Vier Mädchen sitzen auf dem Boden und essen aus zwei Töpfen am 12.05.2025

Jüdischer Podcaster in Israel: Not der Palästinenser ist kaum Thema

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Im Gazastreifen droht eine große Hungersnot. Trotzdem setzt Israel seinen Militäreinsatz infolge des Terror-Angriffs der Hamas mit einer neuen Bodenoffensive fort. Wie blicken junge Israelis auf die Not der Palästinenser? Ein Interview mit dem jüdisch-deutschen Sozialaktivisten und Podcaster Shai Hoffmann.

Die humanitäre Lage im Gazastreifen spitzt sich weiter zu. Internationale Hilfsgüter kommen nur schleppend bei den notleidenden Menschen an. Ausreichend sind sie ohnehin nicht: Laut den UN ist ein Vielfaches mehr an Hilfslieferungen nötig.

Fast eine halbe Million Menschen im Gazastreifen seien derzeit von einer Hungersnot bedroht, teilt das Kinderhilfswerk Unicef mit. Mehr als 71.000 Kinder und etwa 17.000 Mütter benötigen demnach "dringend eine Behandlung wegen akuter Mangelernährung".

Porträt von Shai Hoffmann

Shai Hoffmann, deutsch-jüdischer Sozialaktivist

Wie blicken vor allem junge Israelis auf die Lage? Im Interview mit dem WDR schildert Shai Hoffmann seinen persönlichen Eindruck. Er ist jüdischer Deutscher, hat Familie in Israel und lebt in Berlin. Am 23. Juni beginnt ein weiteres seiner Projekte: Dann ist auf Schulhöfen in NRW der "HörBus Nahost" unterwegs - eine Kooperation mit der Gesamtschule Nordstadt in Neuss. Für seinen Podcast "Über Israel und Palästina sprechen" ist er zurzeit in Israel und in den palästinensichen Gebieten unterwegs. 

Der 43-Jährige sieht sich als Sozialaktivist und realisiert mit seiner gemeinnützigen GmbH "Gesellschaft im Wandel" zahlreiche Projekte wie etwa "Trialog". Dabei spricht er regelmäßig mit einer Deutsch-Palästinenserin sowie Schülerinnen und Schülern über den Nahostkonflikt.

WDR: Sie befinden sich zurzeit in Israel. Wie blicken junge Menschen dort auf die Lage der notleidenden Palästinenser?

Shai Hoffmann: Ich war vor ein paar Tagen auf einer Antikriegsdemonstration in Tel Aviv. Dort forderten die Redner die Hamas dazu auf, die restlichen Geiseln vom Terror-Angriff am 7. Oktober 2023 freizulassen. Was mich erstaunt hat: Keiner der Redner forderte das Ende des Leids der Palästinenser.

In der Breite der israelischen Öffentlichkeit spielt das einfach keine große Rolle. Wenn Kritik am israelischen Militäreinsatz geäußert wird, dann vor allen, weil man darin eine Bedrohung für die noch lebenden Geiseln sieht. 

"Nach meinem Eindruck findet in Israel eine extreme Dehumanisierung von Palästinenserinnen und Palästinensern statt."

Es gibt hier aber auch Menschen, die kritischer unterwegs sind. Sie fordern zwar auch die Freilassung der Hamas-Geiseln, aber ebenso die Lieferung von Hilfsgütern an die Palästinenser. Und sie fordern das Ende des Krieges, weil sie sich an ein universelles Völkerrecht gebunden fühlen. 

Das ist aber nur ein ganz kleiner Teil der israelischen Gesellschaft, der sich traut, mit dieser Haltung an die Öffentlichkeit zu gehen. Mit einigen spreche ich für meinen Podcast.

Hilfslieferungen in Gaza

WDR Studios NRW 22.05.2025 00:20 Min. Verfügbar bis 22.05.2027 WDR Online


WDR: Mit wem treffen Sie sich zum Beispiel?

Hoffmann: Zum Beispiel mit Vertretern der Initiative "Standing together". Das sind Juden und Palästinenser, die in Israel leben. Vor einigen Tagen wurde ihr Sprecher Alon-Lee Green zusammen mit anderen Menschen bei einer Demonstration an der Grenze zum Gazastreifen verhaftet. Dabei war es bloß ein friedlicher Protest!

Manche Menschen, die ich hier treffe, standen Besuchern des Musikfestivals nahe, die beim Terror-Angriff am 7. Oktober ums Leben gekommen sind. Es sind Menschen, die die bewusste Entscheidung getroffen haben, nicht zu hassen. Die einen Dialog zwischen Palästinensern und Israelis wollen.

WDR: Das ist auch Ihr Anliegen: Verständigung. Wie tun Sie das konkret?

Hoffmann: Erst mal höre ich zu, was mir mein Gegenüber sagt. Zum Teil wird etwas angesprochen, wo ich weiße Flecken habe. Zum Teil widerspreche ich. Aber ich revidiere auch meine Meinung.

"Es ist ein ganz, ganz schmerzhafter Prozess. Ein Erkenntnisprozess."

Denn dabei zerfallen mitunter Vorstellungen und Werte, die ich in meiner Kindheit anders vermittelt bekommen habe - auch von meinem Vater, der in der israelischen Armee war.

WDR: Zur Verständigung gehört auch, zu verstehen, was der Terror-Angriff der Hamas 2023 mit den Israelis gemacht hat. Was hat das in den Menschen ausgelöst?

Hoffmann: Seit der Shoa, dem Holocaust, wurden noch nie so viele Juden an einem Tag ermordet wie durch die Hamas am 7. Oktober 2023. Die jüdische Identität ist stark geprägt von der Shoa und vom Bedürfnis nach einem sicheren Staat, wo Juden die Mehrheit bilden. Der Terror-Angriff hat also direkt die Urängste vieler jüdischer Israelis berührt. Das hat ein kollektives Momentum ausgelöst. Daher kommt die grundsätzliche große Zustimmung zum Militäreinsatz im Gazastreifen.

Unter der Regierung von Ministerpräsident Netanjahu werden diese Urängste meiner Meinung nach aber auch instrumentalisiert. Damit wurde und wird die Gesellschaft eingestimmt, dass man militärisch noch einen langen Weg vor sich hat, dass viele Soldaten sterben werden. 

Ich glaube, die israelische Gesellschaft - vor allem die heutige junge Generation - wird diesen Krieg noch lange für sich aufarbeiten müssen.

Die Fragen stellte Jörn Seidel.

Unsere Quellen:

  • WDR-Interview mit Shai Hoffmann
  • UN-Kinderhilfswerk Unicef
  • Nachrichtenagenturen dpa, Reuters, AFP

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