Spionage-Rekrutierung des Iran
Westpol. 16.11.2025. 16:39 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 16.11.2030. WDR.
Essen liegt rund 4.000 Kilometer Luftlinie von Teheran entfernt. Doch für Parham Rahimdezfooli ist der Einfluss der Mullahs auch in NRW spürbar. Seit 2016 lebt der Iraner in Deutschland, arbeitet ehrenamtlich als Reporter für ein Online-Medium der iranischen Opposition.
Iraner Parham Rahimdezfooli lebt im Exil in NRW
Im Februar 2025 erhält er Nachrichten auf sein Handy, hinter denen er iranische Nachrichtendienste vermutet. Der Absender fordert Rahimdezfooli zur Zusammenarbeit auf. Er soll Informationen über andere Iraner in Deutschland weitergeben.
Iran gilt als "Hauptakteur" in Deutschland
"Als ich die Nachricht erhielt, wusste ich überhaupt nicht, was ich machen sollte. Ich bin nur hin und hergelaufen", schildert Rahimdezfooli die Situation, "bis mich meine Mutter aus dem Iran anrief und sagte, dass mein Onkel festgenommen worden sei".
Das gehöre zum üblichen Vorgehen der iranischen Nachrichtendienste, erklärt Jürgen Kayser, Leiter des Verfassungsschutzes NRW: "Die islamische Republik Iran ist einer der Hauptakteure, wenn es darum geht, nachrichtendienstliche Aktivitäten in Deutschland und in Nordrhein-Westfalen zu entfalten." Also auch, Menschen, die hier leben, auszuforschen und unter Druck zu setzen.
"Entführung, Gefängnis, alles das ist denkbar"
Jürgen Kayser, Leiter des Verfassungsschutzes NRW
Zunächst versuche man es oft mit Versprechungen, sagt Kayser: "Wenn das nicht fruchtet, schaltet man auf das Bedrohungsszenario um." Dabei würden Angehörige im Iran oft als Druckmittel eingesetzt. "Entführung, Gefängnis, all das ist denkbar", warnt der Verfassungsschutzchef.
Die iranische Botschaft bestreitet so ein Vorgehen auf Anfrage. Doch dem WDR-Magazin Westpol liegen mehrere Chatverläufe vor, die die Vorwürfe belegen. Und die zeigen: Mit solchen Kontaktaufnahmen versuchen iranische Geheimdienstler nicht nur Oppositionelle im Exil einzuschüchtern, sondern in NRW auch Agenten unter ihnen zu rekrutieren.
Verstärkte Aktivitäten seit Krieg mit Israel
So schreibt ein mutmaßlicher Geheimdienstler an einen Betroffenen: "Du brauchst gar kein schlechtes Gewissen zu haben. Gib uns einfach die beiden Namen und die Rufnummer und gehe danach deinen Weg." Als dieser nicht kooperiert, folgt die Drohung: "Vielleicht wirst du irgendwann denken: 'Hätte ich es doch gesagt und es wäre erledigt gewesen.' Aber du hast dich entschieden."
Die iranischen Nachrichtendienste sind direkt dem Revolutionsführer Khamenei unterstellt und dienen als Unterdrückungsinstrument der Mullahs. Seit der Eskalation des Konflikts mit Israel im Sommer 2025 geht das Regime besonders hart gegen seine Gegner vor. Noch während der Kämpfe wurden im Iran mehr als 20.000 Menschen festgenommen.
Aus Sicherheitskreisen heißt es, dass die Aktivitäten der iranischen Dienste nach dem zwölftägigen Krieg auch in Deutschland intensiviert wurden. Dabei setzen die Auslandsspione offenbar zunehmend auf sogenannte "Low-Level"-Agenten.
Gemeint sind austauschbare Personen, die für einfache, aber oft riskante Aufgaben angeworben werden, ohne dass sie einem Nachrichtendienst angehören. Häufig handele es sich um "Personen, die aus der kriminellen Szene bekannt sind und über Verbindungen in den Iran verfügen", sagt NRW-Verfassungsschutzchef Kayser.
Auftrag für Anschlag auf Synagogen kam auch aus dem Iran
Spurensicherung nach Schüssen auf Alte Synagoge in Essen 2022
Genauso ist es offenbar auch 2022 gewesen, als es zwei versuchte Brandanschläge auf die Synagogen in Essen und Bochum gegeben hat. Der Täter wurde 2023 vom Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilt, ein iranisch-stämmiger Mann. Den Auftrag zu den Anschlägen hatte er von einem Bekannten erhalten, einer lokalen Hells-Angels-Größe.
Im Urteil stellten die Richter fest, dass der Rocker den Auftrag "von staatlichen Stellen der Islamischen Republik Iran" erhielt und dann weiter delegierte. Nur in wenigen Fällen gelingt es den Ermittlern, solche Netzwerke offenzulegen. Der Vorteil der "Low-Level"-Agenten: Im Fall einer Festnahme lassen sich Verbindungen zu Geheimdiensten selten belegen. In einigen Fällen wissen die Täter selbst kaum mehr über den Auftraggeber.
In ganz Europa häufen sich Fälle, in denen Ermittler vermuten, dass Kriminelle im Auftrag des Iran Anschläge verübt oder vorbereitet haben sollen. 2024 wird ein spanischer EU-Politiker auf offener Straße in Madrid niedergeschossen. Bei den mutmaßlichen Tätern soll es sich um Mitglieder der niederländischen Organisierten Kriminalität handeln.
Im selben Jahr soll ein algerischer Staatsbürger aus Frankreich Adressen in Berlin und München ausgespäht und möglicherweise Anschläge auf die Ziele geplant haben. Laut Medienberichten soll er bereits eine Todesliste geführt haben, auf der drei Deutsch-Israelis standen.
Mordauftrag über Telegram gestreut
Zum Teil verbreiten die iranischen Auslandsspione ihre Aufträge auch offen über Social-Media-Kanäle. So mutmaßlich auch im Sommer 2024: In Telegram-Gruppen wurde im Vorfeld einer Demonstration in Berlin ein Mordaufruf verbreitet. Ein Screenshot liegt dem WDR vor.
Der Aufruf richtete sich gegen einen angekündigten Gastredner der iranischen Opposition. Wer den Mann tötet, so ist dort zu lesen, dem winkt ein Kopfgeld von einem Bitcoin, damals rund 60.000 US-Dollar. Auf Anraten der Polizei verzichtet der Redner damals auf seinen geplanten Auftritt. Die Berliner Ermittler konnten bislang den Urheber des Aufrufs nicht ermitteln.
Der Verlauf des Nahost-Konflikts könnte die Sicherheitslage zusätzlich verschärfen. "Ein Szenario, auf das wir uns vorbereiten, ist, dass der Iran Ziele in Deutschland ausspioniert, um sie bei einer weiteren Eskalation des Nahostkonflikts anzugreifen", warnt NRW-Verfassungsschutzchef Kayser.
Unsere Quellen:
- Chatprotokolle von Exil-Iranern
- Gespräche mit Betroffenen
- NRW-Verfassungsschutz
- eigene Recherchen der Redaktion