Auf einer Tür aus Glas wurden Einschusslöcher markiert.

Diese Einschusslöcher wurden am Rabbinerhaus bei der Alten Synagoge in Essen entdeckt

Anschläge auf Synagogen: Wie Teheran Einfluss bis ins Ruhrgebiet nimmt

Stand:

2022 werden mehrere Synagogen im Ruhrgebiet Ziel von Anschlägen. Hinter den Angriffen steckt offenbar ein Netzwerk mit Verbindung zu den iranischen Revolutionsgarden. Wie weit reicht der Einfluss Teherans in Deutschland - und warum stehen jüdische Einrichtungen im Fokus? Iran-Experte Bamdad Esmaili im Interview.

1

Anschläge im Ruhrgebiet 2022: Als Synagogen zum Ziel wurden

Am 17. November 2022 schlagen mehrere Patronen in die Wände des Rabbinerhauses in Essen ein. Es steht direkt neben der alten Synagoge nahe der Essener Innenstadt. Noch in derselben Nacht wirft ein Mann einen Brandsatz auf eine Schule neben der Synagoge in Bochum. Die Tatorte sind keine 20 Kilometer voneinander entfernt. Die Ermittler glauben, dass der Täter mit dem Brandsatz eigentlich die Synagoge treffen wollte.

Datenschutzhinweis

Dieses Element beinhaltet Daten von YouTube. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Bereits einen Tag später nimmt die Polizei einen Deutschiraner fest. Er soll einen Bekannten angestachelt haben, gemeinsam einen Anschlag auf die Synagoge in Dortmund zu verüben. Der Mann wandte sich daraufhin an die Polizei. Zum Anschlag in Dortmund kommt es nicht. Handydaten führen die Ermittler zu Ramin Y.. Er wird damals in Deutschland unter anderem wegen Mordes gesucht und war 2021 in den Iran abgetaucht. Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass sich Y. dort den iranischen Revolutionsgarden anschloss. Für sie soll er dann ein Kommando für Anschläge in Deutschland geleitet haben.

Die militärische Einheit wurde 1979 nach der Islamischen Revolution gegründet. Sie soll das fundamentalistische System der Islamischen Republik und die religiöse Führung des Landes schützen. Die Revolutionsgarden gelten bis heute als wichtige Stütze der Islamischen Republik. Doch welche Interessen verfolgt der Iran im Ruhrgebiet? Darüber haben die WDR-Reporterinnen Dana Marie Weise und Estella Mazur mit Bamdad Esmaili, Journalist und Iran-Experte, gesprochen.

2

Welchen Einfluss der Iran in Deutschland hat

Lokalzeit: Wie gefährlich sind der Iran und seine Revolutionsgarden für Deutschland?

Bamdad Esmaili: Für Menschen, die das Regime im Visier hat, besteht eine reale Gefahr. Die meisten der Exil-Iraner hier in Europa leben in Deutschland. Darunter sind einige Oppositionelle, Journalisten, Regime-Kritiker. Natürlich will Teheran sie einschüchtern oder mundtot machen. Zum Beispiel, indem sie ihren Familien drohen oder Angehörige im Iran inhaftieren. Das ist mir auch passiert.

Iran-Experte Bamdad Esmaili im Interview.

Iran-Experte Bamdad Esmaili

Lokalzeit: Inwiefern?

Esmaili: Als die Anschläge im Ruhrgebiet passierten, hatte ich einen Tweet von der Tagesschau verbreitet, in dem stand, dass ein Deutschiraner verantwortlich sein soll. Wir wollten an dem Abend mit der Redaktion live gehen und darüber sprechen. Plötzlich bekam ich einen Anruf von einem Freund. Er war aus dem Iran angerufen worden und sollte mir etwas ausrichten: Ich müsse meinen Post löschen, sonst würde etwas schlimmes passieren. Ich kann nicht näher auf diese Drohung eingehen. Aber wir haben den Livestream abgebrochen und Anzeige erstattet. Für eine gewisse Zeit bekam ich Polizeischutz. Ich hatte aber keine Angst, weil ich mich in Deutschland weiterhin sicher fühle. Aber ich habe danach gemerkt, dass meine Tweets und Posts noch schärfer wurden. Denn ich will mich nicht mundtot machen lassen!

Iranischer Geheimdienst versucht, Spione in NRW zu rekrutieren

Seit der Eskalation des Konflikts mit Israel im Sommer 2025 geht das Regime besonders hart gegen seine Gegner vor. Aus Sicherheitskreisen heißt es, dass die Aktivitäten der iranischen Dienste nach dem zwölftägigen Krieg auch in Deutschland intensiviert wurden. Nach WDR-Recherchen versucht der Geheimdienst, Spione in NRW zu rekrutieren, und setzt dafür auch Exil-Iraner unter Druck.

Dabei setzen die Auslandsspione offenbar zunehmend auf sogenannte "Low-Level"-Agenten. Dabei handelt es sich um austauschbare Menschen, die riskante Aufgaben übernehmen, aber keinem Nachrichtendienst angehören. Solche Agenten waren offenbar auch an den Anschlägen auf die Synagogen im Ruhrgebiet 2022 beteiligt.

Lokalzeit: Bei dem Fall aus dem Ruhrgebiet hat es jüdische Einrichtungen getroffen. Warum hat es die Islamische Republik auf Juden in Deutschland abgesehen?

Esmaili: Das wichtigste Ziel der Islamischen Republik seit seiner Gründung ist die Zerstörung des Staates Israel. Sie werfen Juden mit diesem jüdischen Staat in einen Topf. Eine Synagoge steht natürlich nicht für Israel - aber das ist ihnen egal. Außerdem ist Deutschland für den Iran interessant, weil es das wichtigste europäische Land aus wirtschaftlicher und politischer Sicht ist. Was in Berlin entschieden wird, hat Konsequenzen in ganz Europa. Um also der jüdischen Community Angst zu machen und gleichzeitig seine Macht zu demonstrieren, treffen sie hier in Deutschland gezielt jüdische Einrichtungen. Nach dem Motto: Wir sind überall, wir können das machen, wir haben euch im Blick und wir wollen euch vernichten.

3

Wo Deutschland diplomatisch versagt

Lokalzeit: Wie gewinnt das Regime Einfluss bis nach Deutschland?

Esmaili: Es ist offenbar einfach für das Regime und seine Revolutionsgarden in Deutschland Menschen über Bezahlung zu rekrutieren. Aber auch Zwang spielt eine Rolle. Die daraus folgenden Taten haben wir im Ruhrgebiet erlebt. Und eine gewisse Gefahr ist weiterhin da. Das Regime möchte nach wie vor für Unruhe sorgen. Anfang des Jahres wurde ein Afghane, der in Dänemark gelebt hatte, verhaftet. Der Mann hatte für das iranische Regime jüdische Einrichtungen in Berlin ausspioniert - möglicherweise, um Anschläge zu verüben. Bisher sitzt er noch in Untersuchungshaft. Außerdem warnt das Bundesamt für Verfassungsschutz schon länger vor Hackerangriffen.

Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde nehmen an einer Militärparade teil

Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde nehmen an einer Militärparade teil

Lokalzeit: Wie reagiert die Bundesregierung auf diesen Einfluss?

Esmaili: Ich würde sagen, es sind eher "Reaktiönchen". Natürlich sind die Schließung des schiitischen Moschee-Vereins Islamisches Zentrum Hamburg, auch bekannt als "Blaue Moschee", oder der Konsulate ein Zeichen. Sicherlich tat der Verlust der Blauen Moschee als Propagandazentrum dem Regime auch weh. Aber solche einmaligen Aktionen reichen nicht aus. Und in manchen Fällen trifft es die Falschen. Durch die Schließung der Konsulate muss nun jeder, der seinen Pass verlängern will, lange Wege auf sich nehmen.

Lokalzeit: Was wäre Ihre Forderung an die Bundesregierung?

Esmaili: Die Bundesregierung sollte einen härteren Gang einlegen. Sie sollte alle Beziehungen einstellen und aufhören, mit diesem Regime zu verhandeln. Seit über 20 Jahren versucht Europa auf eine sanfte, beschwichtigende Art mit Teheran zu reden. Aber Deutschland muss verstehen: Das Regime will nicht verhandeln. Es will seine Macht ausbauen. Die Verhandlungsbereitschaft ist nur Schein. Außerdem sollte die Bundesregierung die Revolutionsgarden in Deutschland sanktionieren oder auf die EU-Terrorliste setzen. Die dafür benötigten Urteile gibt es inzwischen. Die Revolutionsgarden sind zwar nicht so gefährlich wie al-Qaida oder der IS - aber sie verüben Anschläge auf Ziele, die für das iranische Regime wichtig sind. Immer mit dem Ziel, Angst zu verbreiten. Wenn wir in Europa Ruhe haben wollen, müssen wir mit diesem Regime abschließen.

Weitere Beiträge zum Thema True Crime

1 / 2