Tag der Befreiung | Aktuelle Stunde
WDR. 00:22 Min.. Verfügbar bis 08.05.2028.
Bert Woudstra ist 1932 als zweiter Sohn jüdischer Eltern in Enschede geboren. Seine Mutter war Deutsche, sein Vater Niederländer. In ihrem Glauben seien seine Eltern sehr liberal gewesen, sagt Woudstra. Die ersten Jahre seines Lebens beschreibt er als sehr schön. Doch mit Beginn des Zweiten Weltkriegs war diese behütete Kindheit vorbei. Woudstra durfte nicht mehr zur Schule gehen, musste einen Judenstern tragen. 1941 sei sein Vater verhaftet und ermordet worden.
Woudstras Mutter beschließt, mit den Kindern unterzutauchen. Mit der Hilfe einiger Unterstützer überleben Bert Woudstra, seine Mutter und sein Bruder. Doch 24 seiner Familienmitglieder wurden umgebracht, erzählt der 94-Jährige. Heute ist er einer der letzten Zeitzeugen, die noch aus erster Hand über die Zeit des Holocausts berichten können.
Austausch mit Schülern in Lünen
Als "Tag der Befreiung" markiert der 8. Mai das Ende des Zweiten Weltkriegs. Zu diesem Anlass kam Woudstra heute in die Cineworld Lünen, um seine Geschichte mit Schülerinnen und Schülern zu teilen. Danach hatten diese die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Veranstalter waren das "Forum Jugend" aus Dortmund und die Wahlliste "Vielfalt für Lünen". Zu Lünen hat Woudstra eine besondere Verbindung: Sein Onkel hat laut des Zeitzeugen viele Jahre dort gelebt.
Welche Bedeutung hat der 8. Mai heute noch für Sie?
Bert Woudstra: Bei uns ist der 5. Mai der Anbruch unserer Freiheit. Das haben wir schon gefeiert. Wir hatten ein Lunch für alle Bürger von Enschede, die sich anschließen wollten. Das war sehr erfreulich und auch emotional. Wir haben da über unsere Freiheit gesprochen. Am 8. Mai ist es dann das gleiche für Deutschland. Das war das Ende des Faschismus. Das ist natürlich ein wunderbares Ereignis, dass wir 81 Jahre in Freiheit leben. Das müssen wir umarmen und schätzen. Das sind Meilensteine für mich, die sehr emotional sind.
Aktuell gibt es in der Welt wieder viele Unruhen und Kriege. Inwiefern beschäftigt Sie das?
Woudstra: Sehr, sehr. Es macht mich ängstlich, es berührt mich sehr. Darüber werde ich auch am 8. Mai sprechen, ich werde das nicht wegschieben. Ich finde das furchtbar. Hitler war ein furchtbarer Diktator. Netanjahu, Trump, Putin,... Diese Männer - es sind immer Männer, keine Frauen - üben so sehr Macht aus und denken so wenig oder gar nicht nach. Tausende Menschen, die jetzt sterben müssen durch das Eingreifen dieser Mächte. Das geht mir sehr nahe. Als einer der Wenigen bin ich ein Überlebender von schrecklichem Faschismus. Da fühle ich mit. Mit den Palästinensern, die jetzt alle umkommen, die jungen Leute, die vielen Kinder, die ermordet werden. Das ist furchtbar.
Warum ist es Ihnen wichtig, Ihre Geschichte weiterzuerzählen?
Woudstra: Ich habe das Gefühl schon 40 Jahre, dass ich meine Geschichte teilen muss, um zu warnen. Es ist für junge Menschen immer schwierig, sich 80 Jahre in der Geschichte zurückzuversetzen. Aber ich hoffe, dass durch mein Vorbild, durch das, was ich miterlebt habe, man wach wird und ernsthaft über Demokratie, Mitbestimmen nachdenkt und Druck gegen die rechte Seite unserer Politik aufbaut, die alles ausradiert und sagt, das ist nicht wahr. Ich fühle in meiner Seele, dass ich diese Botschaft ausbringen will, um zu warnen und einer Wiederholung zuvorzukommen.
Welche Rückmeldungen auf Ihre Arbeit bekommen Sie gerade von jungen Menschen?
Woudstra: Sehr verschiedene. Darüber könnte ich Stunden erzählen. Ich höre, dass junge Leute durch meinen Vortrag gerührt sind. Und ich hoffe, dass sie etwas davon mitnehmen. Es ist nur eine kleine Gruppe, die das wirklich mitnimmt, aber auch für die kleine Gruppe mache ich das gerne. Wenn wir dafür sorgen, dass es noch Leute gibt, die Widerstand leisten wollen gegen diese schlimmen Sachen, gegen den Faschismus, den Antisemitismus und gegen Diskriminierung.
Ich mache mir zum Beispiel auch Sorgen darum, wie man jetzt mit Flüchtlingen umgeht. In Holland, in Deutschland glaube ich weniger, aber hier ist es schlimm, wenn wir Unterkünfte für Flüchtlinge suchen, kommen viele Leute, die dagegen einen Aufstand machen. Das finde ich so traurig, dass wir kein mitmenschliches Gefühl haben. Ich verstehe das nicht.
Das Interview wurde geführt von WDR-Reporterin Katharina Hollstein.
Hinweis der Redaktion vom 08.05.2026, 17:08 Uhr: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen geben die persönliche Sicht des Interviewpartners wieder. Im Gespräch thematisiert der Interviewpartner seine Kritik an Machtmissbrauch, autoritärem politischen Handeln und den humanitären Folgen von Krieg und Gewalt.
Sendung: WDR.de, Zeitzeuge spricht mit Schülern in Lünen, 08.05.2026, 06:00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 08.05.2026, 18:45 Uhr
