Das Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal wurde Schauplatz einer Amoktat
Nach Amoktat an Schule : Wie kann Schülern und Lehrern geholfen werden?
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Februar 2024, Wuppertal im Ausnahmezustand: Am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium geht der Amokalarm los. Ein Oberstufenschüler sticht auf vier Mitschüler ein. Wie kann man Schülern und Lehrern bei der Verarbeitung einer solchen Tat helfen und was geht im Kopf des Täters vor sich? Ein Interview.
Amokalarm an Wuppertaler Schule
Es ist der 22. Februar 2024, kurz vor 10 Uhr am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal. Mehr als 600 Schülerinnen und Schüler sitzen in ihren Klassenräumen. Ein ganz normaler Schultag - bis plötzlich Sirenen ertönen und schwer bewaffnete Polizisten das Gebäude stürmen. Der 17 Jahre alte Oberstufenschüler Ilyas T. (Name geändert) sticht im Aufenthaltsraum auf mehrere Mitschüler ein. Aus dem Nichts. Alle erleiden wie durch ein Wunder nur leichte Verletzungen. Der Täter richtet danach das Messer gegen sich selbst und verletzt sich schwer.
Ilyas T. stand schon länger unter massivem psychischen Druck. Das Wuppertaler Landgericht erkannte im Prozess an, dass er die Tat in einer psychischen Ausnahmesituation begangen hat. Das Urteil: zwei Jahre und zehn Monate Jugendhaft. Das YouTube-Format MordOrte der WDR Lokalzeit zeichnet die Ereignisse vom Tag der Amoktat detailliert nach.
Viele Klassen mussten sich über längere Zeit in ihren Räumen verbarrikadieren, weil zunächst unklar war, wie viele Opfer und Täter es gab. Es herrschten Angst und Ungewissheit. In den Tagen danach wurde der Angriff im Unterricht aufgearbeitet. Bis zu 30 Therapeuten, Psychologen und Seelsorger waren an der Schule, um mit Schülern und Lehrern zu sprechen.
Einen Amoklauf verarbeiten
Birgit Köppe-Gaisendrees kennt eine solche Situation gut. Sie ist Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisches Land in Remscheid und war 2002 nach dem Amoklauf an einer Erfurter Schule als Betreuerin und Ansprechpartnerin vor Ort. Ein ehemaliger Schüler hatte damals am Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst erschossen. Lokalzeit-Reporter Wolfram Lumpe hat mit ihr über Opfer und Täter gesprochen.
Lokalzeit: Der Amoklauf in Erfurt ist über 20 Jahre her. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Birgit Köppe-Gaisendrees: Erfurt war damals in einem Ausnahmezustand. Ich kam in eine fremde Stadt, in der es noch gar keine Strukturen der Hilfe gab, weil die Tat so urplötzlich passiert ist. Für mich war schwierig zu realisieren, dass neben Schülern und Lehrern noch weitere Personen betroffen waren, an die man nicht direkt dachte. Ich stellte mir zum Beispiel die Frage: Wer hat eigentlich nach diesem Gemetzel in der Schule sauber gemacht? Und wer kümmert sich um diese Reinigungskräfte?
Birgit Köppe-Gaisendrees ist Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisches Land
Lokalzeit: Der Kreis der Hilfsbedürftigen war also ziemlich groß?
Köppe-Gaisendrees: In einem solchen Fall spricht man von sogenannten Traumakreisen: Eltern, Großeltern, Freunde, Bekannte, ehemalige Mitarbeiter der Schule und natürlich auch Schüler, die an dem Tag gar nicht in der Schule waren. Auch diese Gruppen waren von der Tat betroffen. Es gab Fälle, die gingen bis zu einer ausgeprägten posttraumatischen Belastungsstörung. Wenn man den Ort der Tat kennt, kann man sozusagen Bilder entwickeln. Man kann das Geschehen praktisch riechen, fühlen, schmecken.
Lokalzeit: Wie sind Sie an diese Aufgabe herangegangen?
Köppe-Gaisendrees: Mit 1.000 Fragezeichen im Kopf und unglaublich viel Schiss. Es waren über 600 Schüler, die ich natürlich vorher überhaupt nicht kannte. Wir Therapeuten und Seelsorger waren auf die Lehrer angewiesen und haben sie gefragt, welche Schüler ihnen besonders Sorgen machen. Dabei standen die Lehrer selbst unter Schock.
Lokalzeit: Welche Momente sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Köppe-Gaisendrees: Ich habe eine Schülerin kennengelernt, deren Vater sich zwei Wochen vor dem Amoklauf suizidiert hat. Und ich hatte eine Schülerin, deren Mutter Lehrerin war und erschossen wurde. Die Eltern der Schülerin waren sehr zerstritten, sie hatte Sorge, im Haushalt ihres Vaters, um ihre tote Mutter zu trauern. In solchen Fällen muss ich besonders überlegen: Was braucht die Person jetzt? Ich habe damals verstanden, dass wir Menschen nach solchen Ereignissen nicht in Schubladen packen können.
Nach dem Amoklauf an einer Erfurter Schule war die Anteilnahme groß
Lokalzeit: Reicht es denn für die Verarbeitung der Geschehnisse, sich hinzusetzen und zu reden?
Köppe-Gaisendrees: Ich glaube, dass es grundsätzlich kein Patentrezept gibt. Das eine ist das "Da sein". Wir haben den Schülern signalisiert, hier sind Menschen, zu denen ihr immer hingehen könnt. Das andere ist, zu akzeptieren, dass nicht alle Schüler mit Therapeuten oder Seelsorgern reden wollen. Sie haben häufig eine hohe Tendenz, unter sich, in kleinen Gruppen oder mit ihren Freunden zu sprechen. Ich glaube auch, dass es Sinn hat, in Gesprächen nicht nur dazusitzen, sondern vielleicht auch mal rauszugehen, also im wahrsten Sinne des Wortes ein bisschen in Bewegung zu kommen.
Der Blick in die Psyche des Täters
Lokalzeit: Blicken wir auf die Amoktat am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal. Der Täter war 17 Jahre alt. Ein Einser-Schüler, der große psychische Probleme hatte und sich selbst unter enormen Lerndruck setzte. Wie kann sich daraus eine solche Tat entwickeln?
Köppe-Gaisendrees: Ich kenne den Fall nicht im Detail, könnte mir aber vorstellen, dass hier viele Dinge zusammengekommen sind. Dass sozusagen prozesshaft in ihm Dinge gewachsen sind. Nach dem, was ich im Urteil gelesen habe, hatte der Täter schon länger den Gedanken, so etwas zu tun. Erst schreckt man vielleicht vor diesem Gedanken zurück, dann aber entwickelt der Gedanke sich möglicherweise ein Stückchen weiter und verliert an Schrecken. Dieses Unvorstellbare, auf einen anderen Menschen einzustechen oder zu schießen, das sind ja Dinge, bei denen man erstmal einen gewissen Punkt überwinden muss. Ob es dann ein unkontrollierter Affekt war, kann ich nicht beurteilen. Aber es hört sich ein bisschen so an, als hätte es sich dahin entwickelt.
Lokalzeit: Der Verteidiger des Wuppertaler Oberstufenschülers spricht von einem "Augenblicksversagen". Kann man das so sehen?
Köppe-Gaisendrees: Ich würde grundsätzlich davon ausgehen, dass Menschen, die so etwas tun, sich immer in einem Ausnahmezustand befinden. Die große Frage, die übrig bleibt, ist immer: Wie erkennen Pädagogen, Fachkräfte oder Lehrer Ausnahmezustände? An welcher Stelle nimmt man etwas wahr? An welcher Stelle interveniert man? Ich glaube, da bleibt immer eine große Unsicherheit. Denn sich vorzustellen, da läuft bald jemand Amok, da macht jemand etwas ganz, ganz Schlimmes, das ist doch ein bisschen außerhalb unseres Horizonts.
Lokalzeit: Und doch müssen sich vor allem Lehrer genau dieser Frage stellen: Kann man Anzeichen einer solchen Tat erkennen, bevor sie passiert?
Köppe-Gaisendrees: Die Herausforderung, mit Kindern und Jugendlichen pädagogisch umzugehen und Warnsignale zu erkennen, wird immer schwieriger. Wir haben Gewaltdelikte in Kitas und Grundschulen, die wir uns vielleicht vor zehn oder 20 Jahren noch gar nicht hätten vorstellen können. Ich meine, wir müssen uns mehr darauf konzentrieren, was Pädagogik eigentlich meint, nämlich in Beziehung zu bleiben und zu gucken: Fällt mir bei einem Schüler etwas auf? Gibt es eine Schülerin, die sich mehr zurückzieht? Dieses "In Beziehung bleiben" ist ein ganz, ganz wichtiger Bestandteil, um Situationen der Überforderung besser aufzufangen. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass nach einer Ausnahmesituation der Alltag wieder Einzug hält. Wenn man in einer guten Begleitung ist, kann man grundsätzlich schon davon ausgehen, dass sich vieles wieder reguliert.
