Derya Seyhun mit ihrem Sohn Kian
Mutter und Sohn ermordet: Die Geschichte von Derya und Kian aus Köln
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Der 4-jährige Kian aus Köln möchte seinen Vater kennenlernen. Seine Mutter Derya Seyhun nimmt Kontakt auf und vereinbart im November 2021 ein Treffen am Rhein. Am Ende sind Mutter und Sohn tot. Im Interview erinnern sich zwei Freundinnen von Seyhun an die Tat und erklären, warum es wichtig ist, dass sie als Femizid bezeichnet wird.
Der Femizid an Derya Seyhun
Derya Seyhun lebt mit ihrem 4-jährigen Sohn Kian bei ihrem Vater in Köln-Kalk. Sie studiert und jobbt nebenbei, erzieht den Jungen allein. Als Kian immer öfter nach seinem Vater fragt, will die 24-Jährige ihm den Kontakt nicht länger verwehren und meldet sich bei Anil G., Kians Vater. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste Anil G. nichts von einem Kind. Er will bald heiraten und unbedingt verhindern, dass seine Eltern und die zukünftige Frau von Kian erfahren.
Am 14. November 2021 treffen sich Derya Seyhun und Kian mit Anil G. am Niehler Hafen in Köln. Seyhun glaubt, dass G. seinen Sohn kennenlernen möchte. Doch sein Plan ist ein anderer: Er lockt die beiden an den Rhein, um sie zu töten. Mehr Infos zum Fall und ein Interview mit Seyhuns Eltern zeigen wir bei WDR Lokalzeit MordOrte auf YouTube.
Einen Tag später, am Vormittag des 15. November 2021, wird eine Frauenleiche aus dem Rhein geborgen. Es folgt die traurige Gewissheit: Es ist Derya Seyhun. Anil G. wird festgenommen, noch bevor die Leiche von Kian am Dienstag, dem 16. November 2021, aus dem Rhein bei Köln-Worringen gezogen wird. Anil G. wird zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt.
Das Unbegreifliche akzeptieren
Saskia und Lilly, die ihren vollen Namen lieber nicht im Internet lesen möchten, kannten Derya Seyhun sehr gut. Sie waren beste Freundinnen. Nach Seyhuns Tod setzen sie sich dafür ein, auf Femizide aufmerksam zu machen. Im Interview erzählen sie von ihrem Einsatz gegen Gewalt an Frauen und erinnern sich an den Tag, als ihre Freundin ermordet wurde.
Lokalzeit: Saskia, die letzte Nachricht, die Derya mit ihrem Handy verschickt hat, ging an dich. Was stand drin?
Saskia: Wir hatten uns zum Zoomen verabredet, um vor dem PC gemeinsam für die Uni zu lernen. Ich wohnte damals noch in Paderborn, Derya in Köln. Sie meinte, dass sie sich noch die Zähne putzen würde und dann bereit sei. Doch dann hat sie einen Anruf bekommen, von dem ich nicht wusste. Sie hat mir geschrieben, dass sie spontan doch nicht kann. Wortwörtlich sagte sie mir: "Wieso, weshalb, warum erkläre ich dir morgen."
Saskia und Derya waren schon in der Schule beste Freundinnen
Lokalzeit: Doch dazu ist es nicht gekommen. Wie hast du erfahren, dass Derya ermordet wurde?
Saskia: Am Tag nach unserem letzten Kontakt wurde eine Frauenleiche aus dem Rhein gezogen. Ich habe am Abend von einer Freundin davon erfahren, die meinte, es handelt sich dabei um Derya. Meine erste Reaktion war: So entstehen Gerüchte, das kann nicht wahr sein. Wir sind ganz normale Frauen. Wie kann es sein, dass wir ermordet werden und man uns dann im Rhein findet? Doch als ich einen Anruf von Deryas Familie bekommen habe mit der Info, dass es sie war, da musste ich es glauben. Ich sehe mich noch heute, wie ich in meinem WG-Zimmer sitze und meine Schwester bei mir ist und wir uns einfach nur umarmen. Wir konnten nicht verstehen, dass ein Mensch, den wir so sehr lieben, umgebracht wurde.
Lokalzeit: Du hast dann sofort Lilly angerufen, um sie zu informieren. Lilly, welche Erinnerungen hast du an den Moment?
Lilly: Als mich Saskia angerufen hat, konnte ich das gar nicht glauben. Zu dem Zeitpunkt wurde Kian noch nicht gefunden, weil seine Leiche den Rhein hochtrieb. Bis er nicht gefunden wurde, habe ich gedacht, das stimmt alles nicht, das kann nicht sein. Es bringt doch keiner ein Kind um.
Saskia: Lilly hat mir noch in der Nacht geschrieben, dass es ein Femizid war. Ich kannte den Begriff damals noch nicht. Ich wusste, was ein Genozid oder ein Suizid ist, aber von einem Femizid hatte ich vorher noch nicht gehört. Als sie mir erklärte, was ein Femizid ist, konnte ich dieses Wort mit Derya und dem Gefühl, das ich empfand, verbinden. Mir ist sehr wichtig, dass Menschen informiert werden, was in Deutschland passiert. Ich dachte, man sei hier als Frau sicher, aber so ist das nicht.
Aus Trauer wird Engagement
Lokalzeit: Derya Seyhun und ihr Sohn Kian wurden am 25.11.2021 beerdigt. Das ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Anlässlich dazu fand an diesem Tag eine Demo in Köln statt. Ihr seid nach der Beerdigung dorthin gegangen. Warum war euch das wichtig?
Saskia: Wir haben in Deryas Kalender gelesen, dass sie eigentlich vorhatte, dahinzugehen. Sie beschrieb sich selbst als Feministin und war politisch interessiert. Auch mit ihrem Sohn Kian ist sie auf Demos gegangen. Für die beiden haben wir dann im Dezember einen Demozug durch die Stadt organisiert. Rund 2.000 Leute sind mitgelaufen.
Lokalzeit: Ihr habt nicht nur demonstriert, sondern auch einen Instagram-Kanal gegründet mit dem Namen "femizide_stoppen". Was steckt da genau hinter?
Lilly: Wir versuchen aufzuklären, zu vernetzen und solidarisieren uns mit Angehörigen von Femizidopfern sowie anderen Aktivistinnen und Aktivisten. Wir hatten nach dem Tod von Derya den Drang, etwas tun zu müssen. Und das war mit Sicherheit auch eine Art Trauerbewältigung. Zudem wurde zu diesem Zeitpunkt in anderen Ländern die Anzahl von Femiziden bereits dokumentiert. In Deutschland gab es das nicht. Das wollten wir ändern.
Lilly setzt sich nach dem Tod ihrer Freundin gegen Gewalt gegenüber Frauen ein
Lokalzeit: Seit dem vergangenen Jahr führt das BKA Femizide in seiner Statistik auf. Demnach wird täglich in Deutschland eine Frau oder ein Mädchen getötet. Ihr sagt, dass es jeden zweiten Tag zu einem Femizid kommt. Wieso unterscheiden sich eure Zählungen?
Lilly: Das BKA benutzt den Begriff des Femizids wahllos, es zählt jede Tötung einer Frau oder eines Mädchens. Wir glauben aber, dass es Sinn macht, den geschlechtsspezifischen Aspekt herauszuarbeiten. Nicht jede Tötung einer Frau oder einer Person, die diese Rolle in unserer Gesellschaft annimmt, ist ein Femizid. Wenn zum Beispiel bei einem Bankraub eine Frau erschossen wird, es aber genauso gut ein Mann hätte sein können, dann ist die Tötung der Frau keine geschlechtsspezifische Tötung gewesen.
Hinweis der Redaktion vom 4.12.2025: In der neuesten Statistik des BKA von Mitte November werden vollendete Tötungsdelikte an Frauen nicht mehr pauschal als Femizide bezeichnet. Die Behörde begründet das damit, dass es bisher keine einheitliche Definition des Begriffs gibt und die Kriminalstatistik keine Tatmotive erfasst. Deshalb ließe sich nicht eindeutig feststellen, ob eine Frau getötet wurde, weil sie eine Frau ist.
Lokalzeit: Was muss sich in Deutschland tun, damit Frauen besser geschützt sind?
Lilly: Deutschland hat sich mit der Istanbulkonvention dazu verpflichtet, gegen Gewalt an Frauen vorzugehen. Dazu gehört zum Beispiel, dass Richterinnen und Richter fortgebildet werden oder auch, dass die Polizei zu geschlechtsspezifischer Gewalt sensibilisiert wird. Aber es müssen auch Frauenhausplätze geschaffen werden und es muss schon früh in Schulen und im Kindergarten angesetzt werden, dass Kinder mit dem Bild der gleichberechtigten Frau aufwachsen.
Lokalzeit: Wenn Derya euch jetzt sehen könnte, was würde sie zu euch sagen?
Lilly: Ich glaube, sie wäre stolz auf uns. Sie würde aber auch sagen: "Lebt und genießt euer Leben."
