Rund tausend Beschäftigte werden dem Aufruf der IG Metall folgen und am Freitagmittag vor das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin ziehen. Ihre Forderung: Besserer Schutz vor billigem Stahl aus China, ein Industriestrompreis, der die Hersteller bei den Energiekosten deutlich entlastet und die Regel, dass Unternehmen wie die Deutsche Bahn grünen Stahl aus Deutschland kaufen sollen.
Im vergangenen November hatte die Bundesregierung bei einem Treffen mit der Branche konkrete Hilfen versprochen. Einiges davon sei umgesetzt worden, aber wichtige Schritte fehlten noch, sagt Knut Giesler, Vorsitzender der IG Metall in Nordrhein-Westfalen.
"Wenn sechs Monate nichts Wesentliches passiert und das Glas immer noch maximal halbvoll ist, dann muss man einfach sagen, die Zeit drängt." Knut Giesler, Vorsitzender der IG Metall in Nordrhein-Westfalen
Streit über Europäische Klimapolitik
Brisant ist aber vor allem eine Forderung der IG Metall: Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche soll die Klimapolitik der EU nicht aufweichen. Hintergrund: Die energieintensive Industrie in Deutschland leidet unter den hohen Energiepreisen. Gleichzeitig wird der Einsatz fossiler Energie durch das europäische Emissionshandelssystem (ETS) immer teurer.
An den Stellschrauben des ETS will die Bundesregierung jetzt in Brüssel drehen: Die Industrie soll entlastet werden, indem sie länger so genannte CO2-Zertifikate bekommt; die höheren Preise für den fossilen Energieeinsatz würden dann erst später greifen.
IG Metall auf schwierigem Terrain
Mit der Forderung, nicht ins Emissionshandelssystem einzugreifen, begebe sich die IG Metall auf schwieriges Terrain, sagt ein Gesprächspartner aus der Stahlindustrie, der namentlich nicht genannt werden möchte. Denn die deutschen Stahlhersteller sind in der Frage gespalten. Je nachdem, wären auch ihre Beschäftigten unterschiedlich durch ein Aufweichen des Emissionshandels betroffen - negativ oder positiv.
Dabei setzen grundsätzlich alle Hersteller auf klimafreundlichen Stahl und sind dabei, ihre Produktion CO2-arm zu machen. Ausnahme: Arcelor Mittal. Der luxemburgische Stahlkonzern hat seine Pläne für die grüne Stahlproduktion in Bremen und Eisenhüttenstadt vor einem Jahr beerdigt.
Hersteller auf dem Weg zu mehr Klimaschutz
Die übrigen Stahlproduzenten sind unterschiedlich weit. Thyssenkrupp baut in Duisburg für über drei Milliarden Euro eine Direktreduktionsanlage für die Aufbereitung von Eisenerz - eine klimafreundliche Alternative zum Hochofen. Bis die Anlage fertig ist und bei der Stahlproduktion deutlich weniger Kokskohle zum Einsatz kommt, wird es aber noch dauern.
Stahlarbeiter-Demo bei Thyssenkrupp
Deutlich weiter ist die saarländische Stahlindustrie - Saarstahl und Dillinger Hütte. Für über viereinhalb Milliarden Euro werden die Stahlwerke von fossilen Hochöfen auf elektrische Öfen umgestellt. Der Strom fürs Stahlkochen kommt dann aus erneuerbaren Energien. Auch der dritte große deutsche Hersteller, Salzgitter in Niedersachsen, ist schon relativ weit auf dem Weg zur elektrischen Stahlproduktion.
Saarstahl: drohende Katastrophe
Saarstahl-Chef Stefan Rauber hat Alarm geschlagen: Ein Zurückrudern beim Emissionshandel wäre eine Katastrophe für sein Unternehmen, sagte er diese Woche der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
"Wir sind Opfer eines politischen Anschlags." Stephan Rauber, Chef von Saarstahl
Werk von Saarstahl in Völklingen
Erst habe die Politik den Stahlherstellern das fossile Geschäft vermasselt, und jetzt zerstöre sie das neue klimafreundliche Geschäftsmodell. Die Umrüstung der Produktion auf erneuerbare Energie lohne sich nur, wenn der CO2-Preis wie vereinbart steigt. Falls nicht, wäre der Wettbewerbsvorteil gegenüber fossil produziertem Stahl futsch. Und wer sich nicht an die Regeln halte, würde belohnt.
Thyssenkrupp: profitieren von weniger Klimaschutz
Anders sieht man das 270 Kilometer weiter nördlich - bei Thyssenkrupp Steel in Duisburg. Die Stahlsparte des Konzerns würde von einem weniger strengen Emissionshandel profitieren. "Für Thyssenkrupp kann der CO2-Preis nicht niedrig genug sein", sagt der nicht namentlich genannte Stahl-Insider im Gespräch mit dem WDR.
Deshalb fordert Thyssenkrupp, beim Europäischen Emissionshandel die Pausetaste zu drücken. "Eine solche Pause würde gezielt First-Mover-Unternehmen stärken, die - wie wir - bereits in Dekarbonisierungsprojekte im industriellen Maßstab investieren", heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens.
IG Metall: "intelligente Lösung"
Für die klimafreundliche Produktion braucht das Duisburger Stahlwerk viel Strom aus erneuerbarer Energie - und Wasserstoff. Wasserstoff sei aber noch viel zu teuer. Solange die Infrastruktur für die grüne Stahlproduktion nicht geschaffen sei, sei das Unternehmen auf günstige fossile Energie angewiesen, um Stahl zu wettbewerbsfähigen Preisen zu produzieren.
Bei ihren Forderungen zum Europäischen Emissionshandel schlägt die IG Metall eine Lösung vor, die Thyssenkrupp und Saarstahl helfen würde. Auch die Unternehmen, die beim Klimaschutz schon weit vorgeschritten sind, könnten CO2-Zertifikate bekommen.
Wenn sie nicht gebraucht werden, könnten sie die Verschmutzungsrechte weiterverkaufen - und so ihre Gewinne sichern. "Es geht um eine intelligente Lösung", sagt IG-Metall-Bezirksleiter Knut Giesler.
Unsere Quellen:
- Interview mit Knut Giesler, Vorsitzender der IG Metall in NRW
- Hintergrundgespräch mit Stahl-Insider
- Stellungnahme Thyssenkrupp Steel
- Saarstahl-Chef Stefan Rauber Artikel der FAZ vom 08.06.2026
Sendung: WDR.de, Stahl-Demo: Die Forderungen der IG Metall, 12.06.2026, 05:06 Uhr
Sendung: WDR.de, Stahl-Demo: Wie die Bundesregierung der Branche helfen will, 12.06.2026, 05:06 Uhr