Die Zeitzeugen, die über die Naziherrschaft berichten können, werden immer weniger. Das Interesse daran, was zwischen 1933 und 1945 passiert ist und wer in welcher Form beteiligt war, scheint aber zu steigen. Es gibt immer mehr Recherchemöglichkeiten im Internet, wo man mit ein paar Klicks mehr über die Vergangenheit seiner Verwandten herausfinden kann.
War Opa ein Nazi - das ist im Grunde die Frage, die vielen derzeit beliebten Recherchetools und auch Teilen Ihrer Forschung zugrunde liegen. Jonas Rees beschäftigt sich schon lange mit dem Thema. Der Sozialpsychologe ist seit 2022 Professor an der Universität Bielefeld und war unter anderem an der MEMO-Studie beteiligt, die seit 2018 die Erinnerungskultur in Deutschland erforscht.
Warum ist es für eine Familie wichtig zu wissen, was die Vorfahren vor 80, 90 Jahren gemacht haben?
Jonas Rees: Zu diesem Thema kursieren in vielen Familien Annahmen und Erzählungen, die nicht mit der historischen Wirklichkeit vereinbar sind. Wir haben vor knapp zehn Jahren unsere MEMO-Studien begonnen mit der offenen und vielleicht etwas naiven Frage: Was wissen Deutsche heute noch über ihre eigenen Vorfahren während des Zweiten Weltkriegs? Die Ergebnisse haben uns überrascht. Nur 17,7 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Vorfahren Täter im Zweiten Weltkrieg waren. 54 Prozent sahen ihre Vorfahren als Opfer, und 18 Prozent als Helfer, die zum Beispiel potenziellen Opfern wie Juden geholfen hätten.
Sozialpsychologe Jonas Rees
Das kann aber so nicht stimmen. Wenn Historiker ganz optimistisch schätzen, gehen sie davon aus, dass maximal zwei Prozent der Deutschen potenziellen Opfern des NS-Regimes geholfen haben.
Der Philosoph Max Horkheimer sprach einst von der Familie als "Keimzelle des Faschismus". Kommt daher das aktuelle Interesse? Spricht daraus vielleicht eine Konsequenz, dieses Problem in der eigenen Familiengeschichte anzugehen?
Rees: Unsere Erinnerungen und unser Verstehen funktionieren auf unterschiedlichen Ebenen. Gesamtgesellschaftliche Entwicklungen sind immer abstrakt, da steht dann zum Beispiel die Frage im Raum, was "die Deutschen" vor 80 Jahren gemacht haben. Je persönlicher das wird, wenn man von "den Deutschen" zur eigenen Familie schaut, desto größer werden die Widersprüche. Dann geht es nicht mehr um abstrakte Nazis, sondern darum, ob es vielleicht Kontinuitäten in der eigenen Familie gibt.
Und letztlich steht dann auch die Frage im Raum: Wie hätte ich mich damals verhalten? Wäre ich Täter gewesen, Opfer oder Helfer? Zwischen den abstrakten "Deutschen" und mir persönlich als Individuum kann die Familie und die Familiengeschichte dann als eine Art Brücke dienen und abstrakte Erinnerung zu etwas Persönlichem machen. So kann die Familie zum Ort der kritischen Auseinandersetzung werden.
Was hat Opa zur NS-Zeit gemacht?
Wie lief die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit in den Familien bislang ab? Was ändert sich jetzt?
Rees: Bei der familiären Aufarbeitung gab es unterschiedliche Dynamiken über die Generationen hinweg. Wir haben zuerst die Generation der potenziellen Täter, Helfer und Opfer, wobei sich diese Kategorien überschneiden können, etwa wenn Menschen selbst Kriegserfahrungen oder Verluste erlitten und zugleich Teil des NS-Systems waren. In der Generation der Zeitzeugen war das Schweigen oft Selbstschutz. Viele Menschen aus dieser Generation haben nicht über die NS-Zeit gesprochen, weil sie das als zu belastend empfanden.
Was genau bedeutet das Ja?
Die folgende Generation der Söhne und Töchter hatte dann teilweise einen Aufarbeitungsdruck. Das führte häufig zu Vorwürfen, manchmal aber auch zu Vorsicht: Man wollte nicht fragen, um den Vater oder die Mutter nicht zu belasten. Jetzt haben wir es mit der Enkel- und Urenkelgeneration zu tun, und das ist ein entscheidender Punkt, der vielleicht auch das gesteigerte Interesse erklärt. Denn jetzt müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie die Erinnerung funktionieren soll, wenn es immer weniger Zeitzeugen gibt und damit die persönliche Verbindung endet.
Es ist also leichter, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, weil die meisten Beteiligten nicht mehr leben und man nicht mehr den Opa oder Uropa mit seiner NS-Vergangenheit konfrontieren muss?
Rees: Ja, das kann sein. Ich sehe aber auch einen Zwiespalt. Es gibt nun mal große Unterschiede zwischen dem, was die Menschen glauben, über ihre Vorfahren zu wissen, und der Realität. In der Familienerinnerung gibt es eine Verzerrung, weg von den Täterinnen und Tätern, hin zu den Opfern und Helfern. In dieses Spannungsfeld stoßen jetzt die Recherchetools.
Angenommen, ich finde jetzt über eines dieser Tools heraus: Opa der vor acht Jahren gestorben ist, war tatsächlich in der NSDAP. Wie geht man als Familie am besten mit so einer Information um?
"NS-Eintrag als Anfang, nicht als Ende der Auseinandersetzung"
Rees: Was mir in der aktuellen Diskussion etwas zu kurz kommt: Ein Eintrag in der NSDAP-Mitgliedskartei ist kein abschließendes Urteil über die Person. Eine NSDAP-Mitgliedschaft ist selbstverständlich kein banaler Befund. Aber historisch erklärt sie nicht automatisch die ganze Biographie. Man sollte daher weiterfragen: Wann ist Opa eingetreten? Warum? In welcher Situation befand er sich? Wie viel Spielraum hatte er? War er Mitläufer oder überzeugter Nationalsozialist? Was genau bedeutet dieser Eintrag?
Auf der einen Seite sollte man nicht dem Reflex nachgeben, das zu entschuldigen oder zu relativieren. Andererseits sollte man aber auch das Bild, das man vom Opa hatte, nicht komplett verwerfen. Wenn man einen solchen Eintrag findet, sollte das nicht den Abschluss beziehungsweise das Urteil über eine Person oder über eine Familie bedeuten, sondern kann eigentlich erst der Anfang der Auseinandersetzung mit dem Thema sein.
Man hat einerseits die Erinnerung an den netten Opa, mit dem man Kirschen gepflückt hat. Und dann stellt sich heraus: Derselbe Mensch hat das NS-Regime zumindest unterstützt. Wie kriegt man das im Kopf zusammen?
Rees: Ich muss bei solchen Fragen immer an diese Kippbilder denken. Da sieht man entweder eine Sanduhr oder zwei Gesichter, die sich ansehen, aber nie beides gleichzeitig. Ich glaube, das kann man mit der Erinnerung an eine geliebte Person vergleichen. Man sieht entweder den geliebten Opa, der Kirschen pflückt, oder den bösen Opa, der Teil des nationalsozialistischen Systems war. Die Herausforderung dabei ist, auszuhalten, dass beides gleichzeitig wahr sein kann.
"Kippbild vergleichbar mit der Erinnerung an eine Person"
Ein Mensch kann liebevoll im Privaten und zugleich Teil eines unmenschlichen Systems gewesen sein. Gerade deshalb ist die Frage wichtig, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen bereit sind, wegzusehen, mitzumachen oder Abwertung und Gewalt zu legitimieren - und was das für uns heute bedeutet. Am Ende kann meine Recherche vielleicht dazu führen, dass ich mein eigenes Selbstverständnis als Mensch hinterfrage und auch, wie ich zu gegenwärtigen globalen und gesellschaftlichen Entwicklungen stehe.
Das Interview wurde geführt von WDR-Reporter Ingo Neumayer.
Sendung: WDR.de, Nazi-Vergangenheit von Verwandten: Die böse Seite des lieben Opas, 21.05.2026, 5:05 Uhr
