Wo man nur hinschaut - im Kreis Paderborn stehen sehr viele Windräder auf Feldern und Wiesen.
Windenergie : Experten stellen Studie zu Infraschall infrage
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Im Kreis Paderborn wollen Forscher einen Zusammenhang zwischen Windkraft und Herzerkrankungen entdeckt haben. Die Botschaft: Der Infraschall könne das Risiko für bestimmte neue Herzerkrankungen erhöhen. Doch ihre Untersuchung ist umstritten.
Es geht um vier Gemeinden im Kreis Paderborn in Ostwestfalen-Lippe. Hier gibt es so viele Windräder wie nirgendwo sonst in NRW. Das macht den Kreis offensichtlich auch interessant für Untersuchungen - solche, wie sie kürzlich auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin vorgestellt wurden.
Untersucht wurde, ob der Infraschall von Windrädern sich auf die menschliche Gesundheit auswirke. Dafür wurden die Gemeinden Lichtenau und Borchen, in denen viele Windräder installiert sind, mit Hövelhof und Delbrück verglichen, wo wiederum weniger Windräder stehen. Die Schlussfolgerung der Autoren: Infraschall von Windkraftanlagen erhöhe in "Kommunen mit massivem Ausbau der Windkraftenergie" das Risiko für neu entwickelte Herzerkrankungen. So steht es auf dem Poster, das auf dem Kongress im April veröffentlicht wurde.
Infraschall ist Schall mit sehr niedriger Frequenz (unterhalb von 20 Hertz) den das menschliche Ohr in der Regel nicht mehr bewusst wahrnehmen kann. Trotzdem breitet sich Infraschall wie andere Schallwellen in der Luft (oder auch im Boden) aus. In der alltäglichen Umgebung kommen sie überall vor. Sie werden von Windkraftanlagen, aber auch vom Verkehr, bei elektronischen Geräten und etwa bei Gewitter erzeugt.
Experten kritisieren Methodik
Diese Untersuchung ist umstritten und steht nicht in Verbindung mit der Unimedizin Mainz.
Doch dieses Forschungsergebnis ist höchst umstritten. Prof. Bernd Kowall, Epidemiologe an der Uniklinik Essen, findet allein auf dem einseitigen Poster mehrere Anhaltspunkte, die die Aussagekraft der Untersuchung in Frage stellen. "Ob in den Gemeinden mit mehr Windrädern tatsächlich mehr Herzerkrankungen auftreten, kann damit nicht sicher beurteilt werden", sagt Kowall.
Autor täuscht Verbindung zur Uniklinik Mainz vor
Einer der Autoren dieser Untersuchung ist der Herzchirurg Christian-Friedrich Vahl aus Mainz. Vahl gibt sich als Leiter der "Arbeitsgruppe Infraschall" der Uniklinik Mainz aus, bis zu seinem Ruhestand 2020 war er Professor dort. Die Arbeitsgruppe Infraschall und das Logo der Uniklinik sind prominent auf dem Poster platziert.
Doch auf Anfrage erklärt die Universitätsmedizin Mainz, dass Vahl seit seinem Ruhestand nicht mehr in das "aktive Arbeitsleben an der Universitätsmedizin Mainz integriert" sei. Es gebe außerdem keine Verbindung zwischen der von Vahl geleiteten Arbeitsgruppe Infraschall und der Universitätsmedizin Mainz.
Damit gehe einher, dass wissenschaftliche Publikationen "nicht im Zusammenhang mit der offiziellen Bezeichnung der früheren Universität" zu veröffentlichen seien. Die Uniklinik Mainz sei im Austausch mit Vahl, "um auf Korrekturen bzw. Unterlassung der Verwendung des Namens der Universitätsmedizin Mainz und entsprechender Angaben hinzuwirken".
Windkraftgegner verbreiten Untersuchung im Netz
Die Initiative Vernunftkraft teilt das Poster auf ihrer Website.
Auch das Umweltbundesamt kritisiert die Methodik und widerspricht den Schlussfolgerungen. Man befürchte, dass die Untersuchung "öffentlich, politisch, wenn nicht sogar populistisch instrumentalisiert wird". Tatsächlich verbreiten Windkraftgegner und - gegnerinnen wie die Bundesinitiative "Vernunftkraft" das umstrittene Poster im Netz und sehen damit ihre Theorie bestätigt, dass Windkraft die Gesundheit gefährde.
Autor antwortet nicht auf methodische Fragen
Fragen zu seiner Methodik lässt Christian-Friedrich Vahl auf WDR-Anfrage unbeantwortet. Stattdessen weist er darauf hin, dass sein Poster auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) veröffentlicht worden sei. Dafür sei die Untersuchung intensiv von anderen Wissenschaftlern geprüft worden.
Untersuchung nicht im Detail von anderen Wissenschaftlern überprüft
Die DGIM gibt auf WDR-Anfrage an, dass Poster vor der Annahme für den Kongress auf formale Gesichtspunkte geprüft werden. Die Details der Forschung würden im Vorfeld jedoch nicht überprüft.
Prof. Holger Wormer, Leiter des Lehrstuhls für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund, erklärt, dass an wissenschaftliche Poster auf solchen Kongressen grundsätzlich weniger hohe Anforderungen gestellt werden, als an Veröffentlichungen in renommierten Fachzeitschriften: "Man kann auf keinen Fall sagen, dass ein Poster auf einer wissenschaftlichen Tagung schon als ein deutlicher Beleg für irgendwelche Befunde herangezogen werden kann."
Bisher keine Belege für Gesundheitsrisiken
Die These, dass Infraschall von Windrädern Herzerkrankungen auslöst, hält auch Stefan Holzheu, Umweltwissenschaftler an der Universität Bayreuth, für fragwürdig. "Windenergieanlagen produzieren Infraschall, aber es ist verglichen mit normalem Wind oder mit den Pegeln, die wir im Autoverkehr haben, sehr gering. Es ist absurd davon auszugehen, dass diese schwachen Pegel irgendeinen Effekt haben sollen."
Das Umweltbundesamt verweist auf den aktuellen Forschungsstand. Demnach gebe es bisher keine wissenschaftlichen Belege für Gesundheitsbeeinträchtigungen durch Infraschall von Windrädern.
Unsere Quellen
- "P-15-07: Deutlich erhöhte Inzidenz von Herzinsuffizienz und Rhythmusstörungen in Kommunen mit erheblichem Ausbau der Windenergie", Poster veröffentlicht von Christian-Fr. Vahl und Oliver Dietz
- Anfrage an Prof. Bernd Kowall, Uniklinik Essen
- Anfrage ans Umweltbundesamt
- Anfrage an die Universität Mainz
- Anfrage an Prof. Philipp Wild
- Anfrage an die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin
- Interview mit Prof. Holger Wormer, TU Dortmund
- Eigene Recherche
Sendung: WDR Hörfunk, Westblick, "Die Debatte über Windkraft und Herzgesundheit", 03.06.2026, 19:30 Uhr