Derya Seyhun kniet neben ihrem Sohn Kian, die beiden machen vor einem Schloss ein Foto und lächeln in die Kamera.

Derya Seyhun und Kian wurden in Köln-Niehl Opfer eines Doppelmords

Doppelmord in Köln 2021: Das tragische Schicksal von Derya und Sohn Kian

Stand:

Vor vier Jahren erschüttert ein grausames Verbrechen NRW. Derya Seyhun wollte ihrem Sohn Kian seinen Vater vorstellen. Doch das Treffen in Köln endet tödlich. Am Tag darauf wird die junge Mutter tot im Rhein gefunden. Einen Tag später bergen die Rettungskräfte auch ihren vierjährigen Sohn Kian aus dem Wasser.

Von
Porträtbild von Josefine Upel
Josefine Upel
und Helena Kaufmann (Multimedia)
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Köln: Das tragische Schicksal von Derya und Kian

Am Morgen des 15. November 2021 geht im Hafen von Köln-Niehl zunächst alles seinen gewohnten Gang. Dann machen Schiffsfahrer im trüben Wasser des Rheins eine schreckliche Entdeckung: Es ist die Leiche der 24-jährigen Derya Seyhun. Doch wo ist ihr vierjähriger Sohn Kian?

Am nächsten Tag bestätigt sich die schlimmste Befürchtung. Spaziergänger entdecken im Rhein in Köln-Worringen den Leichnam des Kindes. Wie konnte es dazu kommen? Die Folge unseres YouTube-Formats Lokalzeit MordOrte beleuchtet die Hintergründe des Falls:

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Verheimlichte Schwangerschaft

Ihre Freundinnen beschreiben die Kölnerin Derya Seyhun als aufgeschlossen und voller Lebensfreude. "Wenn sie in einen Raum gekommen ist, waren alle im Bann von Derya", sagt Saskia, die ihren vollen Namen nicht öffentlich nennen möchte. Seit der Schule waren sie und Seyhun eng befreundet.

Saskia und Derya stehen in einem Park auf einer Wiese. Beide tragen einen selbsgeflochtenen Blumenkranz in den Haaren.

Saskia und Derya waren schon in der Schule beste Freundinnen

Noch vor dem Abitur wird Seyhun schwanger. Sie verheimlicht ihre Schwangerschaft - nicht nur vor dem Vater des Kindes, sondern auch vor ihrer Familie und ihren Freunden. Im Oktober 2017 bringt sie ihren Sohn Kian zur Welt. Ihre Mutter erinnert sich noch an den Moment, als Seyhuns Vater ihr die Nachricht von der Geburt überbringt. "Er sagte zu mir: 'Herzlichen Glückwunsch, du bist Oma geworden. Wir sind Großeltern geworden.' Dann zeigte er mir ein Foto auf dem Handy und ich war sofort schockverliebt."

Derya Seyhuns Vater Ersin und ihre Mutter Rosi blättern in einem Fotoalbum.

Derya Seyhuns Mutter Rosi und ihr Vater Ersin blättern in einem Fotoalbum

Seyhun zieht ihren Sohn allein groß, bekommt Unterstützung von ihrer Familie. Sie lebt mit Kian bei ihrem Vater, studiert in Köln und arbeitet nebenbei. Die junge Mutter liebt ihren Sohn abgöttisch, tut alles für ihn. "Kian war ein Kind, das alles erprobt hat und auch alles kennenlernen durfte", erzählt Saskia. "Und Kian war sehr, sehr schlau. Er konnte mit einem oder mit zwei Jahren das Alphabet aufsagen." Der Junge ist neugierig, freundlich und fasziniert von Dinosauriern. Und er fragt sich, wer sein Vater ist.

Als Kian immer häufiger über ihn spricht, möchte Seyhun ihm den Kontakt nicht länger verwehren. Lange Zeit hält sie einen anderen Mann für den Vater, doch ein Test widerlegt ihre Annahme. Damit kommt nur Anil G. als Kians Vater infrage.

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Der Vater, der sein eigenes Kind tötet

Anil G. ist ein ehemaliger Klassenkamerad von Derya Seyhun und Saskia. Im gemeinsamen Freundeskreis tritt er unauffällig, ruhig und zurückhaltend auf. Er richtet sich stark nach den Erwartungen und Regeln seiner eher strengen und traditionell geprägten Familie. Die Meinung seiner Eltern bedeutet ihm viel. Während der Schulzeit zeigt G. Interesse an Seyhun. Ein Paar werden sie aber nie.

In einem Fotoalbum klebt ein Foto einer Freundesgruppe, in der Mitte stehen Derya Seyhun und Saskia, die restlichen Gesichter sind verpixelt.

Saskias und Deryas Freundeskreis in der Schulzeit

Nach dem Realschulabschluss beginnt G. eine Ausbildung in der Firma, in der auch sein Vater arbeitet. Er lernt seine Freundin kennen, möchte sie bald heiraten. Als sich im Spätsommer 2021 Seyhun bei ihm meldet, sieht er sein Glück plötzlich bedroht. Die 24-Jährige erklärt G., er sei der Vater ihres Kindes. Dieser zweifelt daran, hält aber Kontakt zu ihr.

G. will um jeden Preis verhindern, dass seine mögliche Vaterschaft bekannt wird. Er möchte seine Eltern nicht enttäuschen und fürchtet, seine Beziehung zu belasten. Er recherchiert zu K.o.-Tropfen und Betäubungsmitteln, wie die Auswertungen seines Internet-Suchverlaufs später beweisen. Bei ihrem nächsten Telefonat kündigt Seyhun dem Gericht zufolge G. vermutlich an, ihn dem Jugendamt als Kians Vater zu melden. G. fasst einen schrecklichen Entschluss.

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Zeuge des Mordes an seiner Mutter

Am Abend des 14. November 2021 lockt G. Derya Seyhun und Kian am Rhein in einen Hinterhalt. Das Gericht glaubt, dass er vorgibt, Kian kennenlernen zu wollen. Seyhun holt Kian aus dem Bett. Sie zieht ihm über den Schlafanzug seine Winterjacke, Skihose und Stiefel an und fährt los.

Am Treffpunkt angekommen, machen G., Seyhun und Kian in der Dunkelheit einen Spaziergang am Rhein. Plötzlich attackiert G. die 24-Jährige. Er tötet sie vor den Augen ihres Sohnes mit mehreren Messerstichen. Danach greift er auch Kian an und tötet ihn ebenfalls. Die Leichen lässt G. anschließend im Rhein verschwinden.

Auf einer grünen Wiese laufen zahlreiche schwarzgekleidete Polizeibeamte und suchen nach Spuren

Spurensuche am Rheinufer in Köln-Niehl

Nach dem Doppelmord fährt er ins Fitnessstudio und trifft sich anschließend mit Freunden in einer Shisha-Bar. So will er sich mit einem Alibi absichern. Im Prozess erklären die Zeugen, G. habe an dem Abend völlig normal und gelassen gewirkt.

Der Prozess gegen Anil G.

Als sich am nächsten Tag die Nachricht von der Frauenleiche im Rhein verbreitet, sucht G. im Internet nach Begriffen wie "Fingerabdrücke Wasserleiche". Er ahnt nicht, dass er schon längst der Hauptverdächtige ist. Der Verdacht fiel schnell auf den Vater des Kindes. Ein Foto in Seyhuns Zimmer hatte seine Identität entlarvt. In der Nacht wird G. festgenommen - noch bevor der tote Kian in Köln-Worringen im Rhein gefunden wird.

Drei Männer sitzen an einem Tisch mit Mikrofonen, einer der Männer hält sich einen Aktenorder vor das Gesicht.

Anil G. auf der Anklagebank im Landgericht Köln

Im Prozess gesteht G. die Tat. Im September 2022 verurteilt ihn das Landgericht Köln wegen Mordes mit besonderer Schwere der Schuld zu lebenslanger Haft. Nach Überzeugung des Gerichts handelte G. heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen.

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Aufklärung als Trauerbewältigung

Vater Ersin Seyhun wohnt immer noch in der Wohnung in Köln-Kalk, in der er mit Derya und Kian lebte. "Manchmal gucke ich noch, ob er um die Ecke gelaufen kommt. Aber er wird nicht kommen, das ist mir schon bewusst", sagt er um Fassung bemüht. Dass er öffentlich über den Mord an seiner Tochter und seinem Enkelkind spricht, tut er, um andere zu sensibilisieren. "Das, was Derya passiert ist, oder was uns passiert ist, sollte keinem anderen passieren."

Wenn es lebensgefährlich wird, eine Frau zu sein

Der Doppelmord an Seyhun und Kian wird als erweiterter Femizid bezeichnet: eine Tötung, die aufgrund des Geschlechts gegen eine Frau verübt und auf ihr Umfeld ausgeweitet wird. Gewalt an Frauen ist dabei ein strukturelles Problem. Laut aktueller polizeilicher Kriminalstatistik wurden im Jahr 2024 in Deutschland 308 Mädchen und Frauen getötet. In 132 Fällen war der Täter der (Ex-)Partner.

In Beziehungen sind überwiegend Frauen von Gewalt betroffen. Rund 80 Prozent der Opfer sind weiblich. Die Statistik zeigt außerdem, dass Straftaten gegen Frauen und Mädchen insgesamt zunehmen. Die Dunkelziffer dürfte dabei noch deutlich höher liegen.

Auch Deryas Freundinnen wollen auf das Problem der geschlechtsspezifischen Gewalt aufmerksam machen. Sie haben deshalb den Instagram-Kanal "Femizide stoppen" gegründet. In diesem Interview sprechen sie ausführlich über ihre Initiative und wie sie die Tragödie erlebt haben.

Dieser Beitrag liefert Informationen zum YouTube-Video von WDR Lokalzeit MordOrte "Kian sollte nur seinen Vater kennenlernen" vom 10.11.2025, 17 Uhr.

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