Komfortabel ist der Doppeldeckerbus nicht, der an diesem Morgen auf dem Schulhof des Walter-Eucken-Berufskollegs steht. Drinnen ist es eng, ständig stößt man an Postkarten, die an Schnüren von der Decke hängen, und in der oberen Etage kann man sich nur gebückt fortbewegen. Im Laufe des Tages wird es im Inneren noch richtig heiß werden. Trotzdem drängt sich schon um 8 Uhr die erste Schulklasse in das Fahrzeug.
Denn der Oldtimer-Bus beherbergt ein besonderes Schulprojekt. Mit dem Hörbus Nahost soll der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern greifbarer gemacht werden. Und vor allem sollen die Schülerinnen und Schüler die Stimmen von Menschen hören, die mehr oder weniger persönlich vom dort herrschenden Krieg und den Differenzen zwischen den beiden Völkern betroffen sind.
Palästinenser und Israelis kommen zu Wort
Dafür gibt es in dem Bus mehrere multimediale Stationen, an denen die Schülerinnen und Schüler Videos sehen, Audios hören und Texte lesen können, in denen Israelis und Palästinenser, Juden und Muslime aber auch Deutsche ihre Sicht auf den Konflikt schildern.
An einer Station erzählt beispielsweise eine Palästinenserin aus dem Westjordanland, wie sie von einem Tag auf den anderen ihre Kinder nicht mehr in die Schule bringen konnte, nachdem jüdische Siedler einen Zaun errichtet hatten. Direkt daneben kommt ein ehemaliger jüdischer Siedler zu Wort, und spricht über seine Erfahrungen aus dieser Zeit.
Hörbus Nahost zeigt unterschiedliche Perspektiven des Konflikts
Amin an einer der Multimedia-Stationen im Hörbus Nahost.
Diese unterschiedlichen Perspektiven fesseln auch Amin, der an diesem Morgen als einer der ersten die Ausstellung besucht. "Dadurch wird deutlich, wie unterschiedlich die Menschen dort sind und welche unterschiedlichen Wege sie hinter sich haben, um an den Punkt zu kommen, an dem sie jetzt sind", sagt der 17-Jährige.
Die Ausstellung mache auf diese Weise deutlich, "dass man jeden Menschen gleich behandeln sollte, egal ob er oder sie aus Israel kommt, aus Palästina oder Deutschland oder von wo auch immer".
Gesamtschullehrer aus Neuss entwickelten Ausstellung
Mutlu Yolasan entwickelte die Ausstellung mit.
Entwickelt wurde das Konzept 2024 von Dora von Soosten und Mutlu Yolasan, zwei Lehrern an der Gesamtschule Nordstadt in Neuss. "Wir haben bei uns in der Schülerschaft einfach das Bedürfnis gespürt, über diese Thematik, die sich zwar dreitausend Kilometer entfernt von uns abspielt, aber trotzdem unser Leben auch hier berührt, auf eine andere Art und Weise zu sprechen", sagt Yolasan.
Dafür führten er und seine Kollegin von Soosten Interviews mit Menschen aus Israel, den Palästinensergebieten aber auch Deutschland, die von dem Konflikt betroffen sind. Aus den mehr als 14 Stunden Material kurierten sie dann die Ausstellung, die zunächst nur den Schülern und Schülerinnen in Neuss offen stand. Bis die beiden Lehrerkräfte Shai Hoffmann einluden.
Multimedia Projekt zieht in Doppeldeckerbus
In Videos schildern Betroffene ihre Sicht auf den Konflikt.
Der jüdisch-deutsche Schauspieler, Podcaster und Aktivist ist Geschäftsführer von "Gesellschaft im Wandel" und spricht selbst an Schulen über den Nahost-Konflikt. "Und er hat die Ausstellung gesehen und war einfach begeistert", sagt Donata Nebel, die das Projekt Hörbus Nahost für "Gesellschaft im Wandel" leitet. "Und er hatte die Idee, die Ausstellung für mehr Schulen erreichbar zu machen."
Und so zog die Ausstellung in den Doppeldeckerbus um und ging 2025 während einer Pilotphase erstmals auf Tour. Gefördert wird das Projekt vom Bundesinnenministerium und der Essener Werhahn Stiftung. Der Termin in Düsseldorf ist der Auftakt einer Deutschland-Tournee.
Hörbus Nahost geht auf Deutschlandtour
Donata Nebel von der Gesellschaft im Wandel
In den kommenden sechs Wochen besucht der Bus dafür zunächst Schulen in NRW, bevor er dann unter anderem in Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hessen, Berlin und Sachsen-Anhalt Station macht. "Eigentlich könnten wir noch mehrere Jahre auf Tour gehen", sagt Nebel. "Auf der Warteliste stehen mehr als 130 Schulen, die angefragt haben, ob wir vorbeikommen können."
Zu den Lehrkräften, die für ihre Klasse einen der begehrten Termine bekommen haben, gehört Viola Jagemann, die am Wirtschaftsgymnasium des Berufskollegs Marketing unterrichtet. "Das Thema bringt man nicht unbedingt mit meinem Fach in Verbindung, ich dachte aber, dass es nicht schaden kann", sagt sie. "Eigentlich sollten nicht nur Schüler die Ausstellung besuchen. Da sollte jeder mal reingehen."
Unsere Quellen:
- Reporter vor Ort
- Informationen der Gesellschaft im Wandel
- Interviews mit Mutlu Yolasan, Donata Nebel, Amin, Viola Jagemann
Sendung: WDR 2 Rhein und Ruhr, Lokalzeit, 01.06.2026, 11:30 Uhr
