ABC-Klassen : Wie Sprachförderung für Kita-Kinder in Oberhausen hilft
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Ein Drittel der Kinder in NRW startet mit schlechten Sprachfähigkeiten in die Schule. Die Landesregierung will mit "ABC-Klassen" für Kita-Kinder Sprachdefizite noch vor der Einschulung auffangen. In Oberhausen zeigt ein Programm an einer Grundschule, wie das funktionieren kann.
Ein Drittel der Kinder in NRW kommt mit schlechten Sprachfähigkeiten in die Schule. Das haben Schuleingangsuntersuchungen ergeben. Die NRW-Landesregierung will dagegen etwas tun und sogenannte ABC-Klassen einrichten: Eine Art Vorschule für Kita-Kinder mit festgestelltem Förderbedarf, in denen sie zweimal pro Woche jeweils zwei Stunden Unterricht bekommen.
Das Projekt soll ab dem Schuljahr 2028/29 starten, NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) rechnet nach eigenen Angaben mit etwa 50.000 Kindern, die Bedarf haben.
Breite Kritik an ABC-Klassen im NRW-Landtag
Kritik daran gibt es allerdings von vielen Seiten. In einer Anhörung im Landtag Ende Mai hatten Experten aus verschiedensten Bereichen Zweifel geäußert. Vor allem wurde kritisiert, dass Fünfjährige gestresst und überlastet würden, wenn sie zweimal pro Woche in eine fremde Umgebung kämen, um dort zu lernen.
Auch wurde bezweifelt, ob 16 Monate vor der Einschulung bereits Prognosen zur Lernentwicklung eines Kindes getroffen werden können.
Der Städte- und Gemeindebund NRW befand außerdem ein logistisches Problem, wenn die betroffenen Kinder regelmäßig zum Unterricht befördert werden müssten. Die Landeselternkonferenz NRW befürchtete eine dauerhafte Stigmatisierung der Kinder, die wegen ihrer Defizite schon vor Schuleintritt Sonderunterricht bekommen müssten.
Schulministerin: "Pragmatische Lösungen finden"
Verteidigt ABC-Klassen: Schulministerin Feller
Am Dienstag hatte Schulministerin Feller zu einer weiteren Pressekonferenz geladen, um über die Kritikpunkte und Details zu sprechen. Die Lerngruppen sollen demnach aus etwa acht Kindern bestehen und bestenfalls direkt in der Kita stattfinden. Dann würden sich die befürchteten Transportprobleme erübrigen. Sei das nicht möglich, komme zum Beispiel die nächstgelegene Grundschule als Lernort in Frage: "Da muss man vor Ort einfach sehr pragmatische Lösungen finden."
Oberhausen: Gute Erfahrungen mit vorschulischer Sprachförderung
Wie das funktionieren kann, beschrieb Nicole Pasdag, Schulleiterin an der Brüder-Grimm-Grundschule in Oberhausen. Hier wird das Konzept der ABC-Klassen praktisch schon umgesetzt - unter dem Namen "Fit für die Schule". Es ist ein Angebot, das Eltern vor der Einschulung ihrer Kinder gemacht wird. Die Brüder-Grimm-Grundschule hat den Sozialindex 9 - also eine Schülerschaft mit besonders hoher sozialer Belastung und dem größten Förderbedarf.
Von den 100 Kindern, die nach den Sommerferien eingeschult werden, seien 95 Prozent bereits vorab im Förderprogramm, berichtete die Schulleiterin. Sie bekämen dort Sprachbildung, aber auch andere Kompetenzen vermittelt: von Grundzügen des Rechnens bis zur Frage "wie halte ich einen Stift oder eine Schere". Der Unterricht finde morgens früh statt, danach würden die Kinder wieder zur Kita gebracht.
Oberhausener Schulleiterin: Eltern bei Sprachförderung mitnehmen
"Eltern sind dankbar": Schulleiterin Pasdag (rechts)
Dass ihre Kinder dadurch stigmatisiert würden, sähen die Eltern in Oberhausen nicht so, davon ist Pasdag überzeugt. "Sie sind eher dankbar, wenn ihr Kind gute Startchancen bekommt." Wichtig sei, die Eltern dabei mitzunehmen: An der Brüder-Grimm-Schule gibt es ein Elterncafé, das täglich geöffnet ist und zwei Nähmaschinen bereit hält. Jeden Tag seien vor allem Mütter zu Gast, sagte Pasdag. Einmal pro Woche setze sie sich dazu.
Wenn der erste Schultag dann gekommen ist, seien die meisten Kinder guter Dinge. "Früher haben viele an diesem Tag geweint, weil sie Angst vor der unbekannten Schule hatten", so Pasdag, "das kommt inzwischen überhaupt nicht mehr vor, sie kennen die Schule schon - und wir kennen die Kinder." Auch das erlebe sie als großen Vorteil des vorschulischen Unterrichts.
ABC-Klassen: Förderkinder fühlen sich als Experten
Schulministerin Feller berichtete, in Hessen, wo es dieses Konzept bereits gibt, habe man ihr geschildert, dass die Erstklässler aus den Förderkursen oft stolz darauf seien, bereits "in der Schule" gewesen zu sein.
"Diese Rolle macht was Positives mit den Kindern", meinte auch Michael Krelle, Professor für die Didaktik an der Universität Hamburg. Schon in der Kita präsentierten sich Förderkinder mit ihrem Wissen aus der ABC-Klasse als "Experten".
Übergang zur Grundschule: Frühförderung erleichtert den Start
Bei der Anhörung im Landtag wurde auch bezweifelt, dass ein früher Sprachtest bei Vorschulkindern wirklich Aufschlüsse auf Defizite geben könne. Ministerin Feller will das sogenannte "Screening" von bislang Oktober vor dem Jahr der Einschulung auf das Frühjahr vorziehen. So vergrößert sich die Zeitspanne, die getesteten Kinder sind noch jünger, als bisher.
Darin sieht Sprachwissenschaftler Krelle keinen Nachteil: Viele Studien, auch internationale, zeigten, dass die Chancen für benachteiligte Kinder, ihre Defizite aufzuholen, umso größer seien, je früher eine Förderung beginne. Wichtig sei, dass die Lernmethoden und die Materialien der Vorschule mit denen der Grundschule abgestimmt seien. Dann sei der Übergang zur Schule auch deutlich entlastet, es brauche nicht mehr ein halbes Jahr der Eingewöhnung.
Es seien bei Weitem nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund, die bei der Einschulung massive Sprachdefizite haben, betonte Schulleiterin Pasdag. Das Phänomen durchziehe die gesamte Gesellschaft, sagte auch Sprachwissenschaftler Krelle. Über die Gründe der "Lesekrise" könne man nur mutmaßen: Unter anderem die digitalen Medien führten zu "anderen Formen der Rezeption". Auch Inhalte und deren Darstellung hätten sich verändert.
Unsere Quellen:
- Pressekonferenz mit Schulministerin Feller am 23.06.2026
- Grundsätzliche Infos zum Konzept beim NRW-Schulministerium
- Eigene, vorherige Berichterstattung
Sendung: WDR5, Westblick, 23.06.2026, 17:04 Uhr