Polizei-Schuss auf Mädchen in Bochum: Bodycams nicht eingeschaltet | Aktuelle Stunde
00:23 Min.. Verfügbar bis 24.11.2027.
Polizei-Schuss auf Mädchen in Bochum: Zustand kritisch, aber stabil
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Vor rund einer Woche hat ein Polizist bei einem Einsatz in Bochum einem zwölfjährigen Mädchen in den Bauch geschossen. Es wurde dabei lebensgefährlich verletzt. Jetzt kam raus: Die Bodycams der Polizei waren nicht eingeschaltet.
Bei einem Einsatz der Bochumer Polizei vor einer Woche haben Beamte auf ein zwölfjähriges Mädchen geschossen. Ein einzelner Schuss ist dabei gefallen, der das Mädchen im Bauch getroffen hatte. Das Kind musste bisher zweimal operiert werden. Auch eine Woche nach dem Vorfall ist der Zustand des Mädchens laut Polizei kritisch, aber stabil.
"Bodycams nur bei Gefahrensituationen eingeschaltet"
Was sie aber sagen konnte, ist, dass die Polizisten bei dem Einsatz ihre Bodycams nicht eingeschaltet hatten. Der Grund: Dabei habe es sich um einen Routine-Einsatz gehandelt. "Die Kameras werden nur bei einer drohenden Gefahr eingeschaltet, die man in dem Fall nicht gesehen hat", sagte Polizeisprecher Matthias Werk.
Auch aus dem Innenministerium heißt es am Montag auf WDR-Anfrage, dass die Bodycams eingeschaltet werden können, "wenn Tatsachen die Aufnahmen rechtfertigen, dass dies zum Schutz von Polizeivollzugsbeamtinnen und -beamten oder Dritten gegen eine konkrete Gefahr für Leib oder Leben erforderlich ist." Im vorliegenden Fall war man nicht von einer Gefahrensituation ausgegangen.
Mädchen war als vermisst gemeldet
Das Mädchen ist gehörlos, auf lebenswichtige Medikamente angewiesen und wohnt nicht bei seinen Eltern, sondern in einer Wohngruppe in Münster. Weil es dort den ganzen Tag nicht gesehen worden war, meldeten die Betreuer das Kind bei der Polizei als vermisst. Die Polizei hat mitten in der Nacht nach dem Mädchen gesucht, weil sie seit mehreren Stunden ihre lebenswichtigen Medikamente nicht genommen habe.
Vor der Wohnungstür der Mutter
Gesucht wurde auch am Wohnort der Mutter. In deren Wohnung trafen die Beamten auf die Zwölfjährige, wo sie laut Polizei und Staatsanwaltschaft mit zwei Messern auf die Polizisten losgegangen sein soll. Das Mädchen durfte sich eigentlich nicht bei der Mutter aufhalten. Der Mutter soll das Sorgerecht und das Aufenthaltsbestimmungsrecht für das Mädchen entzogen worden sein.
Gehörlose Mutter öffnete Wohnungstür
Die Polizisten sollen vor der Wohnungstür Geräusche aus der Wohnung vernommen haben. Erst nach einer Stunde, gegen 01:30 Uhr am Morgen, habe die gehörlose Mutter die Tür geöffnet. Wie die Mutter auf die Polizisten im Treppenhaus aufmerksam wurde, ist derzeit noch nicht bekannt. Im Hintergrund waren das Mädchen und ein junger Mann zu sehen, bei dem es sich um ihren Bruder handelte.
Laut der Polizei Essen soll die Mutter den Bochumer Polizisten den Zutritt zur Wohnung versperrt haben. Um zu dem Mädchen zu gelangen, zogen die Einsatzkräfte die Mutter in den Hausflur und fixierten sie mit Handschellen. Als die Beamten dann in die Wohnung gelangten, soll die Zwölfjährige mit zwei großen Küchenmessern aus der Küche gekommen sein und die Polizisten angegriffen haben.
Polizei setzte Taser gegen das Kind ein
Um einen Messerangriff abzuwehren, setzte einer der Bochumer Polizisten einen Taser ein. Gleichzeitig habe ein anderer Polizist auf das Mädchen geschossen, heißt es von der Polizei Essen. Der Schuss traf sie im Bauch. Die Handlungskonzepte der Polizei NRW sehe vor, dass bei einem Angriff mit Messer eine Schusswaffe einzusetzen sei.
Kein Polizist schießt gerne auf Menschen. Kein Polizist schießt gerne auf Mädchen. Es hat sich um eine Notsituation gehandelt und da mussten die Kollegen in Sekunden eine Entscheidung treffen. Sprecher der Polizei Essen
Ein Gebärdendolmetscher sei bei dem Einsatz nicht dabei gewesen. Aber die Polizei sagt, dass eine Kommunikation mit Gehörlosen gut möglich sei - durch Apps, mit Zettel und Stift oder Händen und Füßen. Einen Gebärdensprachdolmetscher anzufordern, hätte zu lange gedauert. Aus Neutralitätsgründen hat die Essener Mordkommission die Ermittlungen übernommen. DIe beiden betroffenen Beamten sind im Moment freigestellt.
Hasskommentare gegen die Bochumer Polizei
Seit dem Einsatz hat die Polizei Bochum tausende Hasskommentare in den sozialen Netzwerken erhalten. Kritik und Meinungsäußerungen seien okay, so ein Polizeisprecher. Der Großteil der Kommentare bestehe aber aus Aufrufen zu Straftaten, Morddrohungen und übelsten Beleidigungen gegen die betroffenen Polizisten. Diese werde man strafrechtlich verfolgen und anzeigen.
GdP: "Messer sind die am schwierigsten abzuwehrende Waffe"
Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, GdP, in NRW Patrick Schlüter sieht Messer als die am schwierigsten abzuwehrende Waffe. "Man kann Messer nicht im Nahkampf abwehren", so Schlüter gegenüber dem WDR.
Da die Polizei keine stichschutzhemmende Uniform trage, gebe es laut Schlüter keine andere Möglichkeit, als den Einsatz einer Schusswaffe anzudrohen. Und eine Wohnung gebe den Einsatzkräften keine Möglichkeit, eine Entfernung zu der angreifenden Person zu behalten.
Im NRW-Polizeigesetz heißt es zu diesem Thema: "Gegen Personen, die dem äußeren Eindruck nach noch nicht 14 Jahre alt sind, dürfen Schusswaffen nicht gebraucht werden. Das gilt nicht, wenn der Schusswaffengebrauch das einzige Mittel zur Abwehr einer gegenwärtigen Gefahr für Leib oder Leben ist."
Buchautor: Tendenz - Polizei verzichtet auf Begleitung durch Jugendamt
Der Journalist und Autor Mohamed Amjahid beschäftigt sich in seinen Büchern mit Polizeigewalt. Sozio-psychiatrische Dienste hätten ihm gesagt, dass die Polizei dazu tendiere, auf die Begleitung durch Jugendamt oder Sozialarbeiter zu verzichten, weil das weniger effizient sei.
Unser Quellen:
- Polizei Essen
- Polizei Bochum
- Agentur dpa
- Patrick Schlüter, Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, GdP
- WAZ Zeitung
- Mohamed Amjahid, Journalist und Buchautor