Mehr antisemitische Vorfälle an NRW-Unis | Aktuelle Stunde
WDR. 00:29 Min.. Verfügbar bis 22.05.2028.
Mehr Vorfälle : Antisemitismus an Hochschulen in NRW nimmt zu
Stand:
In absoluten Zahlen erscheint das Problem erst mal nicht so dramatisch. Im Jahr 2025 gab es insgesamt 85 antisemitische Vorfälle an NRW-Hochschulen. Aber die Vorfälle werden von Jahr zu Jahr mehr. Erst in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wurden in Bochum antisemitische Parolen auf Uniwände gesprüht.
Oft fallen sie kaum auf, sind es kleine Schmierereien auf Toilettenwänden oder auf Schildern, in denen Sympathien für die Hamas bekundet oder gar zum Mord an Jüdinnen und Juden aufgerufen wird. Für das Jahr 2025 registrierte die Zentrale Stelle für Beratung und Monitoring von antisemitischen Vorfällen an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen (ZeBA) insgesamt 85 antisemitische Vorfälle.
Zahlen steigen
Das klingt zunächst vielleicht nicht nach einer hohen Zahl, aber die Vorfälle werden mehr. 2023 waren es noch 25. Das heißt, innerhalb von zwei Jahren stieg die Zahl auf das Dreieinhalbfache. Und es heißt auch, dass Jüdinnen und Juden sich zunehmend nicht sicher fühlen an Hochschulen in NRW. Jüngstes Beispiel für solche Vorfälle: Die Ruhr-Uni-Bochum. Dort wurden in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag mehrere Wände an der Uni mit 25 Graffiti-Tags besprüht. Im Polizeibericht steht, sie hätten "Bezüge zum Nahostkonflikt" gehabt. Tatsächlich waren sie auch antisemitisch.
Angst als Grundgefühl
Für Jüdinnen und Juden stellen solche Graffiti eine Drohung dar. Und gerade an kleineren Hochschulen dächten mittlerweile viele jüdische Studierende darüber nach, weg zu gehen, erklärt Evelyn Deller vom Jüdischen Studierendenverband NRW. Denn je kleiner die Hochschule, desto mehr seien sie exponiert, sei den Mit-Studierenden bekannt, dass sie Juden sind.
Es wäre nicht so problematisch, wenn ich nicht mehrfach darüber nachdenken müsste, ob ich auf eine Toilette und das Risiko eingehe, einer Person zu begegnen, die gerade dabei ist, so etwas an die Wand zu schmieren. Evelyn Deller, Jüdischer Studierendenverband NRW
Was die Betroffenen und die Experten zudem beunruhigt ist, dass es sich bei den registrierten Vorfällen eben nur um die Vorfälle handelt, die offiziell gemeldet wurden. Die Dunkelziffer, schätzen sie, sei deutlich höher.
Konflikt Israel und Hamas als möglicher Auslöser
Ina Brandes, NRW-Ministerin für Kultur und Wissenschaft
Ursache der steigenden Zahlen an den Hochschulen könnte nach Einschätzung der ZeBA unter anderem der Konflikt zwischen Israel und der Hamas sein. Die Zentrale Anlaufstelle wurde 2024 von den Hochschulen und der Landesregierung gemeinsam initiiert, zehn Monate nach dem Überfall der Hamas auf Israel im Oktober 2023. Sie soll Opfern und Zeugen antisemitischer Diskriminierung und Gewalt beistehen. Aber auch die Lehrenden an den Hochschulen unterstützen. "Plötzlich ging es, unabhängig vom Fachbereich, in vielen Seminaren um diesen Konflikt", sagte NRW-Wissenschaftsministerin Ina Brandes bei der Vorstellung des ersten Jahresberichts der ZeBA. Deshalb biete die Beratungsstelle auch Fortbildungen für die Lehrenden an den Hochschulen an. Mit deren Hilfe sollen sie besser gerüstet sein, wenn Diskussionen von der sachlichen in eine antisemitische Ebene abzugleiten drohten.
Vernetzen, wachsam sein, aktiv werden
Die Ansätze der ZeBA seien gut, meint Evelyn Deller, aber nicht ausreichend im Kampf gegen Antisemitismus. Gleichzeitig möchte sie die Freiheit der Lehre und Wissenschaft nicht durch generelle Überwachung und Verbote eingeschränkt sehen. Deshalb wünscht sie sich von jedem Einzelnen mehr Engagement gegen Antisemitismus. "Monitoren, Vernetzen, Einschreiten, etwas unternehmen, wenn man mitbekommt, dass jemand etwas Übles plant."
Unsere Quellen:
- Zentrale Beratungsstelle zu Antisemitismus an Hochschulen in NRW
- Wissenschaftsminsterium NRW
- Recherche und Informationsstelle Antisemitismus NRW
- Jüdischer Studierendenverband NRW
- Polizei Bochum
Sendung: WDR 5, Westblick, 22.05.2026, 17.05 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 22.05.2026, 18.45 Uhr
