Die Menschen in Oberhausen sind gebeutelt. Es gibt kaum eine Stadt in Deutschland, die schon so viele Jahre gezwungen ist zu sparen. Oberhausen hatte sogar die Rote Laterne in bundesweiten Schulden-Rankings, mittlerweile ist die Stadt in bester Gesellschaft von sehr vielen anderen Kommunen. Sie alle stöhnen, weil immer mehr Kosten dazukommen.
"Alleine schaffen wir es nicht mehr, sonst können wir den Laden dicht machen." Oberhausens Kämmerer Apostolos Tsalastras
Sparen, Sparen, Sparen
Aktuell sind es rund 114 Millionen Euro Schulden im laufenden Haushalt. Dabei dreht die Stadt Oberhausen schon jeden Cent um und sucht nach Einsparmöglichkeiten. Doch gegenüber den explodierenden Kosten wirkt jeder Einsparversuch wie ein Tropfen auf den heißen Stein.
An den großen Stellschrauben hat die Stadt längst gedreht: "Wir haben schon den höchsten Gewerbesteuersatz in NRW", sagt der Kämmerer. An die Grundsteuer will er wegen der aktuellen Landes-Reform nicht ran. Auch beim Personal wird gekürzt. So will Oberhausen 5 Prozent der gesamten Stellen abbauen. Die Folge könnten längere Wartezeiten in Ämtern oder schlechter gepflegte Grünanlagen sein.
Parkgebühren rauf
Damit bleiben der Stadt mittlerweile nur noch die vielen kleinen Einsparungen, die die Bürger besonders merken. Beispiel Parkgebühren: Sie wurden von 1 Euro auf 1,50 Euro pro Stunde erhöht. Die Hundesteuer wurde angehoben und Eintrittspreise bei Kulturangeboten erhöht.
Dabei versucht die Stadt, nicht mit dem Rasenmäher überall gleichmäßig zu kürzen, sondern individuelle Lösungen zu finden. Damit Kulturveranstaltungen überhaupt noch stattfinden können, werden sie abgespeckt. So finden beispielsweise die Oberhausener Schlossnächte, eine Theatervorführung im Innenhof des Schlosses Oberhausen, nur noch zwei Wochen anstelle von vier Wochen statt.
Kreative Lösung beim Theater
Auch beim renommierten Theater Oberhausen ist der Rotstift angesetzt worden. Jedes Jahr gibt es 600.000 Euro weniger. Aber gerade am Beispiel Theater zeigt sich, dass Oberhausen mittlerweile Erfahrungen gesammelt hat, wie man mit weniger Geld auch kreativ umgehen kann. Denn das Theater ist komplett sanierungsbedürftig.
Dauerbaustelle: Theater Oberhausen
"Wir haben kein Geld, um ein neues zu bauen", sagt Apostolos Tsalastras. Und da macht Not erfinderisch. Oberhausen hat Fördermittel einwerben können, mit der die Spielstätte im laufenden Betrieb nach und nach saniert wird. "Wir können uns nicht erlauben, ein Ersatz-Theater anzumieten", meint der Kämmerer.
Besucher sitzen direkt bei Schauspielern
Das Besondere daran: Das Foyer und der Zuschauerraum sind aktuell gesperrt. Theatervorführungen finden gemeinsam mit dem Publikum auf der Bühne statt, wo Gäste ganz nah an den Darstellern sind. Besucher Ingo Kreis ist mit seiner Tochter Tonia gekommen und begeistert: "Das ist sehr aufregend, wenn man so nah an den Schauspielern sitzt".
Können dem Konzept etwas abgewinnen: Ingo Kreis und Tochter Tonia
Tickets werden mittlerweile in einem Container auf dem Platz vor dem Theater verkauft, wo auch eine Bar untergebracht ist. Mitarbeiterin Claudia Gonzalez arbeitet in den Containern: "Der Umbau mit diesem Containerdorf wird gut angenommen. Das Klima ist aber nicht so gut, im Winter kalt, im Sommer sehr heiß. Aber es ist ja abzusehen, dass wir hoffentlich bald wieder zurück ins Haupthaus ziehen können".
Arbeitet im Container: Claudia Gonzalez
Sportanlagen verkauft
Auch bei notwendigen Einsparungen im Bereich Sport ist Oberhausen erfinderisch. So hat die Stadt Sportanlagen geschlossen und die Grundstücke verkauft. Mit dem Erlös hat sie andere marode Plätze modernisiert, die dann von zwei Vereinen anstatt nur einem genutzt werden. "Ich bin zu allen Vereinen gefahren und musste viel Überzeugungsarbeit leisten. Als die neuen Anlagen mit modernen Duschen und Plätzen fertig waren, war auch die Akzeptanz da", sagt Kämmerer Tsalastras.
Höhere Kosten nach Corona
Doch was bringen die ganzen Einsparungen, wenn andere Kosten explodieren? Beispiel Jugendhilfe: Allein die Kosten für sogenannte "Hilfen zur Erziehung" sind seit Corona um mehr als 30 Millionen Euro pro Jahr angestiegen. Dabei geht es um Jugendliche mit teilweise schweren psychischen Problemen, für die in Oberhausen oder im Ruhrgebiet keine Unterbringung mehr gefunden wird. "Wir müssen mittlerweile Einrichtungen in Bayern oder Schleswig Holstein anmieten", sagt der Kämmerer.
Ein anderes Beispiel sind Kosten für Schulen, zum Beispiel die Offene Ganztagsgrundschule. "Der Ganztagsbereich ist auf Kommunen abgewälzt, eigentlich müsste das Land die gesamten Kosten übernehmen", so Tsalastras. Genauso wie weitere Sozialkosten wie Eingliederungshilfen für Menschen mit Behinderung.
Sondervermögen des Bundes reicht nicht
Und deshalb schlägt Oberhausen heute Alarm. Unter dem Motto "Kommunen am Limit. Es ist kurz vor Zwölf" fordert Oberhausen mit vielen anderen Städten bundesweit, dass Bund und Länder die Kommunen retten müssen. Wer Leistungen bestellt, muss sie auch bezahlen, heißt es aus den Kommunen. Sie fordern finanzielle Unterstützung.
Fordert mehr Unterstützung: Oberhausens OB Thorsten Berg
Das Sondervermögen des Bundes hilft der Stadt Oberhausen dabei nur bedingt. Sie erhält 122 Millionen Euro, hat aber einen Investitionsbedarf von 1,2 Milliarden Euro. Auch der Abbau von Altschulden durch das Land habe zwar geholfen, durch die stark steigenden Kosten laufe Oberhausen aber Gefahr, wieder in die gleiche Spirale zu geraten, meint der Chef der Finanzverwaltung.
Proteste geplant
In Oberhausen wollen heute städtische Mitarbeiter vor dem Rathaus protestieren. Am Abend gibt es eine Diskussionsveranstaltung am Theater Oberhausen, in die sich auch Bürger einbringen dürfen und sollen.
Oberhausen ist schon seit vielen Jahren zum Sparen gezwungen. Bürger merken es an vielen Stellen. Sie befürchten, dass es bald noch mehr kaputte Straßen gibt, Eintrittspreise erhöht werden oder Jugendclubs schließen müssen.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Oberhausens Kämmerer Apostolos Tsalastras
- Eindrücke unseres Reporters vor Ort
- Gespräch mit Mitarbeiterin Claudia Gonzalez
- Gespräch mit Oberhausener Bürgern
Sendung: WDR.de, Kommunen am Limit: Das bedeutet die Finanzkrise für Oberhausen, 22.06.2026, 5:01 Uhr
