Atommüll-Transport erreicht Zwischenlager in Ahaus ohne Zwischenfälle

WDR 00:29 Min. Verfügbar bis 11.03.2027

Erster Castor mit Atommüll in Ahaus angekommen: Wie geht es weiter?

Stand:

Vergangene Nacht hat einer der größten Atommüll-Transporte in der Geschichte von NRW begonnen. Der erste von 152 Castor-Behältern wurde vom ehemaligen Forschungsreaktor Jülich ins Zwischenlager Ahaus gebracht. Die Opposition im Landtag spricht von "Irrsinn ungekannten Ausmaßes". Wie geht es jetzt weiter?

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Am Tag nach dem ersten Atommüll-Transport ist es ruhig in Ahaus im Münsterland. "Der Verkehr rollt, die Straßen sind wieder frei. Die Menschen fahren zur Arbeit. Von den Protesten sind nur noch die Plakate am Straßenrand zu sehen", sagte ein WDR-Reporter am frühen Morgen.

Reul über Castor-Transporte: "Akribische Vorbereitung"

WDR 5 Morgenecho - Interview 25.03.2026 03:59 Min. Verfügbar bis 25.03.2027 WDR 5

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In der Nacht gegen zwei Uhr war der Castor im Zwischenlager angekommen – der erste Transport seit 15 Jahren. In den Behältern lagern rund 300.000 Brennelement-Kugeln aus dem früheren Versuchsreaktor Jülich. Der Castor-Behälter kam nach etwa vier Stunden gegen zwei Uhr nachts in Ahaus im Münsterland an, dort protestierten nach Polizeiangaben rund 380 Menschen. Bei der Abfahrt in Jülich sollen es knapp 30 gewesen sein. In Duisburg sollen 15 Menschen an einer Versammlung teilgenommen haben.

Die Fahrt wurde mit 2.400 Einsatzkräften abgesichert. Der Konvoi legte die etwa 170 Kilometer lange Strecke nach Ahaus größtenteils auf der Autobahn zurück, er rollte über die A31, 42 und 46 und bestand aus etwa hundert Fahrzeugen. Die Polizei sagt, dass es unterwegs keine Störaktionen von Atomkraft-Gegnern gegeben habe. Die Autobahnen waren für den Transport gesperrt - inzwischen sind sie wie die betroffenen Straßen in Ahaus wieder frei.

Wann findet der nächste Castor-Transport nach Ahaus statt?

Nach dem ersten Transport sollen in den nächsten Monaten auch die verbleibenden 151 Castor-Behälter von Jülich nach Ahaus gebracht werden. Das sagte die bundeseigene BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung. Sie ist für das Zwischenlager Ahaus zuständig. Wann genau der nächste Atommüll-Transport folgt, wurde noch nicht gesagt.

Die Grafik zeigt zwei beladene und zwei unbeladene Lkw sowie eine Reihe an Tonnen mit einem Symbol für Radioaktivität

Fest steht indes: In den nächsten anderthalb Jahren, bis August 2027, sollen alle Behälter nach Ahaus gebracht werden. Bis dahin gilt die Genehmigung für den Transport der Castor-Behälter. "Die Transporte sind für uns ein Marathon", sagte Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf.

Maximal drei Castoren können auf einmal transportiert werden – das macht etwa 50 Transporte, im Schnitt drei pro Monat. Ob das in der Zeit zu schaffen ist oder ob die Genehmigung verlängert werden muss - auch das ist ungewiss.

Warum müssen die Castoren überhaupt nach Ahaus?

Die Betriebsgenehmigung für das Zwischenlager in Jülich lief 2013 aus – danach ordnete die NRW-Atomaufsicht die Räumung an, weil die Erdbebensicherheit des Lagers nicht nachgewiesen werden konnte.

Castor-Transport durch NRW - Gelbe Castoren stehen in einer Halle

Castoren im Forschungszentrum Jülich

Was kosten die Lagerung und die Transporte?

Der Transport und die Lagerung des radioaktiven Mülls in Ahaus kosten viele Millionen Euro: Für die Transporte und ihre Vorbereitung fallen laut der Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen 90 Millionen Euro an. Hinzu kommen zehn Millionen Euro für die vorgehaltenen Stellplätze in Ahaus seit 2015. Für die Zwischenlagerung beziehungsweise eine mögliche Endlagerung sind weitere 50 Millionen Euro eingeplant. So kommt eine Gesamtsumme von 150 Millionen Euro zusammen.

Castor-Transporte in Nordrhein-Westfalen

Polizisten beim Castor-Transport

Der Bund übernimmt 70 Prozent der Kosten, das Land NRW zahlt den Rest. Die Polizeieinsätze zur Sicherung der Strecke sind laut Entsorgungsgesellschaft in den oben genannten Kosten noch nicht drin.

Auf welcher Strecke rollen die nächsten Atommüll-Behälter von Jülich nach Ahaus? 

Auch das lässt sich für die Zukunft nicht genau sagen. Beim gerade abgeschlossenen Transport hatte das Bundesverkehrsministerium einige Tage zuvor auf der "Digitalen Plattform Unbemannte Luftfahrt" (Dipul.de) eine Flugverbotszone für Drohnen veröffentlicht, die sich entlang der Autobahnen von Jülich nach Ahaus erstreckt. Daraus ließ sich die Route weitestgehend ableiten.

Landesregierung gibt dem Bund die Schuld

Angesichts heftiger Kritik von vielen Seiten - auch an dem aufwändigen Polizeieinsatz - zeigt die NRW Landesregierung auf den Bund: Der sei schuld, dass es keine andere Lösung gebe, als die riskante Tour quer durch NRW.

Herbert Reul (02.03.2026).

NRW-Innenminister Herbert Reul

"Wenn es nach mir ginge, könnte ich auf die anstehenden Castortransporte gerne verzichten", hatte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) schon am Dienstag mit Blick auf den enormen Polizeieinsatz gesagt. "Wir können uns die Einsätze nicht aussuchen."

Die Polizei habe ihren Einsatz "großartig gemacht", lobte Reul am Mittwochmorgen im WDR-Interview. Aber auch die Demonstrierenden hätten sich "ordentlich verhalten".

Mona Neubaur (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie von Nordrhein-Westfalen sowie stellvertretende Ministerpräsidentin, spricht bei ihrer Jahresauftakt-Pressekonferenz in der Landespressekonferenz.

"Hätten uns andere Entscheidung gewünscht": Ministerin Mona Neubaur

NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) wies Richtung Berlin: "Wir hätten uns eine andere Entscheidung des Bundes gewünscht und haben dazu in der Vergangenheit alle Handlungsoptionen ausgeschöpft, um unnötige Transporte zu vermeiden." Das Land habe aber "keine Entscheidungsgewalt in dieser Sache". Sie wies darauf hin, dass die Landesregierung bereits eine Fläche für ein neues Zwischenlager bei Jülich vorgeschlagen hatte. "Leider hat der Bund diese Lösung nicht unterstützt." So bleibe nur der Transport nach Ahaus.

Grüne: "Verfehlte bundespolitische Entscheidungen"

Auch die an der Landesregierung beteiligten Grünen in NRW kritisierten die jetzt gestartete Castor-Transport-Serie. Sie sei das Ergebnis verfehlter bundespolitischer Entscheidungen. "Der Bund steht in der Verantwortung, endlich ein schlüssiges und belastbares Gesamtkonzept für die Zwischen- und Endlagerung von Atommüll vorzulegen", sagte die anti-atompolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Norika Creuzmann. Dass sich die Suche nach einem geeigneten Standort für ein Endlager bis in die 2070er-Jahre ziehen könnte, lasse an der Ernsthaftigkeit der Bemühungen des Bundes zweifeln.

SPD: "Irrsinn ungekannten Ausmaßes"

Alexander Vogt

Alexander Vogt (SPD)

Die Opposition im Landtag dagegen will die schwarz-grüne Landesregierung nicht mit dem Verweis auf den Bund davon kommen lassen. "Nordrhein-Westfalen ist wieder Atommüll-Autobahn", sagte Alexander Vogt, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag NRW. "Das ist allein das Ergebnis schwarz-grüner Tatenlosigkeit und damit das Scheitern von Wirtschaftsministerin Mona Neubaur."

Die Landesregierung habe "bewusst" darauf verzichtet, einen Neubau eines Zwischenlagers in Jülich zu forcieren. "Und das obwohl der Bund dazu bereit war, sollte das Land die Mehrkosten tragen." Nun aber würden 152 Castor-Behälter über Jahre hinweg durch Nordrhein-Westfalen transportiert - jedesmal unter dem Schutz tausender Polizeikräfte, "die dann an anderer Stelle fehlen". Vogt sprach von einem "Irrsinn ungekannten Ausmaßes".

Terrorismus, Sabotage, Drohnenattacken - eine Gefahr für die Castor-Transporte?

Terrorismus und Sabotage spielten bei der Vorbereitung eine Rolle, waren aber nicht die Hauptsorge – eher Störaktionen entlang der Strecke. Die Polizei überprüfte im Vorfeld Hinweise auf mögliche Anschläge, sicherte über 200 Brückenbauwerke und setzte Hubschrauber ein, die auf mögliche Gefahrenstellen hinweisen konnten. "Das waren 170 Kilometer, die kann man ja nicht lückenlos überwachen. Das ist schon eine Riesenaufgabe", sagte Reul dem WDR.

Atomkraftgegner kämpften vor Gericht gegen Transport 

Der nun angelaufenen Transport-Serie waren mehrere Gerichtsentscheidungen und eine Infoveranstaltung für die Bürger in Ahaus vorausgegangen. Anfang März entschied das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg in einer Eilentscheidung, dass die Transporte stattfinden dürfen. Die Umweltorganisation BUND hatte den Transport auf dem Gerichtsweg verhindern wollen. Ihre Begründung: Die Sicherheit der Castoren sei bei der Fahrt über die Straßen in Nordrhein-Westfalen gegen Störmaßnahmen Dritter nicht gewährleistet.

Unsere Quellen:

  • WDR-Reporter vor Ort
  • WDR-Interview mit NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU)
  • Statement NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne)
  • Statement SPD-Fraktion im Landtag NRW
  • Statement Creuzmann, Grüne
  • Nachrichtenagentur dpa

Sendung: WDR 5, Morgenecho, 25.03.2026, 8:05 Uhr

Kommentare zum Thema

3 Kommentare

  • 3 Anonym 26.03.2026, 13:17 Uhr

    zitat reul: "der schutz, der Sicherheit der Menschen ist etwas was der Staat auchleisten muss - dafür zahlen die Menschen auch Steuern..." Wenn dem so wäre, würden die Castoren nicht fahren! Die Steuern werden für unsinnige Hin- und Hertransporte verballert wobei der Schutz und die Sicherheit der Menschen absolut nebensächlich ist!

  • 2 Heinz 25.03.2026, 18:56 Uhr

    Ja, Herr Schäfer hat nicht ganz unrecht: Sicherung könnte ein Problem sein, die Sicherheit (von Menschen vor Strahlung) kann man mit den speziellen Castorbehältern in einem geeigneten Lager gut ermöglichen. Deshalb ist die Umsetzung nach Ahaus auch wirklich jetzt angeraten: Ahaus erfüllt die Anforderungen an Sicherung nach aktuellem Stand. Ob die Anforderungen an diesen Sicherungsstandard ausreichen, ist dann eine andere Diskussion.

  • 1 Andre Schäfer 25.03.2026, 16:42 Uhr

    So so, das Zeug wurde jetzt also von einem oberirdischen Lager in ein anderes gebracht. Na, sicher ist anders. Und das meine ich nicht bezogen auf Strahlung. Ich weiß, dass die Behälter im Alltag sicher sind. Aber wir leben inzwischen in einer neuen Bedrohungslage und da sind die Dinger oberirdisch recht einfach angreifbar. Klar, die überstehen ihrer Tests und Zertifizierungen nach einen Flugzeugabsturz direkt drauf. Aber was ist mit Schneiedladungen oder Thermit? Ein kriegerischer Angreifen kann sie sich, so wie sie aktuell gelagert sind, für eine Verstrahlung der Bevölkerung zunutze machen und für Terroristen liefert der Inhalt mehr als genug Material für eine schmutzige Bombe. Das Zeug muss dringend unter die Erde und das nicht erst 2070 oder so. Notfalls erst mal provisorisch, in einen alten Ruhrkohle-Schacht oder ähnliches. Nicht als Endlager, aber zumindest bis eines gefunden ist. Ein oberirdisches Zwischenlager ist ein riesiges Risiko ...

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