Die Kneipe zwischen den Dörfern
Eigentlich kann hier gar nichts los sein. Kilometerweit geht es durch Wald und Wiesen, hier und da ein paar Häuser, vorbei an einem Wildgehege. Dann ist wegen einer Baustelle auch noch ein Teil der Landstraße gesperrt. Und trotzdem: Es brummt an diesem Freitagabend in der "Kastanie am Hax". Der Parkplatz ist voll, Fahrräder lehnen an der Mauer, man hört die Menschen schon von weitem reden und lachen.
Julia Söhngen steht an der Theke, zapft Bier und spricht gleichzeitig eine Essensbestellung mit ihrer Servicekraft durch. Das "Hax" ist ihr Laden. Seit vier Jahren schon. Die Kneipe mit dem großen Biergarten kennt sie schon seit ihrer Jugend. Dass sie dafür einmal ihren sicheren, unbefristeten Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni aufgeben würde, hätte sich die 53-Jährige damals nicht gedacht.
So sieht es in der "Kastanie am Hax" aus
00:26 Min.. Verfügbar bis 24.07.2027.
Dorfkneipe, Ausflugslokal, Restaurant - irgendwie ist die "Kastanie am Hax" alles zusammen. Ein altes Zechengebäude an einer Landstraße zwischen Sprockhövel und Esborn-Albringhausen. Kommt man rein, läuft man um die Rundtheke, um dann in einen großen Raum mit Tischen, einer gemütlichen Couchecke und Billardtisch zu kommen. Die Wände sind in einem mediterranen Orange gehalten, Tische und Stühle in einem knalligen Türkis. Vom Gästeraum geht's entweder auf die Kegelbahn oder raus in den großen Biergarten.
Aus Frau Doktor wird Kneipenwirtin
Söhngen, eigentlich Doktor Julia Söhngen, ist Pflegewissenschaftlerin. Die gebürtige Sprockhövelerin hat schon vieles in ihrem Leben gemacht. Im Krankenhaus hat sie gearbeitet, ein Kinderhospiz in Gelsenkirchen geleitet, seit 2013 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Witten-Herdecke und promovierte dort. "Alles auch Jobs, die mit Menschen zu tun haben", sagt sie, "aber das hier erfüllt mich mehr."
Was den alten und den neuen Job verbindet
00:40 Min.. Verfügbar bis 24.07.2027.
Heiß ist es an diesem Freitagabend. Drinnen spielen einzelne Gäste Billard, sonst spielt sich alles im Biergarten ab. Fast alle Tische sind besetzt, ständig werden Tabletts mit Essen und Getränken herausgebracht. Ein Seniorenstammtisch ist schon seit Stunden hier versammelt. Die Gruppe trifft sich hier regelmäßig, um Karten zu spielen. Für sie macht Söhngen das "Hax" extra zwei Stunden früher als sonst auf.
Entscheidung mitten in der Corona-Pandemie
"Ich glaube, ich hätte das immer schon machen sollen, was ich jetzt mache", sagt Söhngen. "Ich war noch nie so glücklich, wie jetzt." Dabei ist ihr bewusst, dass der Schritt, den sie in den letzten Jahren gemacht hat, ein ganz spezieller war.
Rückblende: 2021, mitten in der Corona-Krise, ist die "Kastanie am Hax" wie die meisten anderen Lokale geschlossen. Genau in dieser Zeit überlegt sich der Vorbesitzer Erich Wieners, das Lokal abzugeben. Nach 32 Jahren. Söhngen hatte mit 16 Jahren mal dort gekellnert, kehrte dann immer wieder als Gästin dort ein. Wieners erzählte Söhngen von seinen Plänen. "Und dann hat sie sofort gesagt: 'Dann übernehme ich das hier'", erinnert sich Wieners, "mit Julia habe ich die perfekte Nachfolgerin". Der frühere Kneipenbesitzer ist jetzt gerne einfach nur als Gast hier, auch an diesem Abend.
Wie sich der Vorbesitzer über seine Nachfolgerin freut
00:51 Min.. Verfügbar bis 24.07.2027.
Eigentlich hatte Wieners ihr abgeraten, das Lokal zu übernehmen, erinnert sich Söhngen. Corona-Zeit, Kneipensterben - die Vorzeichen standen nicht gut, weiß sie. Darum war klar, dass sie den Laden erst mal auf Probe übernimmt und ihrem Job an der Uni ein paar Kilometer entfernt weiter nachgeht. Es hätte eine Ausstiegsoption nach einem Jahr gegeben. "Doch nach einem halben Jahr wusste ich schon: Ich bleibe hier", sagt sie. Die Liebe zu diesem Ort und die Liebe zu den Menschen war es: "Wenn ich manche Stammgäste auf dem Parkplatz ankommen sehe, freue ich mich schon auf sie."
Anfang dieses Jahres dann der ganze Schritt: Söhngen kündigt an der Uni und konzentriert sich voll auf das "Hax". Trotz Bedenken in der Familie und im persönlichen Umfeld: "Viele haben mir damals gesagt: 'Mutig!' Das war höflich. Man hätte auch sagen können: 'Doof!'" Aber war es denn doof? Tatsächlich ist ihr Lokal an den vier Tagen, an denen in der Woche geöffnet ist, regelmäßig voll. Unabhängig von der Jahreszeit.
Menschen lieben Gesellschaft
Patrick Mekelburg aus Witten ist heute zum ersten Mal hier und begeistert: "Es gibt so viele Standard- und Kommerz-Läden überall. Aber man will doch genau sowas hier." Dem stimmt auch sein Kumpel Kai-Uwe Dute aus Wetter zu. Er kommt schon länger hierhin und wollte heute seinem Freund das Lokal mal zeigen: "Das Ambiente, die Atmosphäre, die Freundlichkeit - das ist einmalig im ganzen Ruhrgebiet." Und dann fügt er genauso derbe wie herzlich an: "Es ist faszinierend. Am Arsch der Welt, die Zufahrtsstraße ist gesperrt - und trotzdem ist der Scheißbiergarten voll", sagt er und lacht.
Wie geht sowas? "Ich glaube, dass Corona für mich der absolute Glücksfall war", so die überraschende Antwort von Kneipenwirtin Söhngen, "weil das Bedürfnis der Leute, sich draußen zu treffen, danach größer geworden ist." Und ganz offensichtlich zieht der Ort hier die verschiedensten Leute an. "Ich habe hier Chefärzte, Rocker, die Dorfjugend oder auch Handwerker", sagt sie nicht ohne Stolz. "Du kannst hier auch alleine hinkommen und findest immer wen zum Quatschen."
Kneipenbesitzerin Julia Söhngen mit ihrem Team
Die Kneipenbesitzerin hat dazu aber wohl auch noch den richtigen Nerv getroffen: Die Tradition des Ladens erhalten, dazu aber viel Social-Media-Aktivitäten und regelmäßige Veranstaltungen. Konzerte gibt es hier, Karaoke-Abende, ein Kneipenquiz, dazu kooperiert sie mit einem Kino aus Wetter und zeigt einmal im Monat einen Film in der Kneipe.
Noch mit über 80 hinter der Theke?
Lara Bethge, die schon seit einigen Jahren neben ihrem Studium hier kellnert und gerade ein volles Tablett im Slalom um die Biergartentische transportiert, glaubt, dass der Erfolg auch an ihrer Chefin selbst liegt. "Julia ist ein totaler Herzensmensch. Sie ist sehr herzlich und immer bedacht, dass es allen gut geht."
Lehrstuhl gegen Barhocker - für Söhngen soll das so bleiben. Und das noch ganz schön lange: "Erich hat den Laden 32 Jahre hier im Nirgendwo am Laufen gehalten. Mein Ziel wäre ja, ihn zu übertreffen. Dann wäre ich über 80."