Nach Schüssen auf Zwölfjährige: Weiter offene Fragen
Aktuelle Stunde . 28.11.2025. 31:09 Min.. UT. Verfügbar bis 28.11.2027. WDR. Von Fritz Sprengart.
"Ich habe heute Morgen erfahren, dass das Mädchen aktuell wach und ansprechbar ist. Das ist die gute Nachricht", erklärte Innenminister Herbert Reul (CDU) am Freitag im Landtag. Dort waren der Innen- und Familienausschuss zu einer gemeinsamen Sondersitzung zusammengekommen, um sich über den Einsatz der Polizei in Bochum zu informieren, bei dem die Zwölfjährige Mitte November durch einen Polizeischuss lebensgefährlich verletzt worden war.
Das Mädchen ist gehörlos, auf lebenswichtige Medikamente angewiesen und wohnt nicht bei seinen Eltern, sondern in einer Wohngruppe in Münster. In der Sondersitzung schilderten Innenminister Herbert Reul (CDU), Familienministerin Josefine Paul (Grüne) und Oberstaatsanwalt Benjamin Kluck, was am 16 November passiert ist. Danach ergibt sich folgender Ablauf:
Der Polizeieinsatz begann am 16. November um 17:08 Uhr. Zuvor war das Mädchen von der Wohngruppe in Münster als vermisst gemeldet worden, weil es dort seit dem Mittag nicht mehr gesehen wurde. Die Polizei gehe bei vermissten Kindern immer erst einmal vom Schlimmsten aus, erklärte Reul. "Die Polizei hat in solchen Fällen alle Hebel in Bewegung zu setzen, um zu ermitteln, wo das vermisste Kind aktuell ist, warum es dort ist und ob eine Straftat dahintersteckt."
Das Mädchen wurde mehrfach vermisst
Laut Reul wurde das Mädchen schon öfter vermisst. Ihm sei von acht Fällen in Münster allein in diesem Jahr berichtet worden. Auch im vergangenen Jahr sei das Mädchen drei Mal in Bochum vermisst worden. Mal hätte es sich am Bahnhof aufgehalten, mal bei der Mutter.
Wohnungstür der Mutter
Um 17:24 Uhr bat die Polizei in Münster erstmals die Kollegen in Bochum, zur Wohnanschrift der Mutter zu fahren. Dort reagierte aber niemand auf Klopfen und Klingeln der Beamten. Gegen frühen Abend kam es dann aber zu einem Kontakt zwischen der Wohngruppe und der Mutter, bei dem die Mutter der Wohngruppe bestätigte, dass das Kind bei ihr wäre und um 21 Uhr zurück nach Münster gebracht werde - rechtzeitig zur Einnahme lebenswichtiger Medikamente, die das Mädchen benötigte. Damit war die Wohngruppe erst einmal beruhigt.
Polizei drei Mal an der Wohnung der Mutter
Gegen 20 Uhr meldete sich die Mutter erneut in Münster und teilte mit, das Mädchen sei wieder verschwunden. Ab diesem Zeitpunkt galt das Mädchen erneut als vermisst. Ein zweiter Besuch der Polizei bei der Wohnung der Mutter verlief um 22:39 Uhr wieder erfolglos.
Die Polizei entschied sich deshalb für einen dritten Besuch, bei dem die Wohnung der Mutter durchsucht werden sollte. Grund für die Dringlichkeit war, dass das Mädchen noch in der Nacht seine Medikamente einnehmen musste. Um 0:33 Uhr in der Nacht zu Montag trafen deshalb vier Beamten bei der Wohnung ein. Dort machen sie mit Taschenlampen auf sich aufmerksam. Da die Beamten Geräusche aus der Wohnung hörten, ihnen aber niemand öffnet, verständigten sie einen Schlüsseldienst. Bevor dieser eintraf, öffnet die Mutter gegen 01:30 Uhr die Tür.
Mädchen mit Messern bewaffnet
Danach spitzte sich die Situation zu. Die Mutter war nach Schilderung des Innenministers "nicht gerade kooperativ, um es behutsam zu formulieren", sagte Reul. Sie wurde deshalb von den Beamten vor der Wohnung fixiert, um in der Wohnung nach dem Mädchen suchen zu können. Vor der verschlossenen Küchentür hörten sie dann, wie das Mädchen in Besteckschubladen nach Messern griff. In der Küche hielt sich auch der ebenfalls gehörlose 21-jährige Bruder des Mädchens auf. Laut seiner späteren Aussagen soll seine Schwester auch ihn in der Küche bedroht haben.
Die Beamten zogen sich daraufhin in den Hausflur zurück. Das Mädchen soll dann mit zwei Messern auf die Beamten zugegangen sein. Dabei soll es sich laut Bericht der Oberstaatsanwaltschaft um Messer mit einer Klingenlänge von 14 bis 16 Zentimetern gehandelt haben. Einer der Beamten gab daraufhin einen Schuss ab, der die Zwölfjährige im Brustbereich traf. Ein zweiter Beamter schoss mit einem Distanz-Elektroimpulsgerät (DEIG) auf das Mädchen. Die Zwölfjährige wurde anschließend schwer verletzt in die Uniklinik Bochum gebracht.
Gegen den Polizisten, der mit seiner Dienstwaffe geschossen hat, werde wegen versuchten Totschlags ermittelt, teilte Oberstaatsanwalt Benjamin Kluck mit. Gegen den Kollegen, der mit dem Taser schoss, ermittele man wegen Körperverletzung im Amt. Beide hätten sich zu dem Einsatz bislang nicht geäußert und machten von ihrem Schweigerecht Gebrauch.
Der Anwalt des Mädchens, Simon Barrera Gonzalez, hatte die Darstellung der Ermittler zuletzt als voreilig und manipulativ kritisiert.
War Strom in der Wohnung abgestellt?
Berichte darüber, dass der Strom in der Wohnung abgeschaltet war, konnte Reul in der Sitzung nicht bestätigen. Darüber gebe es keinen Nachweis, so Reul. Das hieße aber auch nicht, dass es nicht sein könne. Sein Stand sei: "Das Licht in der Küche war eingeschaltet."
Auch auf die Frage, warum die Beamten aufgrund der Notlage des Kindes einen Schlüsseldienst und nicht die Feuerwehr riefen, konnte auf der Sitzung des Innenausschusses nicht geklärt werden.
Austausch mit Gehörlosenbund
Offen ist auch die Frage, warum bei dem Einsatz kein Gebärdendolmetscher beteiligt wurde. Entsprechende Kontakte seien in den Leitstellen hinterlegt, erklärte Reul. "Aber sind die auch in der Nacht erreichbar? Und welche Gebärdensprache werden davon abgedeckt?" fragte Reul selber in die Runde - und kündigte dabei an, sich in der nächsten Woche auch mit dem Deutschen Gehörlosenbund und dem Landesverband der Gehörlosen- und Gebärdensprachengemeinschaft auszutauschen.
Sendung: WDR 3, Der Tag um zwölf, 28.11.2025, 12:00 Uhr
Unsere Quellen:
- gemeinsame Sondersitzung des Innen- und Jugendausschusses des Landtags
- Berichte von Innenminister Herbert Reul, Familienministerin Josefine Paul und Oberstaatsanwalt Benjamin Kluck im Landtag
