Wie viele kleine weiße Zahnstocher stehen die halbfertigen Windräder auf den Hügeln Sauerland: In Sundern entsteht ein neuer Windpark. Zwölf Türme stehen bereits, noch fehlen die Rotorblätter. Trotzdem ist schon jetzt zu sehen, wie sehr die Anlagen das Landschaftsbild verändern werden.
Unter einem der Türme steht Bürgermeisterin Jacqueline Bila und schaut sich die Baustelle an. Nicht alle in Sundern sind begeistert von dem neuen Windpark. Die Bürgermeisterin hat an die Anlagen aber hohe Erwartungen: "Wir haben die Hoffnung, dass wir dadurch eine kommunale Wertschöpfung haben, wo wir den Bürgerinnen und Bürgern auch viele Dinge ermöglichen können."
12-Millionen-Euro-Minus: Sundern hofft auf neue Einnahmen
Jacqueline Bila (CDU), Bürgermeisterin von Sundern
Im Rathaus geht Bila gemeinsam mit dem Stadtkämmerer die Zahlen durch. Wie viele andere Kommunen in NRW spürt auch Sundern die schwache Wirtschaft und die immer weiter steigenden Ausgaben wie für Personal oder neue Aufgaben, die die Stadt von Land und Bund bekommt. "Wir sind dieses Jahr mit einem Minus von 12,5 Millionen Euro in den Haushalt gegangen", sagt Bila.
Sie befürchtet, dass es für die Stadt im nächsten Jahr sogar noch schlechter aussehen könnte. Deshalb müssen dringend neue Einnahmen her, zum Beispiel durch den neuen Windpark. Bis Ende des Jahres sollen in Sundern zwölf neue Windenergieanlagen entstehen. Drei davon will die Stadt selbst betreiben.
Milliarden können in NRW-Regionen fließen
Eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums zeigt, wie stark Regionen finanziell vom Ausbau erneuerbarer Energien profitieren können. Gemeint ist damit nicht nur Geld für Städte und Gemeinden, sondern auch Einnahmen für Unternehmen, Grundstückseigentümer oder für Menschen, die direkt an Anlagen beteiligt sind.
Schon beim bisher fest geplanten Ausbau könnten laut Studie rund 5,4 Milliarden Euro in den Regionen bleiben. Wenn Windkraft und Solarenergie noch weiter ausgebaut werden, könnten es bis 2033 rund 12,3 Milliarden Euro sein. Erneuerbare Energien liefern also nicht nur Strom - sie können auch der Wirtschaft vor Ort helfen.
Für Kommunen heißt das aber nicht automatisch, dass Millionen in die Stadtkasse fließen. Entscheidend ist, wie die Anlagen vor Ort organisiert sind: Ob die Kommune eigene Flächen verpachtet, selbst beteiligt ist, Gewerbesteuer bekommt oder über Umlagen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz Einnahmen erhält.
Simmerath senkt die Grundsteuer
Was davon direkt bei einer Kommune landen kann, zeigt sich in Simmerath in der Eifel. Im Rathaus zeigt Bürgermeister Bernd Goffart auf einen Plan mit den Windrädern in seiner Gemeinde. Acht neue Anlagen bringen Simmerath schon jetzt mehr als zwei Millionen Euro jährlich in die Gemeindekasse.
Auch bei schlechtem Wetter drehen sich die neuen Windräder in Simmerath.
"Um diesen Betrag reduzieren wir die Grundsteuer. Weil jeder Grundsteuer zahlt, haben alle etwas davon", sagt Goffart. Im Schnitt seien das etwa 180 Euro pro Person. Die Einnahmen bekommt die Gemeinde unter anderem durch die Verpachtung von Flächen, Gewerbesteuer, Umlagen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz und Gewinnbeteiligungen.
Bernd Goffart (CDU), Bürgermeister von Simmerath, schaut sich die Standorte der Windräder in seiner Gemeinde an.
In den nächsten Jahren sollen in Simmerath noch mehr als 20 weitere Anlagen entstehen. Für Goffart ist klar, wie wichtig diese Einnahmen für den Haushalt sind: "Wenn wir die Einnahmen nicht hätten, müssten wir höhere Steuern haben, um den Haushalt auszugleichen."
Mehr Windräder in Sundern
Auch in Sundern sollen die Windräder nicht nur Strom liefern, sondern neue Einnahmen bringen. Durch eigene Anlagen, Pacht, Umlagen und Gewerbesteuer will die Stadt in den nächsten Jahren bis zu eine Million Euro jährlich einnehmen. In Zukunft soll es noch mehr werden. Insgesamt will die Sundern gut 50 Windräder auf dem Stadtgebiet stehen haben.
Der Borkenkäfer hat in der Region bereits viele Wälder zerstört. Der Windpark soll nur auf bereits kaputten Waldflächen gebaut werden. Trotzdem werden Wege für Baustellenfahrzeuge breiter, und die 165 Meter hohen Türme stehen sichtbar auf den Hügeln rund um Sundern.
Windkraft hilft, löst aber nicht alles
Auch Bürgermeisterin Bila sieht die Einschnitte in die Natur. "Ich glaube, wir müssen uns von dem Landschaftsbild verabschieden. Ich habe da zwei Herzen: Ich liebe unsere Landschaft ohne Windräder. Aber wenn wir unabhängig werden wollen, dann haben wir hier die Möglichkeiten. Und das muss mit Maß erfolgen."
Nach den Bauarbeiten werden viele Flächen wieder aufgeforstet.
Der neue Windpark wird Sundern nicht allein aus dem Minus holen. Dafür ist das Defizit von rund 12,5 Millionen Euro zu groß. Aber die Einnahmen aus Windkraft, Pacht und Gewerbesteuer können helfen, die Lücke im Haushalt spürbar kleiner zu machen.
Unsere Quellen:
- Besuch des neuen Windparks in Sundern mit Bürgermeisterin Jacqueline Bila
- Interview mit Bernd Goffart, Bürgermeister von Simmerath
- Bericht im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums: Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien
- Beobachtungen und Gespräche des WDR-Reporters vor Ort
Sendung: WDR.de, "Wie Windkraft den Kommunen in NRW finanziell helfen kann", 16.05.2026, 5:03 Uhr
