Im Stall ist es bunter geworden, seit Jessica Krebbing von ihrem Vater das Kommando auf dem Overdickshof übernommen hat. "Nicht mehr nur rotbraune Kühe, sondern viele unterschiedliche", lacht die 30-Jährige. Sie wird die erste weibliche Chefin auf ihrem Milchviehbetrieb in Hamminkeln sein. Und eine der wenigen Landwirtinnen, die in NRW einen Hof leiten.
Den Hof übernimmt Jessica Krebbing bald mit ihrem Mann: 200 Milchkühe und hundert Kälbchen und Jungrinder. Vor der Stallarbeit hat Jessica schon ihre zwei Kleinkinder versorgt. Das stramme Programm beginnt ab sechs Uhr früh, zählt die junge Bäuerin auf: "Füttern, melken, Kühe besamen, Ställe streuen, Silos Abdecken. Jetzt im Frühjahr starten wir damit, die Zäune fertigzumachen, damit die Kühe auf die Wiese können." Es wird eine lange Aufzählung.
Maschinen fördern Gleichberechtigung
Jessica Krebbing am Melkroboter
Ihre Eltern wollten, dass Jessica sich andere Berufe ansah. Doch sie entschied sich für den Hof. Seitdem sind nicht nur die Kühe bunter geworden. Maschinen wie ein Melkroboter erleichtern schwere körperliche Arbeiten und sparen Zeit. Die Milchkühe entscheiden selber, wann sie gemolken werden wollen und stellen sich vor dem Roboter an. Eine von vielen Veränderungen, die Frauen einen ganz andern Stand auf dem Hof ermöglichen, sagt die Jungunternehmerin: "Auf jeden Fall wird körperliche Arbeit erleichtert", sagt sie. Es gebe für Frauen mehr Gleichberechtigung in der Betriebsleitung oder sie würden als Angestellte bezahlt. "Dadurch ist auch die Altersabsicherung deutlich besser."
"Der Chef" steht vor Ihnen!
Anders hat es ihre Mutter erlebt. Christa Krebbing ist in dem vier-Generationen-Haushalt heute Tagesmutter ihrer Enkelkinder und sorgt für ihre über 90-jährige Schwiegermutter. Ihr Leben lang hat sie gleichberechtigt mit ihrem Mann den Hof geführt.
Aber wenn ein Vertreter kam, hieß es: Ist der Chef zu sprechen? Ich: Ja, steht vor Ihnen. Dann wirst du erstmal dumm angeguckt. Landwirtin Christa Krebbing
Jessica Krebbing und Mutter Christa Krebbing
Bei aller Gleichberechtigung: Viele Frauen in der Landwirtschaft wünschten sich mehr Sichtbarkeit, sagt die Präsidentin des rheinischen Landfrauenverbands, Jutta Kuhles. "Ich glaube, dass ganz oft die Wertschätzung von Außen fehlt", sagt die Landwirtin. Sehr oft werde die Rolle der Frau auf Höfen darauf beschränkt wird, dass sie den Haushalt machten und den Garten und Pflege- und Sorge-Arbeit." Das würde oft nicht entsprechend durch Lohn bewertet. "Das ist etwas, das richtig auffällt, wo die Frauen selber das Gefühl haben: ich leiste soviel, aber wo spiegelt sich das wieder?" sagt Kuhles.
Nur jeder neunte Hof von einer Frau geleitet
Obwohl mehr als ein Drittel der Arbeitskräfte in den rund 34.000 Betrieben im Land Frauen sind, wird nur jeder neunte Betrieb auch von einer Frau geleitet, betont NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen. Immer noch prägten traditionelle Rollenmuster die Branche:
Dabei sind es gerade die Frauen, die oft besonders viel leisten auf den Höfen. Sie tragen die Verantwortung, sind oft auch noch den Doppelbelastungen ausgesetzt. Wir sehen auch, dass gerade die Frauen oft die Impulsgeberinnen sind für Innovationen – zum Beispiel in der Vermarktung. NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen
Anne Unterhansberg und Lea Im Brahm im Hofladen des Buchholzhofs
Im Hofladen des Buchholzhofs in Mülheim etwa. Anne Unterhansberg und Lea Im Brahm wirken stark mit beim Konzept des modernen Farmershops. Die beiden Schwestern haben schon Teile des elterlichen Hofs übernommen. Neben Ackerbau und Getreide produziert der auch Obst- und Gemüse für die Direktvermarktung. Der Hofladen lädt zum Kauf hochwertiger Produkte ein.
Anne Unterhansberg hat Agrarwissenschaften studiert und einen Master in Hühnerzucht gemacht, bevor sie auf dem Hof einen Pensionsbetrieb für Pferde übernommen hat. Sie hat bei ihrem Einstieg ihren Vater davon überzeugt, die klassische Legehennen-Haltung durch Hühnermobile zu ersetzen. Ihre Schwester Lea hat die Meisterschule als Gärtnerin abgeschlossen. Ihr Spezialgebiet: Obstanbau. Als die heute 33-Jährige vor gut zehn Jahren einstieg, hat sie neue Akzente gesetzt und ihren Vater überzeugt, Apfelbäume anzubauen.
Nicht mehr soviel "Männerkraft" nötig
Viel habe sich im Lauf der Generationen verändert, sagt Anne Unterhansberg. "Es geht darum, sich weiterzuentwickeln." Zum Beispiel gebe es so viel technische Unterstützung, die Frauen Gleichberechtigung bringe. "Da wird einfach nicht mehr soviel - in Anführungsstrichen - Männerkraft benötigt", sagt die 35-Jährige.
Viel hat sich bewegt seit den Zeiten ihrer Groß- und Urgroßmütter, finden die jungen Landwirtinnen. Aber immer noch sei da viel Luft nach oben, sagt auch Lea Im Brahm. "Jetzt fände ich es schön, wenn es sich noch dahin entwickeln würde, dass die Frau eben nicht immer 'nur' die Frau des Landwirts ist, die im Hintergrund das Backoffice macht", sagt sie. Wenn mehr Frauen auch Betriebsleiterinnen würden, "und nicht nur im Doppelpack gebunden an den Mann".
Land fördert Landwirtinnen durch Netzwerke
Darauf setzt auch Landwirtschaftsministerin Gorißen: "Sowohl in der landwirtschaftlichen Berufsausbildung als auch in der Hochschulbildung haben wir starke Frauenanteile", sagt sie. "Es gilt nun gerade auch die guten Absolventinnen zu fördern und sie stark zu machen für Führungspositionen in Betrieben." Das Land fördere sie mit Möglichkeiten zur Vernetzung und Beratung etwa durch Seminare und Veranstaltungen der Landwirtschaftskammer. Ein Jahr, wie das ausgerufene UN-Jahr der Frau in der Landwirtschaft könne in diesem Sinne einiges bewegen
Unsere Quellen:
- Interview mit Landwirtinnen in NRW
- Interview mit Jutta Kuhles, Präsidentin des Rheinischen Landfrauenverbands
- NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen
Sendung: WDR 5 Morgenecho,09.03.2026, 06:05 Uhr
