, denn die nächste kommt schon bald. Ein Auto auf dem Land ist nicht mehr nötig, um mobil zu sein, denn es gibt ein gut ausgebautes Bus-Netz. All das klingt nach einer Utopie aus einem Paralleluniversum, könnte aber machbar sein in NRW. Das meint zumindest der Verband der Verkehrsunternehmen in Deutschland (VDV). Vorausgesetzt, die Politik sei bereit, das nötige Geld dafür zur Verfügung zu stellen.
Wie teuer dieser Traum-ÖPNV würde, hat der VDV mit einem Gutachten für ganz Deutschland durchrechnen lassen. Am Donnerstag stellt der Verband in Düsseldorf die NRW-Auswertung vor. Es sieht zwei Szenarien vor: die Modernisierung, um den bisherigen Status weitestgehend erhalten zu können und der Ausbau mit einem deutlich besseren Angebot für Stadt und Land. Der VDV nennt es "Transformationsfahrplan für einen modernen, effizienten und leistungsstarken ÖPNV für alle und überall" - also das, was sich Millionen ÖPNV-Nutzende im Land wünschen.
Ziel: Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse
Ulrich Jaeger, Vorsitzender der VDV-Landesgruppe NRW, betont: "Gerade in einem Bundesland wie Nordrhein-Westfalen mit ländlichem Raum und städtischen Ballungszentren muss das politische Ziel der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse deshalb mehr sein als eine leere Absichtserklärung."
Dafür braucht es echtes Commitment der politischen Führung zum öffentlichen Verkehr. Ulrich Jaeger, VDV-NRW-Vorsitzender
Das kosten die beiden Szenarien
Der VDV unterscheidet die günstigere Variante A "Modernisierung 2040" und die teurere Variante B "Deutschlandangebot 2040". Beide gehen davon aus, dass mehr Geld in den öffentlichen Personen-Nahverkehr gesteckt werden muss. Dabei ist eine graduelle Steigerung der Finanzmittel für den ÖPNV vorgesehen. Die lagen 2024 bei 4,48 Milliarden Euro in NRW.
Variante A sieht 2040 jährliche Finanzmittel von 8,47 Milliarden Euro vor, Variante B jährliche Mittel von 15,67 Milliarden Euro. "Gegenüber der reinen Modernisierung erfordert das Deutschlandangebot 2040 zusätzliche 450 Millionen Euro pro Jahr", rechnet der VDV vor. Die günstigere Variante geht von einem jährlichen Plus von 250 Millionen Euro aus.
Das sieht die Modernisierung (Variante A) vor
Die Gelder für den ÖPNV müssen auf jeden Fall steigen, davon geht der Fachverband aus. Denn es gehe unter anderem um den Erhalt der Substanz. Aber auch die Modernisierung von Betriebshöfen und Werkstätten, die Erneuerung und Dekabonisierung der Fahrzeugflotten und die Digitalisierung müssten finanziert werden.
Damit ließe sich das Angebot weitgehend stabil halten, während die Nachfrage leicht sinke. Das liege an der demografischen Entwicklung, mit weniger Nutzenden insbesondere im erwerbsfähigen Alter.
Das sieht das Deutschlandangebot (Variante B) vor
Die Einführung eines "Mindestbedienstandards" im Busverkehr auch im ländlichen Raum und ein "Deutschlandtakt" im Schienen-Nahverkehr. Der sieht eine dichtere Vertaktung des RRX zwischen Köln und Dortmund vor, eine ausgebaute S-Bahn im Münsterland und Verbesserungen auf der Wupperachse.
Damit könne die Sitzplatzkapazität um 79 Prozent steigen und die ÖPNV-Nachfrage um mindestens 26 Prozent.
Die Hürden auf dem Weg zum besseren ÖPNV
Neben der grundsätzlichen Frage, ob die Landesregierungen und die Bundesregierung bereit sind, diese Finanzierung mitzutragen, gibt es noch weitere Herausforderungen. Mehr Geld allein reiche nicht, betont Ulrich Jaeger, VDV-Landesvorsitzender NRW. Auch die anderen Rahmenbedingungen müssten stimmen: "Schnellere Planungsverfahren und ein praktikabler regulatorischer Rahmen sind notwendig", ein zukunftsfähiger und leistungsstarker ÖPNV sei "ein Großprojekt", so Jaeger.
NRW-Verkehrsminister Krischer sieht öffentliche Hand in der Pflicht
Dem WDR sagte NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne), das Gutachten zeige klar, "dass wir im ÖPVN auf Modernisierung genauso angewiesen sind wie auf Aus- und Neubauprojekte". Vor allem brauche man ein spürbar besseres Angebot für die Menschen. "Jetzt sind Kommunen, Länder und vor allem der Bund in der Pflicht, die notwendigen Finanzmittel bereitzustellen, um möglichst viele Projekte in den nächsten Jahren umsetzen zu können."
Verband Pro Bahn NRW plädiert für umfassenden Ausbau
Auch Lothar Ebbers, Sprecher des NRW-Landesverbands Pro Bahn, leitet aus dem Gutachten die Konsequenz ab, dass nun Bund, Länder und Gemeinden aktiv werden müssen. Dem WDR sagte er, die Zahlen des Gutachtens belegten deutlich die Defizite des Öffentlichen Verkehrs in NRW. Sein Fazit lautet: "Die Finanzierungsprognose des VDV zeigt, dass ein ÖPNV, der seine Rolle für die Verkehrswende spielen soll, nur mit einer deutlichen Erhöhung der Mittel für Infrastruktur und Betrieb möglich ist."
Das dargestellte Szenario Modernisierung ist unzureichend und dennoch teuer, nur das Szenario Deutschlandangebot bietet die notwendige Zukunftsperspektive und sollte daher weiterverfolgt werden. Lothar Ebbers, Sprecher Pro Bahn NRW
Auf dem Weg zu einem besseren ÖPNV müssen, so Lothar Ebbers, unter anderem "die bislang nur sporadischen Streckenreaktivierungen landesweit deutlich zunehmen". Auch die Regionalisierungsmittel des Bundes für NRW müssten erhöht werden. Bisherige Förderprogramme wie die Schnellbusförderung zeigten auf, dass damit viele neue Fahrgäste für den ÖPNV gewonnen werden können.
Unsere Quellen:
- Gutachten des VDV
- Stellungnahme des VDV laut Mitteilung
- NRW-Verkehrsminister Krischer auf Anfrage
- Verband Pro Bahn auf Anfrage
- Eigene Recherche
Sendung: WDR 5, Westblick / VDV stellt Gutachten zum ÖPNV-Ausbau vor, 19.02.2026, 17.04 Uhr
