Überlastung von Jugendämtern

Aktuelle Stunde 03.09.2025 32:25 Min. Verfügbar bis 03.09.2027 WDR Von Anne Bielefeld

Jugendämter an Belastungsgrenze - Geld fehlt überall

Stand:

Jugendämter in NRW sind heillos überlastet. Sogenannte "Systemsprenger" kosten viel Zeit und Geld, Personal fehlt überall. Dabei habe die Familienministerin ein ungenutztes Budget, behauptet ein FDP-Abgeordneter.

Von Nina Magoley

"Maßnahmen gegen Überlastung und für besseren Kinderschutz": Die FDP-Fraktion im Landtag hatte dieses Thema im Ausschuss für Familie beantragt - ausgelöst durch eine kürzlich erschienene TV-Dokumentation des WDR, die zeigt, wie hoch der Druck ist, unter dem die Jugendämter in NRW stehen.

Eingeladen waren am Mittwoch zahlreiche Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bereichen der Jugendarbeit, die den Mitgliedern des Ausschusses die Herausforderungen in den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) schildern konnten.

Die zentralen Knackpunkte wurden dabei schnell deutlich: Personalmangel in den Jugendämtern, die Diskussion um Fallzahlobergrenzen, Geldkürzungen vonseiten des Landes an wichtigen Stellen. Und der Umgang mit sogenannten "Systemsprengern".

Als solche werden in der Branche Kinder und Jugendliche bezeichnet, die "besondere Bedarfe" haben. Sie verweigern sich meist sämtlichen pädagogischen Maßnahmen und brauchen spezielle Betreuung und Unterbringung.

Unterbringung "extrem schwierig"

Die Zahl dieser Fälle habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, sie seien ein "zentrales Thema" bei den Jugendämtern, sagte Matthias Menzel vom Städte- und Gemeindebund NRW. Ihre Unterbringung sei "extrem schwierig" und bedeute "massive Kosten". Kleinere Kommunen seien durch solche Fälle finanziell überfordert.

Kai Zentara vom Landkreistag NRW beschrieb, wie Mitarbeiter der Jugendämter oft viele Stunden damit beschäftigt seien, "quer durch Deutschland" zu telefonieren auf der Suche nach freien Plätzen für diese besonders betreuungaufwändigen Kinder und Jugendlichen. Zeit, die sie eigentlich für ihre soziale Arbeit bräuchten. "Das geht so nicht weiter."

Der WDR hatte kürzlich über ein siebenjähriges Mädchen berichtet, das vom Kölner Jugendamt schließlich in einem Hotelzimmer untergebracht werden musste, bewacht von zwei Sicherheitsleuten.

"Kette der Hilfe" funktioniert nicht

Wenn sich für solche Kinder kein Platz finden lasse, dann zeige das zumindest eins, sagte Stefan Wittrahm von der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege NRW: "Dann hat vorher im System einiges nicht geklappt." Bei der Prävention, bei der Erziehungshilfe für Eltern, bei den ambulanten und stationären Hilfen.

Die Probleme in dieser "Kette der Hilfe" seien vielfältig: Vom Fachkräftemangel bis hin zu fehlenden Räumlichkeiten. Gebäude, die potentiell für Wohngruppen geeignet sind, behördlich umzuwidmen, sei ein Prozess, der immer noch viel zu lang dauere. Meistens seien bis da hin andere Investoren den Kommunen längst zuvor gekommen.

Auch die Kosten für solche "Systemsprenger" seien von vielen Träger nicht mehr zu packen. Gerade die Familienberatungsstellen, oft die erste Anlaufstelle für überforderte Eltern, seien in NRW im letzten Jahr abgebaut, die Landeszuschüsse gekürzt geworden - "aus unerfindlichen Gründen", so Wittrahm. Dabei sei die Wichtigkeit klar: "Je weniger Prävention, desto größer der Druck auf Wohngruppen für solche Kinder."

Familienministerin: "Aufgabe der Kommunen"

Familienministerin Josefine Paul (Grüne) im Interview

"Land hilft": Familienministerin Josefine Paul

Das sieht Familienministerin Paul offenbar anders: Das Land habe über das Landeskinderschutzgesetz "viele Mittel" zur Verfügung gestellt, insgesamt 70 Millionen Euro im Rahmen des Landeskinderschutzgesetz - "auch für spezialisierte Beratungsstrukturen". Die Beratungslandschaft sei "breit aufgestellt", erklärte Paul dem WDR. Dennoch seien die Bedarfe hoch.

Unterbringungsmöglichkeiten zu finden, sei zudem Aufgabe der Kommunen, sagte Familienministerin Josefine Paul (Grüne) dem WDR. Dennoch versuche das Ministerium, sie gemeinsam mit den Landesjugendämtern dabei zu unterstützen.

Sind Fallobergrenzen sinnvoll?

Bei der viel diskutierten Idee einer Obergrenze der Fälle, die einzelne Jugendämter betreuen, gingen die Ansichten der Experten auseinander. Wichtiger sei es, Mitarbeitende in den Sozialen Diensten länger zu halten, sagte Sandra van Heemskerk von der Gewerkschaft Komba. Wegen der hohen Belastungen würden aber viele nach wenigen Jahren in andere Bereiche wechseln.

Andreas Jung vom LVR-Landesjugendamt Rheinland nannte die Personalsituation "teils bedrohlich": Allein bei den insgesamt 95 Jugendämtern im Rheinland habe es zwischen 2021 und 2024 ganze 53 Wechsel auf der Leitungsebene gegeben. In diesem Jahr seien bereits 16 Leitungswechsel bekannt.

Gelsenkirchen: "Müssen uns jeden Tag verbiegen"

Björn Rosigkeit, Jugendamtsleiter Gelsenkirchen im Interview

Björn Rosigkeit, Jugendamtsleiter Gelsenkirchen

In Gelsenkirchen arbeite man nicht mit Fallzahlen, sondern mit "Prozessen", sagte der dortige Jugendamtsleiter Björn Rosigkeit. Denn jeder Fall sei unterschiedlich aufwendig: "Einer muss 54 Mal pro Woche aufgesucht werden, andere nur alle zwei Wochen." Viele besonders aufwändige Fälle habe Gelsenkirchen ausgerechnet in Bezirken, wo es derzeit aus Personalnot gar keinen Bezirkssozialarbeiter mehr gebe. "Wir müssen uns jeden Tag sehr verbiegen, um das alles hinzukriegen."

FDP-Abgeordneter Hafke: "Ministerin hat ungenutzte 400 Millionen"

Marcel Hafke (FDP) im Interview

"Geld ist da": Marcel Hafke

Angesichts der angespannten Lage der Jugendämter sehe er beim Land "zu wenig Bewegung", kritisierte der FDP-Abgeordnete Marcel Hafke im Anschluss an die Ausschusssitzung dem WDR gegenüber. "Alles, was dort an Strukturen kaputt geht, kriegen wir nie wieder aufgebaut."

Es brauche Geld vom Land. Und das hätte Familienministerin Josefine Paul (Grüne): "Pi mal Daumen 400 Millionen Euro" an sogenannten Selbstbewirtschaftungsmitteln lägen ungenutzt im Familienministerium. "Darüber kann die Ministerin frei verfügen." Diese Millionen seien "gut geeignet, solche Strukturen aufrechtzuerhalten, da könnte sie zum Beispiel investieren".

Ministerin: FDP-Aussage "unzutreffend"

Daraufhin befragt, antwortete die Ministerin dem WDR: Das Kinder- und Jugendministerium investiere "so viel in die frühkindliche Bildung und die Jugendhilfeinfrastruktur wie nie zuvor". Im Jahr 2026 werde der Etat – die Zustimmung des Haushaltsgesetzgebers vorausgesetzt – auf knapp sieben Milliarden Euro steigen.

Und zu den fraglichen 400 Millionen ergänzte ein Sprecher: "Es ist unzutreffend, dass dem MKJFGFI sogenannte Selbstbewirtschaftungsmittel in dieser Höhe vorliegen." Das Ministerium weist diese Zahl vehement zurück. Tatsächlich hätten dem Ministerium Ende Juni rund 39 Millionen Euro an sogenannten Selbstbewirtschaftungsmitteln zur Verfügung gestanden. "Ein Großteil dieser Mittel ist bereits rechtlich gebunden, insbesondere durch bestandskräftige Bewilligungsbescheide", heißt es weiter schriftlich. "Berichte, wonach 400 Millionen Euro ungenutzte Selbstbewirtschaftung im Familienministerium zur Verfügung stehen, sind daher nicht korrekt und nicht nachvollziehbar."

Unsere Quellen:

Hinweis: in einer früheren Fassung hat es eine Namensverwechslung gegeben, die wir aktuell korrigiert haben

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