Kitas am Limit: Wenn der Geschwisterbonus wegfällt
Westpol. 19.04.2026. 13:20 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 19.04.2031. WDR.
Mittwochnachmittag vor dem Rathaus in Willich. Etwa 150 Eltern und Kinder haben sich hier versammelt, auf ihren Plakaten steht: "Wir sind kein Sparpotenzial, wir sind die Zukunft" oder "Familien entlasten, statt Kassen zu füllen". Sie sind wütend über die Sparvorschläge der Willicher Verwaltung.
Willich denkt über Abschaffung der Geschwisterregel nach
Unter anderem sollte die Beitragsfreiheit für Geschwisterkinder abgeschafft werden. Die sieht vor, dass Eltern nur einen Beitrag zahlen müssen, wenn mehrere Kinder in der Kita betreut werden. Der Vorschlag in Willich sieht vor, dass Eltern zukünftig für das zweite Kind einen reduzierten Betrag von 20 bis 25 Prozent zahlen.
Demo-Teilnehmerin Daniela Lovrencic
Der Widerstand unter den Eltern dort ist groß: Sie kritisieren, dass Kosten auf Familien abgewälzt werden. "Ich habe noch überlegt, ob ich vielleicht noch ein drittes Kind will, aber damit fällt das schonmal komplett raus", sagt Demo-Teilnehmerin Daniela Lovrencic. Anstoß für die Überlegungen der Stadt Willich sind 500.000 Euro Mehreinnahmen durch Geschwisterkindbeiträge. Wie viele andere Kommunen in NRW kämpft die Stadt mit einem Haushaltsdefizit.
Geschwisterregelung variiert zwischen Kommunen
In etwa drei Vierteln der nordrhein-westfälischen Kommunen gilt ab dem zweiten Kind noch Beitragsfreiheit. In den übrigen Städten und Gemeinden schwanken die Beitragssätze zwischen 25 Prozent und 75 Prozent.
In den blau eingefärbten Kommunen und Kreisen in NRW werden Geschwisterbeiträge für das zweite Kind erhoben.
In Münster beispielsweise zahlt eine Muster-Familie mit Jahreseinkommen von 75.000 Euro für ein vierjähriges Kind bei Vollzeitbetreuung 262 Euro. Im benachbarten Coesfeld kostet die gleiche Leistung 524 Euro. Noch deutlicher ist der Unterschied, wenn diese Familie ein weiteres zweijähriges Kind betreuen lassen will. In Münster erhöht sich der Betrag dann auf 350 Euro. Hier gibt es zwar eine Geschwisterkindbefreiung, allerdings wird der volle Betrag für das teuerste Kind bezahlt - und das ist in diesem Fall das jüngere. In Coesfeld dagegen sind für beide Kinder zusammen 746 Euro fällig.
Ob die Kommunen mit einer Geschwisterregel auch weiterhin daran festhalten, ist ungewiss: Eine stichprobenartige, nicht-repräsentative Umfrage des WDR-Magazins Westpol zeigt, dass etwa ein Viertel der kontaktierten Kommunen, in denen die Kita-Beiträge für das zweite Kind kostenlos sind, mögliche Anpassungen für die Zukunft nicht ausschließen können.
Land und Kommunen senden unterschiedliche Signale
Familienministerin Verena Schäffer (Bündnis 90/Die Grünen)
Auf Landesebene wird mit der Reform des Kinderbildungsgesetzes (Kibiz) die Bedeutung frühkindlicher Bildung und Familienförderung betont. Viel Kritik gab es für den ersten Entwurf der Landesregierung. Am Mittwoch hat NRW-Familienministerin Verena Schäffer (Grüne) nun einen überarbeiteten Entwurf vorgestellt. "Wir stärken damit die frühkindliche Bildung in unseren Kitas und die Verlässlichkeit, und die ist wichtig, sowohl für die Kinder wie für die Eltern", sagt Schäffer.
Kommunen wie Willich, die die Beitragsfreiheit für Geschwisterkinder abschaffen wollen, senden mit ihren Vorschlägen allerdings ein anderes Signal. An die Ungleichheit bei den Kita-Beiträgen kann die Familienministerin allerdings nicht selbst ran: "Die Kommunen sind zuständig für mögliche Elternbeiträge. Das ist natürlich eine finanzielle Belastung für Eltern", sagt Schäffer.
Wünschenswert sei laut Ministerin ein weiteres, beitragsfreies Jahr anzubieten - so wie es im Koalitionsvertrag vereinbart ist. Doch das hänge von den finanziellen Möglichkeiten ab. Bisher sind in NRW die letzten beiden Kita-Jahre vor der Einschulung in der Regel beitragsfrei.
Geschwisterregelung gerät auch in Kevelaer ins Wanken
Auch in Kevelaer die Geschwisterregelung auf der Kippe. Die Stadt befindet sich in der Haushaltssicherung. Ab August 2026 sollen für Geschwisterkinder die vollen Kita-Beiträge gezahlt werden müssen.
Luisa Langen, Mutter von Zwillingen
"Ich habe manchmal das Gefühl, dass da nicht bis zum Schluss gedacht wurde, was das für manche Familien bedeutet", sagt Luisa Langen, Mutter von Zwillingen und Bürokauffrau in Teilzeit. Mit der Abschaffung der Geschwisterregelung müsste die Familie über 400 Euro im Monat mehr aufbringen als bisher. Sie plant nun, ihre Arbeitsstunden aufzustocken, aber: Erhöht sich das Familieneinkommen, rutschen sie auch in eine höhere Beitragskategorie.
Alexandra Halmans ist gelernte Sozialpädagogin und Erzieherin am St. Hubertus Kindergarten in Kevelaer. Sie bekommt die Unsicherheiten und Ängste der Eltern unmittelbar zu spüren. "Wir haben durchaus Eltern, die Verträge gekündigt haben und Stunden umgebucht haben", berichtet Halmans.
Kevelaer und Willich reagieren auf Kritik
Die Elternbeiräte in Kevelaer haben im März einen Brief an die Stadt verfasst - und offenbar hat der Widerstand der Eltern etwas bewirkt – zumindest vorerst.
Die Stadt kündigt diese Woche an, an der bestehenden Geschwisterregelung bis zum Ende des Jahres festzuhalten. In den nächsten Wochen soll dann über eine Lösung diskutiert werden. "Man kann darüber nachdenken, dass man die höheren Einkommensgruppen stärker belastet, um dafür kinderreiche Familien zu entlasten", sagt Bürgermeister Dominik Pichler (SPD). Eine weitere Überlegung sei, den Beitrag für das zweite Kind zu reduzieren.
Christian Pakusch (CDU), Bürgermeister in Willich
Auch in Willich soll die Geschwisterregel nun vorerst bleiben: Ein entsprechender Vorschlag wurde vom Rat abgelehnt. "Ich glaube, es ist wichtig, den Eltern jetzt zu zeigen, dass wir durchaus verstanden haben, wir haben viele andere Krisen und da sollte man vielleicht Eltern, Familien nicht noch weiter belasten", sagt Willichs Bürgermeister Christian Pakusch (CDU). Mit Blick auf die angespannte Haushaltslage warnt Pakusch: Die Geschwisterregel stehe vor einer ungewissen Zukunft – ob sie dauerhaft bestehen bleibt, sei völlig offen.
Unsere Quellen:
- Reporter vor Ort
- Studienbericht des Forschungsverbunds DJI/TU Dortmund
- Interview mit NRW-Familienministerin Verena Schäffer
- Elternbrief der Elternbeiräte der Kindergärten in Kevelaer
- Stichproben-Abfrage unter 33 Kommunen
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 19.04.2026, 19:30 Uhr
