Der Fall Lea aus Dinslaken : Wenn Eltern ihr eigenes Kind töten
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2020 wird die kleine Lea in Dinslaken geboren. Sie ist ein Zwilling, doch im Gegensatz zu ihrer Schwester ist sie ihren Eltern von Anfang an im Weg. Sie misshandeln Lea so lange, bis sie schließlich mit nur drei Jahren stirbt. Wie konnte es so weit kommen und warum fiel dem Jugendamt nichts auf?
Zwei Töchter - die eine geliebt, die andere gequält
Familie Hoffmann aus Dinslaken, die eigentlich anders heißt, wirkt auf den ersten Blick wie eine ganz normale Familie. Sie haben einen Sohn und erwarten noch Nachwuchs: Die Mutter ist mit Zwillingen schwanger. Doch der Schein trügt. Schon während der Schwangerschaft, so lässt es sich später im Urteil nachlesen, behauptet die Mutter der Zwillinge, dass das eine Mädchen dem anderen den Platz wegnehmen würde.
Auch nach der Geburt der Zwillinge im Jahr 2020 behandeln die Eltern die beiden Mädchen völlig unterschiedlich: Während der Sohn und Mia von den Eltern angenommen werden, wird Lea regelmäßig für ihr Verhalten bestraft. Um die Familie und vor allem die überlebenden Kinder so gut es geht zu schützen, haben wir außer dem Namen von Lea alle Namen in diesem Fall geändert.
Die unterschiedliche Erziehung zeigt sich unter anderem darin, dass Lea alleine essen muss, wenn sie sich am Tisch nicht "benommen" hat. Zudem lassen ihre Eltern sie zur Bestrafung manchmal in der Badewanne schlafen und schneiden ein Stück von Leas Kuscheltier ab, wenn sie nicht gehorcht.
Immer wieder zwingen die Eltern Lea auch zum Essen. Sie wird festgebunden und gegen ihren Willen gefüttert. Über WhatsApp schreiben die Eltern detailliert darüber, wie sie ihre Tochter misshandeln - so lässt sich das Vorgehen der beiden sehr gut rekonstruieren.
Systematische Misshandlung
Auch der dritte Geburtstag der kleinen Zwillinge ist symptomatisch dafür, wie unterschiedlich ihre Eltern sie behandeln. Während für Mia eine Feier geplant wird, geht Lea leer aus. Lea sei es schlicht nicht wert, dass man sie feiere, sagt ihre Mutter.
Immer wieder schreibt sie ihrem Mann, wie er Lea behandeln solle, wie hart sie gemeinsam gegen sie vorgehen müssten, um ihren Willen zu brechen. In den Chats, die dem WDR auszugsweise vorliegen, weist sie ihn immer wieder an, rücksichtslos gegen Lea vorzugehen, sie bräuchte das für ihre Entwicklung.
Großvater meldet Tochter beim Jugendamt
Beleidigungen und abwertende Spitznamen für Lea finden sich immer wieder in den Chatnachrichten der beiden Eltern. Dabei weiß vor allem die Mutter sehr genau, wie man Kinder eigentlich behandeln müsste: Sie arbeitet einige Jahre als ausgebildete Erzieherin.
Doch die brutalen "Erziehungsmethoden" des Ehepaars bleiben nicht völlig unentdeckt. Dem Opa von Lea erscheint das Verhalten seiner eigenen Tochter sogar so auffällig, dass er die Familie dem Jugendamt in Dinslaken meldet.
Fatale Entscheidung des Jugendamtes
In einem Interview mit dem WDR im Oktober 2023 beschreibt die damalige parteilose Bürgermeisterin Michaela Eislöffel das Vorgehen des Jugendamts Dinslaken: "Das Jugendamt ist innerhalb von drei Tagen vor Ort gewesen und hat sich ein Bild über die Situation im häuslichen Bereich gemacht. Es hat auch alle Untersuchungshefte kontrolliert, um Hinweisen nachzugehen, ob die Kinder nicht gut betreut werden. Soweit war nichts auffällig." Das Jugendamt bearbeitet den Fall daraufhin nicht weiter.
Bemerkenswert jedoch ist, dass während des gesamten Besuches keines der drei Kinder anzutreffen ist. War das ein Fehler? Michael Kutz ist der Landesgeschäftsführer vom Kinderschutzbund in NRW. Er engagiert sich seit über 20 Jahren für den Schutz von Kindern und verteidigt das Vorgehen des Jugendamts: "Es kann gut sein, dass die Mitarbeiter des Jugendamts sich Informationen geholt haben, aus der Kita, aus der Schule, und sie dann gesagt haben: 'Ok, das ist so weit erst einmal alles in Ordnung.'"
Michael Kutz verteidigt das Jugendamt Dinslaken
Doch bei dem kleinsten Verdacht hätten die Mitarbeiter des Jugendamtes hellhörig werden müssen, erklärt Kutz: "Wenn ich ein ungutes Gefühl habe als Sozialarbeiter, dann muss ich natürlich genauer hingucken, dann muss ich auch die Kinder in Augenschein nehmen. Aber es gibt so viele Unwägbarkeiten, da muss man genau schauen, was man dann macht."
Er kritisiert, dass viele Jugendämter in Deutschland überlastet und finanziell nicht ausreichend ausgestattet seien. Dennoch geht er davon aus, dass jede Anzeige einer Kindeswohlgefährdung von den Mitarbeitern in den Jugendämtern sehr gründlich geprüft wird. "Ich glaube schon, dass wir ein großes Grundvertrauen in die Mitarbeiter dort haben müssen. Nichtsdestotrotz können Umstände wie Überlastung und Geldmangel zu Fehleinschätzungen führen."
Die Stadt Dinslaken teilt dem WDR zur Verantwortung des Jugendamts schriftlich mit: "Die gegen Mitarbeitende des Jugendamtes eingeleiteten Ermittlungsverfahren wurden von der Staatsanwaltschaft ohne Auflagen eingestellt. (…) Zu konkreten Abläufen, einzelnen Meldungen oder Maßnahmen im Einzelfall dürfen wir aus Gründen des Sozialgeheimnisses keine weiteren Angaben machen."
Qualvoller Tod im Keller
Für Lea ist die Entscheidung des Jugendamts Dinslaken, den Fall nicht weiter zu bearbeiten, fatal. Die Eltern knebeln und fesseln ihre Tochter immer wieder auf einem Stuhl im Schlafzimmer. Angeblich, um sie besser füttern zu können. Meistens übernimmt der Vater das gewaltsame Füttern, aber auch die Mutter beteiligt sich.
Eines Tages beschließen die Eltern, die 3-Jährige in den Keller ihrer Mietwohnung zu sperren. Ab diesem Zeitpunkt verschlechtert sich der Gesundheitszustand des kleinen Mädchens. Sie bekommt durch die ständige Zwangsernährung nur noch schlecht Luft. Trotzdem zwingen die Eltern Lea immer weiter zum Essen. Sie kleben ihr dabei sogar die Nase und Mund zu. So gelangt immer mehr Brei in die Lungen ihrer Tochter. Nach etwa sechs Tagen, so die Annahme der Staatsanwaltschaft, erstickt Lea an dem Brei und stirbt.
Der Vater befestigt anschließend Sportgewichte an ihrer Leiche und versenkt sie im Rhein-Herne-Kanal. Wenige Stunden danach geht der Vater zur Polizei. Dort behauptet er, dass der Tod von Lea ein Unfall gewesen sei - so hatte er es mit seiner Frau abgesprochen.
Lebenslange Haft für Eltern
Den Eltern wird der Prozess gemacht. Die beiden hatten ihren Chatverlauf zwar gelöscht, doch die Polizei konnte ihn wiederherstellen. So konnte das Gericht den Eltern die Tat eindeutig nachweisen. Vor dem Landgericht Duisburg wird ihnen Mord aus Grausamkeit vorgeworfen. Mildernde Umstände für das Ehepaar sehen die zuständigen Richter nicht, daher verurteilen sie die Eltern zu einer lebenslangen Haftstrafe.
Die Richter gehen in ihrer Urteilsbegründung davon aus, dass die Eltern ganz bewusst handelten - und sie zu jeder Zeit schuldfähig waren. In diesem Fall bedeutet es, dass die Eltern der kleinen Lea für mindestens 20 Jahre in Haft bleiben. Erst dann können sie eine Überprüfung ihrer Strafe beantragen. Die anderen zwei Kinder der Eltern werden in Pflegefamilien untergebracht.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Michael Kutz vom Kinderschutzbund NRW
- Stadt Dinslaken
- WDR-Interview mit Kriminalpsychologin Lydia Benecke
Dieser Beitrag liefert Informationen zum WDR MordOrte YouTube-Video "Eltern als Täter: Der schockierende Fall der kleinen Lea" vom 11.05.2026, 17 Uhr.