Wer war NSDAP-Mitglied und wer nicht? Jahrzehntelang hing die Antwort auf diese Frage in der Regel vom Wohlwollen und der Redebereitschaft der Zeitzeugen ab: Was gibt Opa zu? Was erzählt Oma? Doch das hat sich Mitte März 2026 geändert. Denn zu diesem Zeitpunkt hat das US-Nationalarchiv alle dort vorhandenen NSDAP-Mitgliedskarten ins Netz gestellt - insgesamt mehr als 16 Millionen digitale Objekte. Die Karteien waren nach Kriegsende der US-Armee in die Hände geraten, die diese zum Teil bei der Suche nach Nazi-Größen und für Kriegsverbrecherprozesse genutzt hat.
Das Interesse, das seitdem an dem Thema herrscht, ist riesig. Denn man kann nicht nur in den US-Archiven suchen, große deutsche Medien wie "Zeit" und "Spiegel" haben spezielle Online-Suchmaschinen gebaut, bei denen man nur einen Namen eingeben muss, um die NSDAP-Mitgliederkarteien zu durchsuchen.
Millionen Zugriffe auf NS-Recherchetool
"War Opa ein Nazi?" - auf diese typische Frage finden viele Menschen derzeit eine Antwort. "Wir sehen, dass der Andrang riesig ist", sagte Christian Staas, Leiter des "Geschichte"-Ressorts der Zeit. Seinen Angaben zufolge gab es in den ersten drei Stunden nach Veröffentlichung 2,6 Millionen Zugriffe auf das Recherchetool.
Ein Müller aus München widersetzte sich und bewahrte die Unterlagen
Wer lief mit bei den Nazis?
Eigentlich wollten die Nazis die Unterlagen kurz vor Kriegsende vernichten. Die Karteikarten wurden im Frühling 1945 zu einer Papiermühle in einem Münchener Vorort gebracht - 20 Lkw-Ladungen. Doch der Müller Hans Huber, selbst kein Parteimitglied, schreddert die Karten nicht. Stattdessen versteckt er sie und übergibt das brisante Material nach Kriegsende den US-Truppen. Doch vollständig sind die Daten nicht. "Zeit"-Historiker Staas schätzt, dass nur 90 Prozent aller Mitglieder dort auffindbar sind. Wenn ein Name dort bei der Suche nicht auftaucht, heißt das also nicht zwangsläufig, dass die Person kein NSDAP-Mitgleid war. Vielleicht ging auch einfach nur der Parteiausweis verloren.
NRW-Landesarchiv bemerkt stark gestiegenes Interesse
Ein anderer Weg, etwas über eine mögliche NS-Vergangenheit zu erfahren, sind die Entnazifizierungakten, die nach dem Krieg erstellt wurden. Diese sind über das Landesarchiv NRW seit zwei Jahren online zugänglich. Und auch dort merkt man "eine massive Zunahme des Interesses" seit der Öffnung der US-Archive, sagte Landesarchiv-Sprecher Benedikt Nientied dem WDR. "Das hat viele Personen an das Thema herangeführt, die sich bislang noch nicht damit beschäftigt haben."
Auch Großindustrielle wie Fritz Thyssen kamen vor den Entnazifizierungsausschuss
Die Entnazifizierungsakten geben Zeugnis über die entsprechenden Untersuchungen, die nach dem Krieg gemacht wurden. So mussten sich in NRW viele gesellschaftlich höherstehende sowie alle Personen, die im öffentlichen Dienst arbeiten wollten, einer solchen "Gesinnungsprüfung" vor einem Ausschuss stellen. Und zwar ohne Ausnahme: Das mussten selbst Menschen machen, die erklärte Gegner oder sogar Opfer des NS-Regimes waren.
Hunderttausende Gesinnungsprüfungen in NRW nach dem Krieg
"Die bloße Existenz einer Entnazifizierungsakte sagt noch gar nichts über eine Schuld oder eine Verstrickung in das NS-Regime aus", sagt dann auch Nientied. Außerdem kamen in diesen Fällen oft "Persilscheine" ins Spiel: Wer vor dem Ausschuss landete, war bestrebt, entlastende Zeugnisse oder Aussagen vorzulegen, die bestätigten, dass man nicht ins NS-Regime verstrickt war oder wenn, dann nur aus unverfänglichen Gründen.
Heiß begehrt nach dem Krieg: Ein sogenannter "Persilschein"
"Es ging darum, sich weißwaschen zu lassen und eine Einstufung als 'unbelastete Person' zu erhalten", sagte Nientied. Manche seien dabei zurecht entlastet worden, andere nicht: "Am Ende lässt sich aus der Entnazifizierungsakte keine sichere Aussage darüber treffen, was die Person im Nationalsozialismus gemacht hat."
Insgesamt 1,15 Millionen dieser Akten liegen beim Landesarchiv NRW, 720.000 davon sind online einsehbar. Das Material unterliegt aber gesetzlichen Schutzfristen: Die Akten werden erst 100 Jahre nach der Geburt eingestellt. Wer nach jüngeren Personen sucht, braucht eine Ausnahmegenehmigung. Diese gibt es unter anderem für Verwandte, Journalisten und Historiker.
So findet ihr euch im Entnazifizierungs-Archiv zurecht
Über eine Million Entnazifizierungsakten lagern im Landesarchiv
Wer die Entnazifizierungsakten online durchsuchen will, braucht ein gewisses Know-How bei der Archivarbeit. Wie man das am besten macht und sich gut in den Online-Beständen des NRW-Landesarchiv zurechtfindet, hat WDR-Kollege Ralph Brix in diesem Text anschaulich aufgeschrieben:
Doch egal, ob man in den US-Archiven den NSDAP-Mitgliedsausweis eines Verwandten findet oder in den NRW-Archiven die Entnazifizierungsakte: Der Ausflug in die Familiengeschichte sollte so nicht enden, sondern im besten Fall erst beginnen. Dafür plädiert der Bielefelder Sozialpsychologe Jonas Rees im Interview mit dem WDR: "Ein Eintrag in der NSDAP-Mitgliedskartei ist kein abschließendes Urteil über eine Person Das kann eigentlich erst der Anfang der Auseinandersetzung mit dem Thema sein."
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagenturen dpa und KNA
- WDR-Gespräch mit Benedikt Nientied
- WDR-Gespräch mit Jonas Rees
- Süddeutsche Zeitung: "Die Namen der Nazis"
- Die Zeit: "War Opa ein Nazi? Und was es bedeutet, wenn ja"
Sendung: WDR.de, NS-Vergangenheit: Wenn die Familiengeschichte ein neues Kapitel bekommt, 21.05.2026, 5:05 Uhr
