Castor-Transporte nach Ahaus: Worum geht es und was ist das Risiko?
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NRW hat eine lange und konfliktreiche Geschichte mit Atommülltransporten. Besonders in Erinnerung geblieben ist der Castor-Transport nach Ahaus im März 1998, begleitet von massiven Protesten und einem der größten Polizeieinsätze in der Geschichte der Bundesrepublik. Jetzt rückt erneut Atommüll aus Jülich in den Fokus.
Es geht um 152 Castor-Behälter mit rund 300.000 Brennelement-Kugeln aus einem stillgelegten Versuchsreaktor. Gleichzeitig wehrt sich die Stadt Ahaus auch gegen weitere Einlagerungen aus Bayern. Warum ausgerechnet Ahaus immer wieder zum Streitort wird und wie gefährlich die Transporte sind.
Was ist der Forschungsreaktor in Jülich und was ist das Zwischenlager in Ahaus?
Beim Atommüll aus Jülich geht es um Brennelemente aus dem früheren AVR-Versuchsreaktor in der Stadt. Der Reaktor wurde bereits 1988 stillgelegt. Die Brennelement-Kugeln lagern heute in 152 Castor-Behältern und sollen nach Ahaus gebracht werden, denn für das Lager in Jülich ist die Aufbewahrungsgenehmigung schon 2013 abgelaufen.
Auch das Ahauser Zwischenlager ist kein Endlager, sondern ein Lagerort auf Zeit. Dort werden bereits seit Jahren hochradioaktive Abfälle aufbewahrt. Die bestehende Genehmigung läuft bis Ende 2036. Das Grundproblem bleibt aber: In Deutschland gibt es noch immer kein Endlager für hochradioaktiven Müll. Deshalb sind Zwischenlager wie Ahaus längst mehr als nur eine Übergangslösung.
Brisant ist die Lage auch, weil Ahaus nicht nur mit dem Material aus Jülich beschäftigt ist. Die Stadt geht zudem juristisch gegen die geplante Einlagerung weiterer Castor-Behälter aus dem Forschungsreaktor München II vor. Ahaus steht damit gleich an mehreren Fronten im Zentrum der Atommüll-Debatte.
Welche Geschichte hat NRW mit Castor-Transporten?
Schon Anfang der 1990er-Jahre kamen erste Castor-Behälter nach Ahaus, unter anderem mit Material aus dem stillgelegten Reaktor in Hamm-Uentrop. Später folgten weitere Transporte durch NRW, etwa mit Brennelementen aus Rossendorf.
Polizisten räumen im März 1998 in Ahaus einen von Demonstranten blockierten Bahnübergang.
Besonders prägend war aber der März 1998. Ende der 90er wurden sechs Castor-Behälter mit Brennelementen aus den Kernkraftwerken Gundremmingen und Neckarwestheim nach Ahaus gebracht. Tausende Menschen protestierten, die Polizei war mit einem massiven Aufgebot im Einsatz. Es kam zu Blockaden, Besetzungen und teils heftigen Auseinandersetzungen. Der Transport wurde damit zu einem Symbol für den Streit um Atommüll in Deutschland.
Genau deshalb ist der Fall Jülich heute so sensibel. Kritiker sehen in den geplanten Transporten nach Ahaus eine Rückkehr zu einer alten Strategie: Atommüll wird über längere Strecken quer durchs Land gebracht, statt ihn möglichst nah an seinem bisherigen Standort zwischenzulagern. Befürworter halten dagegen, dass für Jülich eine tragfähige Lösung gebraucht werde und Ahaus dafür genehmigt sei.
Hinzu kommt die juristische Ebene. Die Einlagerung der Jülicher Castoren in Ahaus ist gerichtlich bestätigt worden. Gleichzeitig zeigt der neue Streit um Material aus Bayern, dass Ahaus auch künftig ein Brennpunkt der deutschen Atommüllpolitik bleiben dürfte.
Wie ist die Gefahr aus Sicht von Kritikern und Befürwortern einzuschätzen?
Wie riskant die Transporte sind, hängt stark davon ab, wen man fragt. Befürworter verweisen darauf, dass Castor-Behälter speziell für Transport und Lagerung entwickelt wurden und umfangreiche atomrechtliche Prüfungen durchlaufen. Auch Fachleute verweisen darauf, dass die Strahlenbelastung bei solchen Transporten nach bisherigen Bewertungen sehr niedrig bleibt.
Kritiker bezweifeln vor allem, dass die Zwischenlagerung immer weiter verlängert werden kann, ohne dass sich neue Sicherheitsfragen stellen. Denn eigentlich sind Zwischenlager keine Dauerlösung. Wenn sich die Endlagersuche weiter hinzieht, wächst die Sorge, dass aus einer befristeten Zwischenlagerung faktisch ein Langzeit-Provisorium wird.
Der Transport per Schwerlaster nach Ahaus wurde bereits geprobt.
Auch die Transporte selbst sehen Gegner kritisch. Denn aus Jülich geht es nicht um einen einzigen Transport, sondern um viele einzelne Fahrten. Jeder davon muss gesichert werden, jeder bringt organisatorischen Aufwand mit sich, jeder kann neue Proteste auslösen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sorgt sich um die Polizisten, die bei den geplanten Transporten im Einsatz sein werden. Deren Gesundheit dürfe nicht gefährdet werden, so NRW-Landesvorsitzender Patrick Schlüter: "Wir erwarten ein Arbeitsschutz- und vor allem ein Strahlenschutzkonzept für unsere Kolleginnen und Kollegen."
Befürworter der Transporte halten dagegen, dass genau dafür genehmigte Behälter, festgelegte Verfahren und Sicherungsmaßnahmen vorgesehen sind. Am Ende läuft die Debatte deshalb auf eine Grundfrage hinaus: Was ist das kleinere Risiko? Weitere Transporte nach Ahaus oder eine noch längere Lagerung an anderen Standorten, obwohl auch dort keine endgültige Lösung in Sicht ist?
Fest steht, der Streit um Jülich und Ahaus ist mehr als eine Debatte über Transportwege. Er berührt die ungelöste Kernfrage der deutschen Atompolitik: Wohin mit hochradioaktivem Müll, solange ein Endlager fehlt?
Unsere Quellen:
- WDR-Berichterstattung
- dpa
- Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung
- Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit
- Landschaftsverband Westfalen-Lippe
Sendung: WDR 2 Münsterland, 19.03.2026, 14:31 Uhr