Ein Mädchen schreibt das ABC auf eine Schultafel

Förderung der Sprachkompetenz Breite Kritik an geplanten ABC-Klassen

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Die Förderung der Sprachkompetenz von Vorschulkindern wird in einer Anhörung begrüßt - aber die Umsetzung heftig kritisiert. Eine Zusammenfassung der häufigsten Kritikpunkte in den Stellungnahmen der Verbände und Experten.

Verbände, Expertinnen und Experten werden am Mittwoch im NRW-Landtag in einer Anhörung zur Einführung von ABC-Klassen zur Sprachförderung befragt. Die vorab veröffentlichten Stellungnahmen kommen zu einem mitunter vernichtenden Urteil zum Gesetzesvorhaben der Landesregierung.

Gewerkschaften wie der DGB, aber auch der Städte- und Gemeindebund, der Kinderschutzbund und zahlreiche weitere Verbände sind sich einig in ihrer fundamentalen Kritik an den ABC-Klassen. Am prägnantesten bringt es der Kita-Träger Fröbel e.V. auf den Punkt: "Richtiges Ziel, falscher Ansatz". Ausnahmslos alle bislang vorliegenden Stellungnahmen begrüßen, dass die Landesregierung die Sprachkompetenz von Kindern verbessern will. An deren Umsetzung üben sie aber heftige Kritik.

Was sind ABC-Klassen?

Ein Drittel der Vorschulkinder in NRW hat Sprachprobleme. Das haben die Schuleingangsuntersuchungen im Jahr 2024 ergeben. Darum plant die NRW-Landesregierung verpflichtende schulische Vorkurse in Form von sogenannten ABC-Klassen. Ab 2028 soll hier gezielt die Sprachkompetenz gefördert werden. Und zwar im letzten Jahr vor der Einschulung. Zwei mal pro Woche sollen Kinder mit Förderbedarf die ABC-Klassen für jeweils zwei Stunden besuchen. Dafür wird ein zusätzlicher Stellenbedarf von 1.650 Lehrerinnen und Lehrern veranschlagt.

Diese Punkte werden in den schriftlichen Stellungnahmen am häufigsten kritisiert:

Zu hoher Transport- und Begleitaufwand

Ein Großteil der veranschlagten Kosten für die ABC-Klassen entfällt auf den Transport der Kinder von der Kita oder der Privatwohnung zu den Unterrichtsräumen. Inklusive der nötigen Begleitung der Vorschulkinder rechnet das Schulministerium mit Fahrtkosten von jährlich 108 Millionen Euro. Zusammen mit den Kosten für die benötigten zusätzlichen Lehrerstellen ist das der teuerste Punkt der insgesamt rund 280 Millionen Euro teuren ABC-Klassen.

Diese hohen Kosten werden vielfach kritisiert, u.a. vom Verband Bildung und Erziehung NRW und dem Städte- und Gemeindebund NRW. Letzterer bemängelt auch den damit verbundenen Verwaltungsaufwand für die Schulträger und ungeklärte Versicherungsfragen.

Breite Kritik an ABC-Klassen in NRW im Landtag

WDR 5 Westblick - aktuell 20.05.2026 06:13 Min. Verfügbar bis 20.05.2027 WDR 5

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Keine vertraute Lernumgebung

Kinder lernen am besten in einer vertrauten Lernumgebung mit vertrauten Personen - so argumentieren zahlreiche Verbände. Der Kinderschutzbund NRW schreibt zum Beispiel: "Die ABC- Kurse reißen Kinder aus ihrem vertrauten Alltag, fahren sie ohne Bezugspersonen in unbekannte Gruppen an fremden Orten und konfrontieren sie mit fremden Personen. Das führt bei Fünfjährigen zu Stress und löst eher Lernblockaden als Entwicklungsfortschritte aus."

Ähnlich argumentiert auch Renate Zimmer, Erziehungswissenschaftlerin der Uni Osnabrück. Sie kennt die Situation in NRW gut, unter anderem hatte Zimmer die Einführung der alltagsintegrierten Sprachbildung in den NRW-Kitas ab 2014 wissenschaftlich begleitet.

Ihr Vorwurf: das Konzept der ABC-Klassen ignoriere sowohl die Bedürfnisse von Kindern als auch wissenschaftliche Erkenntnisse zum Spracherwerb: "Stabile Beziehungen, vertraute Bezugspersonen, verlässliche Alltagsstrukturen und ein sicheres Umfeld gehören zu den grundlegenden Voraussetzungen für einen erfolgreichen Spracherwerb." Zimmer gibt zu bedenken: "Sprachentwicklung braucht sprachliche Vorbilder und Vielfalt. In heterogenen Gruppen können auch Kinder untereinander ein Vorbild sein und sich gegenseitig anregen."

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Aus Sicht der Gewerkschaft Komba NRW ist auch die Unterrichtsdauer von zwei Stunden falsch: "Längere, strukturierte Lerneinheiten widersprechen den Entwicklungsbedürfnissen vieler Kinder im Alter von fünf Jahren." Der Landeselternbeirat NRW fordert für Kita-Kinder "eine Trennung vom alltäglichen Umfeld zu vermeiden, um nicht unnötig Belastungssituation entstehen zu lassen".

Gefahr der Stigmatisierung

Die Landeselternkonferenz NRW befürchtet, dass Kinder durch den Besuch der ABC-Klassen "dauerhaft mit einem Etikett verknüpft werden". Auch die Pädagogin Renate Zimmer spricht von einer "Negativauslese", die zu "Diskriminierung und Stigmatisierung" führt. Und der Partitätische NRW sieht das "Risiko von Stigmatisierung und Separation".

Fehlendes Personal für die ABC-Klassen

Das Schulministerium rechnet damit, dass 1.650 Lehrerstellen für den zusätzlichen Sprachunterricht nötig sind. Seit Jahren gebe es aber bereits einen "signifikanten Lehr und Fachkräftemangel in der Primarstufe", stellt der Verband Bildung und Erziehung NRW fest. Es reiche nicht aus, Stellen zur Verfügung zu stellen, diese müssten auch "qualitativ hochwertig" besetzt werden.

Für Pädagogikprofessorin Renate Zimmer führt der Plan, in Zeiten des Personalmangels an Grundschulen und in Kitas 1.650 neue Lehrerstellen zu schaffen und zu besetzen, schlicht "an der Realität vorbei".

Sprachstandserhebung kommt zu früh

Der Kinderschutzbund NRW bezweifelt, dass 16 Monate vor der Einschulung bereits eine hinreichende Prognose zur Lernentwicklung getroffen werden kann. Der DGB NRW gibt zu bedenken, dass durch die Vorverlagung der Einschulungsuntersuchungen "noch weniger Lebens- und Entwicklungszeit bis zu dieser Begutachtung vergeht". Der Paritätische NRW kritisiert, dass die Sprachstandserhebung im Rahmen der Schuleignungsprüfung nur punktuell ist und keine Entwicklung erfassen kann.

Alternativen zu ABC-Klassen

Die meistgenannte Alternative zu den mehrheitlich abgelehnten ABC-Klassen lautet: Es ist besser, das vorhandene System der frühkindlichen Bildung in den Kitas zu stärken. Dass aktuell ein Drittel der Kinder mit mangelnder Sprachkompetenz in die Schule komme, liege nicht an den Erzieherinnen und Erziehern in den Kitas, betonen zahlreiche Verbände. Der DGB NRW schreibt: "Fachkräftemangel, schlechte Personalschlüssel, Fluktuation und durch diese Situation bedingte hohe Krankenstände verhindern, dass die pädagogischen Ansprüche erreicht werden können."

Die Landeselternkonferenz bescheinigt den pädagogischen Fachkräften in den Kitas eine "hohe Expertise in der frühkindlichen Sprachbildung".

Feller: "Die Zeit drängt."

Nach der Anhörung sagte NRW-Schulministerin Feller, das Ministerium werde "die Hinweise und Stellungnahmen sorgfältig auswerten und in die weiteren Beratungen einbeziehen". Externe Expertise habe man aber auch im Vorfeld zu Rate gezogen. "Die Zeit drängt. Wir brauchen den Mut für neue Schritte." Die alltagsintegrierte Sprachbildung in den Kitas bleibe unverzichtbar und müsse weiter gestärkt werden. "Gleichzeitig brauchen wir eine ergänzende Förderung, die gezielt die Kinder erreicht, die zusätzliche Unterstützung benötigen." Diese erfasse auch die Kinder, die keine Kita besuchen.

Das Ministerium zitiert in seiner Mitteilung auch Michael Krelle, Professor für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur mit dem Schwerpunkt Primarstufe an der Universität Hamburg: Alltagsintegrierte Sprachförderung sei unverzichtbar, weil sie Sprache in authentischen Kommunikationssituationen stärke. Gleichzeitig zeigten zahlreiche Studien, dass sie allein nicht ausreiche, um sprachliche Entwicklungsrückstände systematisch aufzuholen. "Additive Sprachförderung bietet gezielte, strukturierte Lerngelegenheiten, in denen grundlegende sprachliche Kompetenzen und Vorläuferfähigkeiten nachweislich aufgebaut werden können." Gerade Kinder mit erhöhtem Förderbedarf profitierten von dieser Kombination: "Während der Alltag den Transfer sichert, ermöglicht die additive Förderung die notwendige Intensität und Fokussierung."

Unsere Quellen:

Sendung: WDR.de, Anhörung zu ABC-Klassen, 20.05.2026, 5 Uhr

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