Füsse in ramponierten Sportschuhen

Verwahrloste oder misshandelte Kinder: So ist Zivilcourage möglich

Stand:

Die vernachlässigten Kinder in Menden wurden dank der Aufmerksamkeit eines Passanten entdeckt. Kinderschutzexperten erklären, welche Möglichkeiten von Zivilcourage es in solchen Situationen gibt.

Von Nina Magoley

Der Fall der sechs verwahrlost aufgefundenen Kinder in Menden beschäftigt viele Menschen. Aufgefallen war die Situation, weil ein vorbeifahrender Autofahrer die Polizei informierte: Er hatte ein nur leicht bekleidetes Kleinkind bei klirrender Kälte vor dem Haus beobachtet und offenbar Verdacht geschöpft, dass dort irgendetwas nicht in Ordnung sei.

Die Mendener Bürgermeisterin, Manuela Schmidt, bedankte sich am Samstag für das Engagement des "aufmerksamen Autofahrers, dem das Kind aufgefallen ist“.

Zivilcourage: Was tun bei verwahrlost aussehenden Kindern?

WDR Studios NRW 10.01.2026 01:35 Min. Verfügbar bis 10.01.2028 WDR Online


Manch einer hat eine solche Situation bereits erlebt: Beim Einkaufen, auf der Straße oder auch in der Nachbarschaft fällt ein Kind auf, das einen stark vernachlässigten Eindruck macht. Vielleicht auch in Verbindung mit überfordert wirkenden Eltern. Oder: Aus dem Nachbarhaus ist regelmäßig auffälliges Geschrei zwischen Eltern und Kindern zu hören.

Was kann man in solchen Fällen tun?

Grundsätzlich gelte: "Besser irgendetwas tun, als gar nichts", sagt Lars Hüttler, Geschäftsführer beim Kinderschutzbund Köln. Natürlich könne ein äußerer Eindruck auch täuschen: "Kinder können auch verwahrlost aussehen, aber in Wirklichkeit ganz okay und gut gesichert sein." Wenn aber der Gesamteindruck eher beunruhigend ist, sei es im Sinne der Kinder besser, sich bemerkbar zu machen.

Je nach Situation rät Hüttler zu unterschiedlichen Vorgehensweisen:

  • Spielt sich die Situation in der Öffentlichkeit ab, könne man an die Familie herantreten und - möglichst neutral und vorwurfsfrei - fragen, ob man helfen könne. Für die betroffenen Kinder, denen es in ihrer Situation schlecht geht, könne das ein Signal sein, "dass auch noch andere das so sehen". Misshandelte oder vernachlässigte Kinder, sagt Hüttler, versuchten dennoch fast immer, sich ihren Eltern gegenüber loyal zu verhalten. Die Kinder selber anzusprechen, bringe daher meist nicht viel.
  • Wenn eine Ansprache in der Situation nicht angebracht scheint, könne man sich mit anderen Anwesenden beraten: "Haben Sie auch den Eindruck, das hier etwas nicht stimmt?" Gegebenenfalls könne man dann die Polizei informieren und "am Telefon erstmal schildern, was man beobachtet". Möglicherweise nehmen die eintreffenden Polizeikräfte dann die Personalien der Erwachsenen auf - und leiten sie im besten Fall an das Jugendamt weiter.
  • Beobachtet man vermeintlich misshandelte Kinder in der Nachbarschaft, sei es hilfreich, jemanden zu finden, der oder die betreffende Familie kennt. Um dann erstmal dort anzuklingeln. Wenn sich die Situation nicht richtig einschätzen lässt, könne ein Anruf bei der nächsten Familienberatungsstelle weiterhelfen, so Hüttler. Gegebenenfalls wäre der nächste Schritt dann der Anruf beim Jugendamt.

Auf der Homepage des Kinderschutzbunds NRW kann man über die Postleitzahl die nächstgelegenen Beratungsangebote finden:

Polizei rettet verwahrloste Kinder

Aktuelle Stunde 10.01.2026 25:23 Min. UT Verfügbar bis 10.01.2028 WDR Von Gerrit Saßmann

"Niemand ist verpflichtet, einzugreifen"

Hüttler ist wichtig, zu betonen: "Niemand ist verpflichtet, persönlich einzugreifen. Aber jeder kleine Baustein hilft." Grundsätzlich reiche es in der Regel aus, die zuständigen Behörden zu informieren. "Kinderschutz machen wir alle zusammen: Eltern, Lehrer, Nachbarn, Passanten. Wenn jeder ein bisschen dazu beiträgt, kann sich die Situation verbessern."

Das sagt auch Rainer Becker, ehemaliger Polizeidirektor und Ehrenvorsitzender des Vereins Deutsche Kinderhilfe: "Besser ein falscher Alarm als ein totes Kind. Man kann eigentlich nichts falsch machen." Als besorgter Beobachter solle man seinem Bauchgefühl folgen, rät er: Alles, was nicht "der Norm" entspreche, verdiene Handlung.

Kinderknie mit blutiger Kruste

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Aber was ist normal? Aufgeschlagene Knie oder Nasen kämen in einem normalen Kinderleben durchaus vor, sagt Becker. Blaue Augen aber oder Kopfverletzungen in Höhe "oberhalb einer Baseballkappe" würden nicht ohne weiteres entstehen. Auch Hämatome, die in der Mitte einen weißen Bereich aufweisen, seien oft sogenannte "Stockschlagmarken" - rührten also von Schlägen etwa mit einem Kochlöffel her.

Auffällige Verbrennungen an Händen oder Füßen seien ebenso unwahrscheinlich als Unfälle entstanden: "Auch Kinder haben bei Berührung mit heißem Wasser den Reflex, Hände oder Füße schnell zurückzuziehen."

Beim Jugendamt nachhaken

Bei auffälligen Beobachtungen könne man die Eltern ansprechen: "Was ist denn mit Ihrem Kind passiert?" Wenn sich die Familie dann entfernt, könne man ihr in angemessenem Abstand folgen, um zu sehen, wo sie wohnt - oder etwa ein Autokennzeichen notieren. Und dann die Polizei informieren. "Die Polizei kann meist viel schneller reagieren als die Jugendämter", weiß Becker.

Wer sich aber entscheidet, das Jugendamt wegen einer Beobachtung anzurufen, solle auch nach der Meldung am Ball bleiben, rät Becker aus Erfahrung: Jugendämter seien oft überlastet, immer wieder komme es vor, dass eine Meldung untergehe. "Lassen Sie sich den Namen der Mitarbeitenden geben, notieren Sie Uhrzeit, Telefonnummer und Namen des Mitarbeitenden - und hören Sie am nächsten Tag nochmal nach."

Sendung:  WDR.de, Zivilcourage: Was tun bei verwahrlost aussehenden Kindern? 10.01.2026, 19:43 Uhr

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