Es ist das erste Mal, dass der Alltag in Bethel zwischen 1924 und 1949 anhand von unzähligen Krankenakten rekonstruiert wird - ganz aus der Sicht der Patientinnen und Patienten. Die Auswertung dauerte Jahre.
Schutz vor Massendeportationen
Die Ergebnisse sind mehrdeutig: Einerseits haben die damaligen Betheler Anstalten verhindert, dass ihre Patientinnen und Patienten aufgrund von Behinderungen oder psychischen Störungen massenweise deportiert und getötet wurden wie es die Nazis anderswo betrieben hatten.
Andererseits haben sie mehr als 1.600 Patientinnen und Patienten gegen ihren Willen sterilisiert. Dies steht im Einklang mit der menschenfeindlichen Eugenik der Nationalsozialisten, die Menschen daran hindern wollten, Kinder zu haben, deren Erbgut sie für minderwertig hielten.
Tausende Akten ausgewertet
Und auch in den späteren Kriegs- und Nachkriegsjahren wurden die Tode von Patientinnen und Patienten mit Behinderungen oder psychischen Störungen zumindest akzeptiert. Vor allem der Faktor Unterernährung hat in dieser Zeit zu einer erhöhten Sterblichkeit geführt.
Für die Studie wurden die Daten aus tausenden Krankenakten statistisch ausgewertet und mit Erkenntnissen aus anderen Anstalten verglichen. Und auch Einzelschicksale werden im Buch beleuchtet.
Verantwortung für die Zukunft
"Mit der Studie ermöglicht das Forschungsteam eine bislang fehlende Perspektive auf diese bedeutende Zeit in Bethel", sagt Pastorin Andrea Wagner-Pinggéra aus dem Bethel-Vorstand. Bereits seit Jahrzehnten wird erforscht, wie die Betheler Anstalten in der Nazi-Zeit gehandelt haben.
Für die heutige Zeit sei die Studie vor allem eine Erinnerung an die eigene Verantwortung, so ein Bethel-Sprecher: "Man sieht daran, dass der Schutz von Menschen mit Behinderung kein Selbstläufer ist. Wir müssen uns auch heute aktiv dafür einsetzen."
Unsere Quelle:
- Pressestelle der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel
Sendung: WDR 2 Ostwestfalen-Lippe, Lokalzeit, 19.06.2026, 09:29 Uhr
