Spielzeugpuppen in einer dunklen Kindertagesstätte.

Eigentlich soll die Kita ein geschützter Ort sein - nicht in diesem Fall

Wenn die Kita zur Gefahr wird: Der Mordfall Greta in Viersen

Stand:

Die kleine Greta erleidet in der Kita einen Atemstillstand. Ihren dritten Geburtstag liegt sie im Koma. Einen Tag später stirbt sie. Was erst nach einem tragischen Unfall aussieht, erschüttert später das Land.

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Rätselhafter Tod

Die zweijährige Greta aus Viersen hat die Nacht zum 21. April 2020 kaum geschlafen. Sie ist aufgeregt, denn nach fünf Wochen Corona-Pause geht es endlich zurück in die Kita. Zu diesem Zeitpunkt gibt es nur eine Notbetreuung. Greta ist an diesem Tag das einzige Kind in der Kita. Zwei Erzieher schenken ihr alle Aufmerksamkeit. Sie frühstücken gemeinsam, spielen ein Spiel. Nach dem Mittagessen geht es zum Mittagsschlaf. Einer der Erzieher stellt Babyphone samt Kamera auf und macht Feierabend. Greta bleibt mit der zweiten Erzieherin zurück. Doch was als eine Rückkehr in den spaßigen Kita-Alltag beginnen sollte, nimmt nun eine tragische Wendung.

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Greta wacht nicht mehr auf. Die verbliebene Erzieherin ruft ihre Kolleginnen um Hilfe und sie alarmieren den Notarzt. Dieser kann Greta zwar reanimieren, doch die Dreijährige stirbt zwei Wochen später am 4. Mai im Krankenhaus - einen Tag nach ihrem dritten Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt gehen alle von einem tragischen Unfall aus.

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Ein schlimmer Verdacht

Die Ärzte können sich den Atemstillstand der kleinen Greta jedoch nicht erklären. Bei der Obduktion bemerkt ein Arzt winzige punktförmige Einblutungen, sogenannte Petechien, in Gretas Augen und auf ihrem Gesicht. Solche Petechien treten auf, wenn kleine Blutgefäße unter der Haut platzen. Es gibt zahlreiche Krankheiten, die dafür sorgen können. Allerdings trifft keine davon auf die Dreijährige zu. So werden die Pünktchen zum ersten Hinweis auf eine Fremdeinwirkung.

Detailaufnahme von Petechien auf der Haut, winzige kleine Einblutungen

So können Petechien auf der Haut aussehen.

Nach dieser Entdeckung informiert ein Arzt die Polizei und es werden Ermittlungen eingeleitet. Die konzentrieren sich schnell auf die Erzieherin Sandra M., die am Tag des Vorfalls mit Greta alleine war. M. ist 25 Jahre alt und zum Zeitpunkt der Tat seit zwei Jahren ausgebildete Erzieherin.

Allerdings glänzt sie nicht mit besonders guten Leistungen in ihrem Beruf: Sie macht ihr Anerkennungsjahr in einer Kita in Krefeld. Dort stellt man ihr für die Zeit die Note "Mangelhaft" aus. Weil ihre Noten in der Schule besser sind, kann sie dennoch die Ausbildung mit "Ausreichend" abschließen. Ihre Kolleginnen und die Leitung aus dieser Zeit beschreiben sie als reserviert gegenüber den Kindern. M. behandele sie "von oben herab" und sei nicht in der Lage gewesen, Beziehungen zu den Kindern aufzubauen. Doch sind es nicht ihre schlechten Leistungen während der Ausbildung, die sie ins Visier der Ermittler bringen. Sandra M. fällt in ihrer beruflichen Vergangenheit immer wieder auf.

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Die vielen Notfälle der Sandra M.

In Krefeld kommt es zum ersten Zwischenfall. Unter der Aufsicht von Sandra M. erleidet ein dreijähriger Junge einen Krampfanfall. Das Kind muss zwei Tage im Krankenhaus behandelt werden. Insgesamt wird der Notarzt im Anerkennungsjahr von M. dreimal ausrücken - jedes Mal ist sie im Dienst. Von Krefeld geht es für M. in eine Kita in Kempen. Dort hat ein Zweijähriger während des Mittagsschlafs immer wieder Atemaussetzer und Krampfanfälle. Insgesamt viermal wird der Notarzt kommen müssen.

Ein Kitabett mit Kissen in einem abgedunkelten Raum.

Für Kinder unter der Obhut von Sandra M. wurde der Mittagsschlaf zur Gefahr

Obwohl die Kita an Personalmangel leidet, wird der Vertrag von M. nicht verlängert. Sie verlässt die Einrichtung. In Kempen entgeht den Behörden allerdings ein konkreter Hinweis. Ein Junge erzählt seiner Mutter, dass Sandra M. ihm beim Schlafen auf den Bauch gedrückt habe. Dieser Vorfall wird jedoch nicht gemeldet. Tönisvorst ist die nächste Station der Verdächtigen und gleichzeitig der nächste Hinweis, der ins Leere läuft.

Ein dreijähriges Mädchen wird beim Wickeln mit Sandra M. bewusstlos und läuft blau an, woraufhin M. erneut um Hilfe ruft. Weil das Mädchen einen angeborenen Herzfehler hat, schöpft zunächst niemand Verdacht. Obwohl das Mädchen im Krankenhaus sagt, dass M. ihr fest auf den Bauch gedrückt habe, werden weder Polizei noch Jugendamt informiert.

Die einzige Konsequenz für M. ist die Kündigung, weil sie noch in der Probezeit ist. Guido Roßkamp von der Mordkommission wird später über ihre alten Stationen sagen: "Damit hat keiner aus unserem Team gerechnet, und wir waren mehr als schockiert." Nach Tönisvorst wird ihre nächste Station die Kita "Steinkreis" in Viersen sein - jene Kita, die Greta so gerne besucht hat.

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Krefeld, Kempen, Tönisvorst, Viersen - und die Schuld

Auch hier fällt Sandra M. auf: Nach einer zufriedenstellenden Anfangsphase wird sie den Kindern gegenüber zunehmend kühler. M. greift auf veraltete Strafen zurück und wird bei einem Personalgespräch ermahnt, woraufhin M. kündigt. Gretas erster Tag zurück in der Kita sollte der letzte offizielle Arbeitstag von M. werden. Aber wie kommt M. bis hierhin unbemerkt durch?

Unfälle oder Notfälle werden in Arbeitszeugnissen nicht aufgeführt. Auch verbietet es der Datenschutz, dass Leitungen und Personalabteilungen andere potenzielle Arbeitgeber informieren.

Rainer Becker im Portrait in einem abgedunkelten Raum.

Rainer Becker setzt sich für mehr Kinderschutz in Kitas ein

Allerdings landete auch keiner der Fälle beim Jugendamt. "Das kann und darf eigentlich nicht sein. Landesjugendämter können nur so gut sein, wie sie informiert werden", sagt Rainer Becker von der Kinderhilfe Deutschlands. Nicht immer wissen Eltern, wo sie sich in solchen Fällen melden könnten. Das sei aber auch nicht in erster ihre Verantwortung, sondern die Verantwortung der Kitas und Träger.

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Der Prozess ...

Am 20. Mai 2020 kommt Sandra M. in Untersuchungshaft. Im November beginnt vor dem Landgericht Mönchengladbach der Prozess. M. wird beschuldigt, im April 2020 die dreijährige Greta in einer Viersener Kindertagesstätte getötet zu haben. Die Anklage lautete auf Mord sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen. Erst im Laufe des Prozesses kommen all die Vorfälle rund um Sandra M. sowie die beiden Aussagen der Kinder in ihrer ganzen Ausführlichkeit ans Licht. Insgesamt achtmal hat die Erzieherin Kinder angegriffen und anschließend Hilfe geholt. Laut einem psychologischen Gutachten weist M. narzisstische und psychopathische Züge auf, sie sei sogar überdurchschnittlich intelligent.

Sandra M. hält eine Mappe vor ihr Gesicht beim Gerichtsverfahren.

Sandra M. beteuert im Verfahren ihre Unschuld

Ihre Schuldfähigkeit sehen die Experten dadurch aber nicht einschränkt. Sandra M. wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Dass sie den Kindern beim Mittagsschlaf auf die Brust drückt, erfüllt das Merkmal Heimtücke. Das Gericht stellt eine besondere Schwere der Schuld fest. Somit hat M. kaum eine Chance auf vorzeitige Haftentlassung. Sie selbst beteuert bis zum Schluss ihre Unschuld und sagt in ihrem Schlussplädoyer, sie sei mit den Gedanken bei Greta und ihrer Familie.

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... und das Nachbeben

Der Fall gewinnt medial an großer Aufmerksamkeit. Politiker fordern Konsequenzen, Kinderschutzverbände einen besseren Austausch zwischen Trägern. Die Staatsanwaltschaft Kleve muss Fehler einräumen. Frühere Hinweise auf die Tatverdächtige wurden nicht weitergegeben. Auch im Landtag wurde der Fall diskutiert. In NRW wurde daraufhin das Landeskinderschutzgesetz in Gang gebracht: Kitas müssen verbindliche Schutzkonzepte für die Kinder haben.

Rainer Becker von der Kinderhilfe geht das nicht weit genug: "Man sollte eine Art TÜV einführen, bei dem in regelmäßigen Abständen eine unabhängige Stelle die Kitas überprüft." Auch wurden viele für solche Vorfälle sensibilisiert. Doch trotz aller Vorschläge und Verbesserungsmaßnahmen gäbe es laut Becker keinen lückenlosen Schutz.

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