Mehr als 100 ehrenamtliche Teams in NRW helfen
WDR. 03:13 Min.. Verfügbar bis 16.06.2028.
50.000 Rehkitze gerettet : Mehr als 100 ehrenamtliche Teams in NRW helfen
Stand:
Wenn die Wiesenmahd beginnt, liegen viele Rehkitze reglos im Gras und sind für Mähwerke unsichtbar. In NRW setzen Rettungsteams deshalb Drohnen mit Wärmebildkameras ein. Sie finden jedes Jahr tausende Kitze - aber nicht alle. Umso wichtiger ist das richtige Verhalten beim Rehkitz-Fund.
Zwischen Anfang Mai und Ende Juni hat die Rehkitzrettung Hochsaison. Genau in dieser Zeit wird das Jungwild geboren – und gleichzeitig beginnt vielerorts bereits Ende April die Wiesenmahd.
Rehkitz liegt im hohen Gras - bei einer Kitzrettung des Hegering Welver.
Das Problem: Rehkitze werden von ihren Müttern, den Ricken, bewusst im hohen Gras abgelegt, wo sie vor natürlichen Feinden geschützt sind. Für Landwirte sind sie dort jedoch nahezu unsichtbar. Hinzu kommt, dass die Tiere in den ersten Lebenswochen keinen Fluchtinstinkt besitzen. Bei Gefahr drücken sie sich instinktiv ins Gras und geraten so leicht in die Mähwerke.
Wie viele Rehkitze werden jedes Jahr gerettet? Wie viele sterben?
Andreas Brandt, Deutsche Wildtierrettung e.V.
Vor Jahren wurde von vielen Fachleuten die Zahl der getöteten Kitze je Mähsaison auf etwa 100.000 geschätzt. Andreas Brandt von der Deutschen Wildtierrettung sagt jedoch heute: Wenn man sich anschaue, wie viele Kitze die Rettungsteams in den letzten Jahren gefunden haben, "dann waren die 100.000 wahrscheinlich noch deutlich untertrieben".
Genaue Zahlen gibt es nicht, da etwa 90 Prozent der Rettungsteams ehrenamtlich arbeiten. Eine Umfrage der Deutschen Wildtierrettung zeigt: Allein im Jahr 2024 konnten rund 50.000 Kitze gerettet werden - Tendenz steigend. Ein erheblicher Teil wird also gerettet - aber längst nicht alle Tiere.
Die Umfrage von 2024 basiert rein auf freiwilligen Angaben der Kitzretter, da diese nicht verpflichtet sind, die Rettungen zu melden. "Manche melden auch ganz bewusst nicht", erklärt Brandt, "weil sie Sorge haben, dass dann die Jagdbehörden, die Abschusszahlen hochsetzen."
Rehkitzrettung in NRW: Diese Bilanz ziehen Eherenamtler
Dass die Zahl der geretteten Kitze steigt, bestätigen auch einzelne Rettungsteams aus NRW. Markus Surweme von der Kitzrettung Wittgenstein e.V. erklärt, bis jetzt habe sein Team bereits 600 bis 700 Hektar abgeflogen, dabei seien 30 Kitze gefunden worden. Also ein Kitz auf 12 Hektar Wiese - das sei mehr als in den letzten zwei Jahren.
Udo Crüsemann, Hegering Welver
Auch Udo Crüsemann vom Hegering Welver zieht eine gute Bilanz für das Jahr 2026. Bisher habe sein Team etwa 540 Hektar abgeflogen und 71 Kitze gefunden. Auch das sei eine Steigerung zum Vorjahr.
Wie Drohnen die Rehkitzrettung revolutionieren
Der größte Fortschritt der letzten Jahre ist der Einsatz von Drohnen mit Wärmebildkameras. Sie ermöglichen es, Rehkitze vor der Mahd schnell und zuverlässig aufzuspüren. Seit 2021 wurden bundesweit tausende Drohnen gefördert.
"Wir haben eine bessere Technik seitdem. Wir haben mehr Teams. Wir haben ein größeres Bewusstsein bei den Landwirten und bei der gesamten Bevölkerung." Andreas Brandt, Deutsche Wildtierrettung e.V.
Gleichzeitig ist die Zahl der Rettungsteams stark gestiegen: 2019 waren erst rund 30 Teams bei der Deutschen Wildtierrettung registriert, heute sind es etwa 700 - rund 100 davon in NRW. Auch bei Landwirten wächst das Bewusstsein für das Thema, viele melden ihre Flächen inzwischen aktiv vor der Mahd.
Wie läuft eine Rehkitz-Rettungsaktion ab?
Udo Crüsemann und sein Team vom Hegering Welver sind inzwischen seit 28 Tagen im Einsatz. Das Team besteht aus 20 Personen und alle arbeiten ehrenamtlich.
Übertragung der Drohne.
Die Einsätze beginnen früh am Morgen, oft schon gegen 5 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt ist der Boden noch kühl, sodass sich die Körperwärme der Tiere in den Wärmebildern klar abzeichnet.
Zwei Rehkitze in einer Schutzbox - bei einer Rettungsaktion der Kitzrettung Wittgenstein.
Wird ein Kitz entdeckt, wird es vorsichtig gesichert - entweder in speziellen Boxen oder geschützt unter Körben. Nach der Mahd kommen die Tiere zurück an ihren Fundort, wo sie von der Ricke wieder aufgenommen werden.
Wie sollte ich mich verhalten, wenn ich ein Rehkitz finde?
Retter fassen das Kitz mit Handschuhen und Gras an.
Wichtig:
- Am besten ehrenamtliche Rehkitzretter aus der Region verständigen und nicht eigenständig handeln.
- Direkten Hautkontakt unbedingt vermieden, um keinen menschlichen Geruch zu übertragen.
- Wenn es nicht anders geht: Unbedingt Handschuhe tragen und viel frisches Gras zwischen die Hände und das Kitz packen.
Crüsemann und sein Team gehen lieber gar kein Risiko ein. Anstatt die Kitze aufzulesen, setzen sie die Körbe einfach über sie drüber. "Die Landwirte bei uns kennen das schon", erzählt Crüsemann. "Sie schneiden dann um den Korb rundum und wenn sie geschnitten haben, nehmen wir den Korb wieder hoch."
Welche Alternativen zur Drohnensuche gibt es?
Die Drohne hat alle anderen Hilfsmittel zur Kitzrettung weitestgehend abgelöst. Durch ihren Nutzen auf diesem Gebiet hat die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) 2021 das nationale Programm zur Drohnenförderung zur Rehkitzrettung ins Leben gerufen. Laut der BLE wird das Programm sehr gut angenommen. In den Jahren 2021 bis 2025 wurden insgesamt 2.758 Vereine unterstützt und 3.365 Drohnen mit Wärmebildkamera zur Rehkitzrettung gefördert.
Wenn der Landwirt kein Drohnenteam mehr findet, könne es jedoch auch Sinn machen, auf andere Methoden der Kitzrettung zurückzugreifen, erklärt Brandt. Dann könne man beispielsweise in einer Menschenkette durch die Wiesen gehen und nach Kitzen suchen. Oder auch blaue Flatterbänder, Duftstoffe oder laute Geräusche einsetzen, um die Ricken von der Fläche fernzuhalten.
Wie kann ich mich bei der Rehkitzrettung engagieren?
Die Rehkitzrettung lebt vom Engagement Freiwilliger. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich - jede Unterstützung zählt. Entscheidend ist laut Brandt, dass Jäger, Landwirte und Freiwillige zusammenarbeiten. Ein Vertreter des Revierinhabers muss immer dabei sein.
Landwirte und Menschen, die helfen wollen, finden auf der Website der Deutschen Wildtierrettung e. V. oder auf der Website des Landesjagdverbands NRW e. V. ein Rettungsteam in der Nähe.
Welche Herausforderungen bleiben
Ein großes Problem besteht weiterhin in Naturschutzgebieten: Dort ist der Einsatz von Drohnen oft verboten oder nur mit aufwendigen Genehmigungen möglich.
Teilweise wird der Einsatz der Drohne dann auf Landkreisebene genehmigt - aber erst nach einem entsprechenden Antrag, einer Gebühr und Diskussionen. Das Problem bestehe auch in anderen Bundesländern, sagt Brandt, aber Nordrhein-Westfalen habe so viele erfolgreiche Teams, da wäre es doch schön, wenn wir auch hier eine praktikable Regelung fänden, "ohne Gebühren, ohne Antrag, ohne Zeitverlust".
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Andreas Brandt, Deutschen Wildtierrettung e.V.
- WDR-Gespräch mit Udo Crüsemann, Hegering Welver
- WDR-Gespräch mit Markus Surweme, Kitzrettung Wittgenstein e.V.
- Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
- Auskunft des BLE
- Website der Deutschen Wildtierrettung e. V.
- Website Landesjagdverbands NRW e. V.
Sendung: WDR.de, Mehr als 100 ehrenamtliche Helfer, 17.06.2026, 05:05 Uhr
