Weniger Studierende - weniger Hochschulen?

Westpol 10.05.2026 05:45 Min. UT DGS Verfügbar bis 10.05.2031 WDR

Rückkehr zu G9 NRW-Unis kämpfen um Studenten

Stand:

Wegen der Rückkehr zu G9 fehlen den Hochschulen in diesem Jahr viele potenzielle Erstsemester aus NRW. Während Universitäten in den Metropolen gelassen bleiben, kämpfen kleinere Standorte schon lange mit sinkenden Studierendenzahlen. Mit einer Werbekampagne wollen Land und Hochschulen Studierende aus ganz Deutschland nach NRW locken.

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Per Quast
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und Fritz Sprengart

Gerade mal drei Studenten stehen um 13 Uhr an der Essensausgabe in der Mensa der Universität Siegen. Nick Lüpkes kommt mit seinem Tablet dazu. „Um zwölf Uhr ist noch etwas mehr los“, sagt der Student der auch Mitglied im ASta ist fast entschuldigend. Keine zwei Minuten später hat er sein Essen, an der Kasse ist er sofort dran.

Vor zehn Jahren wäre das hier kaum vorstellbar gewesen. Damals studierten an der Uni Siegen noch knapp 5.000 Menschen mehr als heute. Die Schlange in der Mensa reichte zeitweise bis zum Eingang.

Die Zahlen sinken schon länger

Eine ältere Frau mit randloser Brille, gelber Bluse und dunklem Blazer am Schreibtisch

Die Rektorin der Universität Siegen, Prof. Stefanie Reese

Die Studierendenzahlen in NRW sinken wegen geburtenschwacher Jahrgänge seit Jahren. In Siegen waren 2016 knapp 20.000 Studierende eingeschrieben, heute sind es noch rund 14.000. „Das bekommen kleinere, ländliche Unis dann besonders zu spüren, weil die Studierenden in die Metropolen wechseln, wenn sie die Wahl haben.“ sagt die Rektorin, Professorin Stefanie Reese.

Und das nächste Wintersemester wird eine besondere Herausforderung: Durch die Umstellung an den Gymnasien fehlen rund 40.000 Abiturienten und damit potentielle Erstsemester. Wissenschaftsministerin Ina Brandes erwartet sehr unterschiedliche Auswirkungen: „Wir haben natürlich Studienstandorte, die extrem nachgefragt sind, wie zum Beispiel Köln und Münster“, sagt die CDU-Politikerin. „Da erwarten wir relativ wenig Auswirkungen.“ Schwieriger könne es dagegen für kleinere oder spezialisierte Standorte werden.

Die großen Unis bleiben gefragt

Hauptgebäude der Bonner Universität

Hauptgebäude der Bonner Universität

An der Universität in Bonn konnten die Studierendenzahlen in den letzten zehn Jahren ziemlich konstant zwischen 31.000 und 35.000 gehalten werden. Die Universität verweist dabei vor allem auf ihre Forschungserfolge. Erst vor wenigen Monaten verteidigte die Hochschule ihren Status als Exzellenzuniversität mit gleich acht Exzellenzclustern.

„Wir möchten Talente nach Bonn rekrutieren“, sagt der Bonner Rektor, Professor Michael Hoch. „Das ist unser primäres Interesse.“ Lücken aufzufüllen oder die Standards zu senken, sei nicht das Ziel. Stattdessen setzt die Universität zunehmend auf internationale Studierende und ihren wissenschaftlichen Ruf.

„Wenn wir wirklich in die Weltspitze vordringen wollen, also zu den besten 50 Universitäten der Welt, dann muss man auch noch einmal in den Standort investieren“, sagt der Rektor. Nordrhein-Westfalen habe das Potenzial, international ganz vorne mitzuspielen.

Weniger Studierende bedeuten auch weniger Geld

Für Studierende wie Nick Lüpkes in Siegen hat die Flaute an ihrer Uni zunächst auch Vorteile. Nicht nur in der Mensa gibt es freie Plätze, auch in Seminaren muss niemand mehr auf dem Boden sitzen. Ministerin Brandes verweist ebenfalls auf die Vorteile für Erstsemester an kleineren Universitäten, besonders in diesem Jahr: „Die werden eine hervorragende Betreuungssituation vorfinden.“

Langfristig könnte die Entwicklung für kleinere Hochschulen aber zum Problem werden. Denn ein Teil der Finanzierung hängt davon ab, wie viele Studierende auch einen Abschluss machen.

„Klar wird das eine kleine Delle geben“, sagt Rektorin Reese mit Blick auf mögliche finanzielle Folgen. Sie verweist gleichzeitig auf die stabile Grundfinanzierung durch das Land sowie Drittmittel. Auch Ministerin Brandes sieht kurzfristig keine akute Gefahr für die Hochschulen. In diesem Jahr bekommen die Unis im Land insgesamt eine Grundfinanzierung von 5,3 Milliarden Euro.

Erst im vergangenen Jahr hatten die Hochschulen und das Land die sogenannte Hochschulvereinbarung bis 2028 verlängert. Solange bekommen die Unis einen Großteil ihrer Mittel unabhängig von Studierendenzahlen durch die Grundfinanzierung, welche auch mögliche Tarif- und Kostensteigerungen in der Zukunft abdeckt.

Ina Brandes, Ministerin für Kultur und Wissenschaft, am 28.03.2025 im Landtag NRW

Ina Brandes, Ministerin für Kultur und Wissenschaft

„Die Hochschulen haben absolute Planungssicherheit, unabhängig von Studierendenzahlen“, sagt Brandes. Sollte der Rückgang allerdings dauerhaft bleiben, müsse man sich „natürlich auch dauerhaft mit der Frage beschäftigen: Wie gehen wir damit um?“

Innenstadt-Campus und alte große Pläne in Siegen

In Siegen kommt hinzu, dass die Universität trotz der seit Jahren sinkenden Studierendenzahlen große Pläne etwa für neue Studiengänge hatte. Dazu der geplante Umzug in die Siegener Innenstadt: Teile des ehemaligen Karstadt-Gebäudes wurden von der Uni übernommen. Ein großer Teil der Flächen steht allerdings weiterhin leer. Ursprüngliche Pläne, zusätzliche Etagen zu nutzen, wurden längst aufgegeben – auch weil durch Homeoffice und digitales Arbeiten deutlich weniger Platz benötigt wird als früher kalkuliert.

Der ASta sieht Fehleinschätzungen bei der früheren Hochschulleitung. „Sicherlich sind da Fehler begangen worden“, sagt Till Nunnenkamp vom AStA. „Die jetzige Hochschulleitung muss diese Suppe jetzt auslöffeln.“

An der grundsätzlichen Verlagerung in die Innenstadt wollen Universität und Landesregierung dennoch festhalten. Die Hoffnung: Ein Campus mitten in der Stadt soll die Universität attraktiver und wettbewerbsfähiger machen. Für diesen Kurs gibt es auch Rückendeckung der Ministerin. „Das halten wir für richtig“, sagt Ina Brandes und schiebt gleich eine Einschränkung hinterher: „Die Räumlichkeiten müssen angepasst werden an die Studierendenzahlen.“

Kampagne gegen die Flaute

Um die Folgen des kleinen Abiturjahrgangs abzufedern, setzt das Wissenschaftsministerium gemeinsam mit den Hochschulen auf eine Werbekampagne. Studierende aus anderen Bundesländern sollen nach NRW gelockt werden.

Die Ausgangslage der Universitäten im Land könnte dabei kaum unterschiedlicher sein. Während einige Standorte versuchen, international ganz nach oben zu kommen kämpfen andere erstmal darum, ihre Hörsäle voll zu bekommen.

Unsere Quellen:

  • Eigene Recherchen
  • Interview mit Wissenschaftsministerin Ina Brandes (CDU)
  • Interview mit Prof Stefanie Reese - Rektorin Universität Siegen
  • Interview mit Prof. Michael Hoch - Rektor der Universität Bonn
  • Interview mit dem ASta der Universität Siegen

Sendung: Westpol, 10.05.2026, 19:30 Uhr

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