Matthias Altevogt hat die Vergangenheit seines Opas erforscht und hat trotzdem noch zahlreiche Fragen
"Vati" war SS-Mann
Der Mann auf dem Bild ist ein Anzugträger mit Allerweltsgesicht. Nüchtern blickt er in die Kamera, die Krawatte akkurat zurechtgerückt, der Scheitel sauber nach links gezogen. In einem anderen Leben hätte Erduin Schondorff auch die Kreissparkasse um die Ecke leiten können.
Er sieht aus wie das Abziehbild des nationalsozialistischen Schreibtischtäters. "'Toller Vati' wurde er genannt. So ein Starker, der alles geregelt kriegt. Da liegt so viel Liebe und Zärtlichkeit drin. Das war eben der Vati."
Für seinen Vater war Matthias Altevogts Großvater der "Vati", ein liebender Familienvater
Bedächtig steckt Altevogt das Porträt seines Großvaters zurück zu den wenigen anderen Zeugnissen seines Vorfahren, die ihm geblieben sind: ein Familienfoto im Garten, eine Todesurkunde des sowjetischen Roten Kreuzes und ein Brief.
Ein Teil der Familie - und trotzdem ein Verbrecher
Matthias Altevogt, kniet vor einem unscheinbaren Grab, irgendwo auf einem Lemgoer Friedhof. Ein paar Quadratmeter lieblos verteilter Rindenmulch, eine altersschwache Gedenktafel, ein paar graue Kantensteine. Es ist das Grab eines Menschen, den man gerne vergessen würde, aber nicht vergessen kann. Streng genommen ist es noch nicht einmal das. Es ist ein Mahnmal.
Es gibt da etwas, was 55-Jährige endlich begreifen will. Einen Widerspruch, den er nicht auflösen kann. Wie kann dieser Mensch gleichzeitig sein Opa und ein Massenmörder sein? "Was würden Sie ihrem Opa gerne sagen, wenn Sie könnten?" Altevogt ringt um die richtigen Worte. Drei Sekunden lang. Vier Sekunden lang. Die Antwort fällt ihm schwer. Die Antwort zeugt von der Ambivalenz, die der Enkel empfindet: "Wir haben dich vermisst" und "du bist ein Rätsel".
Matthias Altevogt fällt es schwer, zu sagen, was er seinen Opa gerne fragen würde
00:22 Min.. Verfügbar bis 29.05.2027.
Erduin Schondorff, Altevogts Großvater, verstarb 1948, drei Jahre nach Kriegsende, in sowjetischer Gefangenschaft. Sein Leichnam ist bis heute verschollen. Altevogt kennt seinen Opa nur von vergilbten Bildern und aus angestaubten Geschichten. Und doch verfolgt er ihn bis heute.
Opa macht in der SS Karriere
Am 01. Juni 1939, genau drei Monate, bevor Adolf Hitler im Namen des Dritten Reichs den Zweiten Weltkrieg entfesseln wird, erhält Erduin Schondorff einen Brief aus Berlin. Für den damals 39-Jährigen ist es der Höhepunkt seiner Karriere.
Altevogts Großvater wird zum SS-Mann. Für 1.500 Mark im Monat, eine enorme Summe, stellt sich Schondorff in den Dienst von Hitlers Helfern. Der gebürtige Rheinländer ist ein gefragter Mann.
SS steht für Schutzstaffel. Sie entwickelte sich im Dritten Reich von einer paramilitärischen Schutztruppe zum Terror- und Repressionsinstrument. Ihre Aufgaben reichten von der Überwachung und Verfolgung politischer Gegner über die Organisation und Durchführung des Holocaust bis hin zur Verwaltung der Konzentrations- und Vernichtungslager. Die SS war maßgeblich an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt, darunter Massenerschießungen, Deportationen und die systematische Ermordung von Millionen Menschen. Der Rang eines Hauptsturmführers, den Erduin Schondorff innehatte, entspricht einem mittleren Offiziersrang, der häufig mit Führungsaufgaben zum Beispiel in Lagern betraut war - oft mit direkter Verantwortung für Menschenrechtsverbrechen.
"Kommando Klinker" kostet tausende Menschen das Leben
Im Jahr 1900 geboren, lässt sich Schondorff am Technikum im lippischen Lage zum Ingenieur ausbilden und steigt zu einem der führenden Experten in der Ziegelherstellung in ganz Deutschland auf. Das macht ihn interessant für die SS, die im kleinen Dorf Sachsenhausen in der Nähe von Berlin gerade ein riesiges Konzentrationslager errichtet hat. Mithilfe modernster Herstellungsmethoden und quasi unbegrenzt vorhandener Sklavenarbeitskraft soll hier das größte Ziegelwerk der Weltgeschichte entstehen und Schondorff soll es leiten.
Über 200.000 Menschen waren zwischen 1936 und 1945 im KZ Sachsenhausen inhaftiert, schätzungsweise 55.000 starben
Dabei sei der Großvater eigentlich kein überzeugter Nationalsozialist gewesen, meint sein Enkel heute. Seinen Aufnahmeantrag in die NSDAP verschlampt das Regime. Schondorff kümmert sich nicht darum. Jahrelang. "Aber er hat die Taten der Nazis mitgetragen und auch an entscheidender Stelle mitgewirkt, ganz klar", meint Altevogt. Das durch die Archivunterlagen zu lernen, hat ihn emotional stark mitgenommen.
Matthias Altevogt lernte durch Archivunterlagen mehr über die Nazi-Vergangenheit seines Opas
00:40 Min.. Verfügbar bis 29.05.2027.
Schondorff ist ein brutaler Karrierist, der für seinen beruflichen Erfolg buchstäblich über Leichen geht. Unter seiner Leitung wird das Klinkerwerk zum gefürchtetsten Ort innerhalb des Konzentrationslagers. Während der Nazi-Herrschaft sterben in Sachsenhausen schätzungsweise 55.000 Menschen, viele von ihnen Häftlinge im "Kommando Klinker."
- Hier geht es zu dem Beitrag: Holocaust-Überlebender spricht in Lemgo
Die Arbeitsbedingungen vor Ort sind unbeschreiblich. Wenn Ziegel während des Brennprozesses schmelzen, schickt Schondorff unzureichend bekleidete Häftlinge in die kochend heißen Öfen. Sie müssen die flüssige Masse per Hand von den Wänden kratzen. Schondorffs Arbeitskollege im Klinkerwerk, SS-Obersturmbannführer und Lagerführer Hermann Heidrich, kommentiert das so: "Hier gibt es nur Gesunde oder Tote."
Liebender Vater und Massenmörder - kein Widerspruch
Wie viel Schuld tatsächlich an den Händen seines Großvaters klebt, ist Enkel Altevogt erst in den letzten Monaten klar geworden. "In der Familie gab es immer die Neigung, seine Geschichte zu verharmlosen. Es wurde nicht geleugnet, dass er bei der SS war, aber es gab die Hoffnung, dass er irgendwie von dem Morden nichts mitbekommen hat. Das ist natürlich völliger Quatsch." Altevogt hat sich damit abgefunden, dass sein Opa hunderte, vielleicht tausende Menschen ermordet hat.
Dr. Andrea Möllering weiß, wie Traumata von der einen in die nächste Generation weitergegeben werden
Was ihn quält, ist die Frage nach dem "Warum". Vielleicht, meint Dr. Andrea Möllering, Chefärztin und Traumaforscherin am Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld, müsse Altevogt einfach damit leben, dass es kein Widerspruch sei, liebender Familienvater und kaltblütiger Massenmörder zu sein.
Altevogt ist überzeugt davon, dass seine Familiengeschichte keine Ausnahme ist. Dass es sich lohnt, Fragen zu stellen, was Opa und Oma zwischen 1933 und 1945 gemacht haben, auch wenn man die Wahrheit eigentlich nicht hören will. In den nächsten Monaten will er seinen eigenen Podcast herausbringen, in dem andere Betroffene ihre Geschichten erzählen.
SS-Großvater Erduin, sagt Altevogt heute, sei ein Teil von ihm. Und das sei gut so: "Das ist mein Opa. Dazu kann ich stehen. Er hatte Begabungen, die er leider in den völlig falschen Dienst gestellt hat. Und vielleicht hab ich auch etwas von ihm in mir, was ich zu Besserem anwenden kann. Vielleicht würde er sich darüber freuen."
Über dieses Thema haben wir auch am 23.04.2025 im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ostwestfalen, 19.30 Uhr.
