Der 22-jährige Jendi Mahmud will mit einem besonderen Konzept die Mülheimer Kneipensezen aufmischen
"Was darf's sein, mein Lieber?" Mit dem Tablet nimmt Jendi Mahmud Bestellungen entgegen: drei Chai-Tees, eine Cola, ein Cranberry-Saft. Die Gäste sitzen Karten spielend an einem Tisch vor der Holztheke aus Massivholz - so wie man sie von alten Kneipen kennt. Einen Raum weiter sitzen ältere Herren in einem lichtdurchfluteten Raum an Tischen. Sie sprechen Kurdisch. Spielautomaten sucht man hier vergeblich. Auch der sonst für alte Kneipen typische, markante Rauchgeruch liegt nicht in der Luft.
Kneipen-Neueröffnung: 22-Jähriger trotzt Kneipensterben
Bis das Haus Wehner in Mülheim-Eppinghofen vor mehr als fünf Jahren schließen musste, war die Atmosphäre sicherlich eine andere. Mahmud hat die Kneipe mit seiner Familie renoviert. "Wir mussten den Laden viermal streichen, bis die Wände nicht mehr gelb waren", erzählt Mahmud. Er ist gerade einmal 22 Jahre alt und seit Juni der neue Pächter.
Wie Menschen darauf reagieren, dass Jendi Mahmud mit 22 eine Kneipe betreibt
00:43 Min.. Verfügbar bis 28.11.2027.
Es ist nicht nur ungewöhnlich, dass ein 22-Jähriger eine Kneipe eröffnet, sondern auch, dass überhaupt jemand eine Kneipe eröffnet. Denn in den letzten Jahren mussten in Nordrhein-Westfalen immer mehr Kneipen schließen. Laut Statistischem Landesamt ist die Zahl der Kneipen zwischen den Jahren 2006 und 2023 um fast 42 Prozent gesunken - von 14.000 auf 8000 Kneipen landesweit.
Die Pandemie, der Angriff auf die Ukraine und damit gestiegene Energie- und Lebenshaltungskosten, der Fachkräftemangel und, dass die Mehrwertsteuer auf Speisen nach einer zeitweisen Senkung wegen Corona wieder hochgesetzt wurden - der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband sieht ein Zusammenspiel aus verschiedenen Gründen. Und dann ist da noch das geänderte Freizeitverhalten. Die Kneipe sei einfach nicht mehr so beliebt, sagt Dehoga-Pressesprecher Thorsten Hellwig.
Jeder ist hier willkommen
Ein Problem mit fehlenden Gästen hat Mahmud nicht, sagt er. Bevor er die Kneipe übernommen hat, hat er mit seinen Eltern auf der gleichen Straße einen Kiosk mit anschließendem Café betrieben. Seine Stammgäste kommen wie er größtenteils aus dem Irak. Er konnte sie vom Café herüberholen. "Die gehören zur Familie", erzählt er.
In Zukunft sollen aber alle Mülheimer zu ihm ins Haus Wehner kommen. "Arm, reich, egal, wie viel der hat. Ob der jetzt eine Rechnung von 300 Euro oder nur 2 Euro hat, spielt keine Rolle. Jeder Kunde, der unseren Laden betritt, ist ein König für uns. Und der wird auch wie ein König behandelt", sagt er mit ernster Tonlage.
Wie Jendi Mahmud Neukunden im Haus Wehner in Mülheim begrüßt
00:26 Min.. Verfügbar bis 28.11.2027.
Mittlerweile treffen sich regelmäßig auch zwei Stammtische im Haus Wehner. Es scheint also zu laufen bei ihm. Seine Strategie: Sich mit warmem Essen, alternativem Bier und Party-Vermietungen von anderen Lokalen absetzen. Für den Anfang hat er außerdem die Preise etwas heruntergesetzt, um Kundschaft anzulocken. Während man ihm so zuhört, macht er trotz seines jungen Alters den Eindruck eines erfahrenen Geschäftsmannes.
Mahmuds Weg zur Kneipe
Mahmud ist im Irak geboren. Als er neun Jahre alt war, ist er mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. Nach seinem Schulabschluss fing er eine Ausbildung im Supermarkt an. Zwei Monate vor Ende hat er die jedoch wegen des Kiosks und Cafés abgebrochen. Er half lieber im Geschäft aus, als im Supermarkt an der Kasse zu sitzen. Das war vor dreieinhalb Jahren. Schon damals hatte er ein Auge auf das geschlossene Haus Wehner schräg gegenüber geworfen.
Jendi Mahmud hat die Kneipe "Haus Wehner" in Mülheim neu eröffnet
Durch einen Freund bekam er einen Kontakt zur Hausverwaltung. Nach einem Besichtigungstermin passierte erst einmal lange Zeit nichts. Währenddessen wurde das bisherige Lokal allmählich zu klein, der Wunsch nach Vergrößerung stärker. Irgendwann kam dann doch der Anruf. Er selbst sagt, er habe den Mietvertrag nicht einmal richtig durchgelesen, bevor er ihn unterschrieben hat. "Lassen Sie das mal mein Problem sein", habe er der Hausverwaltung gesagt. Mit der Kneipe ist er voll ins Risiko gegangen.
Die Kneipe als Chance
Wenn man ihn nach seiner Motivation fragt, antwortet er: "Man verdient natürlich sein Geld damit. Keiner macht eine Kneipe auf, stellt sich hierhin, und dann kommt kein Geld rein." Er habe eher die Chance gesehen, mehr zu verdienen als durch seine Ausbildung im Supermarkt.
Im Haus Wehner spielen viele von Jendi Mahmuds Gästen Karten
"Ehrlich gesagt, ich habe keine Träume mehr. Das ist erst einmal mein Traum gewesen und den habe ich mir vor ein paar Monaten erfüllt", sagt Mahmud. Jetzt hofft er, dass sich seine Kneipe mit irakischen und deutschen Einflüssen herumsprechen wird. Was manche Gäste freuen könnte: Es soll keinen Zapfenstreich geben. Geschlossen wird erst, wenn der letzte Gast nach Hause gegangen ist.
Über dieses Thema haben wir am 22.10.2025 auch im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ruhr, 19.30 Uhr.