Sind 7,9 Millionen Minijobber ein wirtschaftliches Problem?
Stand:
Unionspolitiker machen sich für die Abschaffung des Minijobs stark und bekommen dafür nicht nur Zuspruch von Wirtschaftsexperten.
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Jetzt mitdiskutierenStefan Nacke (CDU), Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe in der Unionsfraktion, geht es um die Lösung eines "Problems": "Dass Menschen in ihrer biografischen Situation, wo sie normale Arbeit machen können, oftmals in der Minijob-Falle gefangen sind", sagte er im Gespräch mit dem WDR.
Minijobs sind geringfügige Beschäftigungen mit höchstens 556 Euro monatlichem Arbeitsentgelt oder einem Arbeitseinsatz von maximal 70 Tagen pro Kalenderjahr. Durch fehlende Beiträge zu den Sozialversicherungen sichern Minijobs sozial nicht ab.
Nacke geht es um die soziale Absicherung durch Arbeit
Schüler und Rentner im Minijob seien nicht das Hauptproblem, so Nacke. Es gehe um die Kopplung von Arbeit an zum Beispiel das Rentensystem. Entscheidend sei, dass "man über Arbeit Beiträge zur Sozialversicherung gibt, um später sozial abgesichert zu sein".
Dass die laut Bundesagentur für Arbeit 7,9 Millionen Minijobber (2024) in Deutschland dieses soziale System belasten, bestätigen auch Experten. Markus Grabka, Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, freut sich über den Vorstoß aus der Unionsfraktion: "Das Ausmaß an Minijobs, wie wir es seit vielen Jahren haben, halte ich für problematisch."
Grabka: Kopplung von Minijob an Mindestlohn ein "falsches Signal"
Markus Grabka vom DIW Berlin
Wie viele Minijobber gesamtwirtschaftlich betrachtet vertretbar wären, will Grabka nicht schätzen, aber eine "Größenordnung von sieben Millionen Menschen" sei zu viel. Er verweist mit Blick auf 34,8 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (2024) auf eine Minijobber-Zahl, die mehr als 20 Prozent entspricht. "Ob das angemessen ist, kann man bezweifeln. Zumal die Arbeitgeber nicht nur unter Fachkräfte-, sondern auch unter Arbeitskräftemangel leiden", so der Ökonom.
Gesamtwirtschaftlich sind Minijobs nicht sinnvoll. Sie sind eine Belastung des Sozialstaats. Markus Grabka, Wissenschaftler beim DIW Berlin
Grabka plädiert allerdings nicht für eine Abschaffung des Minijobs, sondern für eine Absenkung der Verdienstschwelle, die seiner Ansicht nach bei rund 300 Euro liegen sollte. Da der Minijob an den Mindestlohn gekoppelt ist, ist die Anzahl der Arbeitsstunden von diesem abhängig. "Die Minijobschwelle an den Mindestlohn zu koppeln, war ein falsches Signal" so Grabka. Damit habe man den Minijob im System verfestigt.
Geringfügige Beschäftigungen wichtig für Arbeitgeber und -nehmer
Grabka sieht keine Branche, in der sich Beschäftigung grundsätzlich nicht auch über sozialversicherungspflichtige Midijobs regeln ließe. Bei einem Midijob darf man 556 Euro bis 2.000 Euro verdienen. Die Abgaben für den Arbeitgeber und Arbeitnehmer liegen über jenen eines Minijobs, aber noch deutlich unter denen einer Vollzeitbeschäftigung.
Holger Schäfer vom IW Köln
Holger Schäfer, Arbeitsmarktökonom beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), betont, dass geringfügige Beschäftigungen ihre Berechtigung nicht verlieren werden. Ihr "Einsatz bestimmt sich nach betrieblichen Anforderungen" und entspreche Präferenzen der Beschäftigten. Zu bestimmten Zeiten brauche es im Einzelhandel mehr Personal. Zum Beispiel am Samstagmittag, da dann die meisten Menschen einkaufen gehen. Ähnlich verhalte es sich in der Gastronomie: "Es ergibt in diesen Fällen keinen Sinn, statt drei geringfügig Beschäftigten einen Vollzeitbeschäftigten zu haben."
Schäfer: Sozialversicherungspflicht für alle nicht sinnvoll
Schäfer sagt, dass es der Union bei ihrem Vorstoß nicht darum gehen könne, Beschäftigungsverhältnisse mit geringer Arbeitszeit zu verbieten. Das ginge auch gar nicht, weil die vertragliche Autonomie von Betrieben und Beschäftigten gelte. Er zielt seiner Ansicht nach eher darauf ab, alle Beschäftigungsverhältnisse der Sozialversicherungspflicht zu unterwerfen: "Das halte ich nicht für sinnvoll."
"Aus einem Job mit 500 Euro Monatsbrutto lässt sich keine eigenständige, existenzsichernde soziale Absicherung generieren - ob nun mit oder ohne Sozialversicherungspflicht", so Schäfer. Die Frage sei, ob eine eigenständige Sicherung in jedem Fall sinnvoll und alternativlos ist.
Es sollte einen Bagatellbereich geben. Zumal Leistungen der Sozialversicherung bei Arbeitszeiten von zehn Stunden in der Woche ohnehin nicht existenzsichernd sind. IW-Ökonom Holger Schäfer zu möglichen Grenzen von sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung
Ein weiteres Problem, das Schäfer und Grabka sehen, ist, dass Minijobs als Sprungbrett in reguläre Beschäftigung nicht taugen, wobei Schäfer einschränkt: "Übergänge in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sind für Minijobs nicht typisch - aber oft auch gar nicht angestrebt."
Reform der Steuerklassen könnte Minijobs unattraktiv machen
Beide Ökonomen sehen einen Hebel, mit dem sich die Attraktivität von Minijobs beeinflussen ließe. Einen Minijob zu machen, sei aus Arbeitnehmersicht letztlich eine ökonomische Abwägung, so Grabka. Da mache es etwa das steuerliche Ehegattensplitting für Frauen mit einem gut verdienenden Ehemann attraktiv, im Minijob zu bleiben. Das spreche allerdings nicht gegen den Minijob, sondern für eine Reform der Steuerklassen, so Schäfer.
Wenn man ein paar Jahre im Minijob ist, kommt man nicht mehr raus. Dann ist das eine Beschäftigungsfalle. Markus Grabka
Grabka verweist zudem auf Sozialleistungen wie etwa Wohngeld, die mit steigendem Einkommen gekürzt werden. Das mache es für Menschen im unteren Einkommensbereich unattraktiv, den Minijob zu verlassen und mehr zu arbeiten. Gesamtwirtschaftlich betrachtet, müsse Arbeitszeit aber eher ausgebaut oder zumindest gehalten werden, wobei der DIW-Experte genau das Gegenteil beobachtet.
Mit Daten könne er das noch nicht belegen, aber die Zahl der geringfügig Beschäftigten im Nebenjob - diese Arbeitnehmer haben noch einen Hauptjob - steigt seit 2020 kontinuierlich. Grabka sieht die Gefahr, dass Erwerbstätige Arbeitsstunden in ihrer Hauptbeschäftigung reduzieren, um so durch einen Nebenjob mit geringerer Abgabenlast ihr Nettoeinkommen zu steigern. Für den einzelnen Arbeitnehmer ist das ökonomisch sinnvoll, aber eben nicht für die Soziale Sicherung im Land, die auch CDU-Politiker Nacke zu seinem Vorstoß bewogen hat: "Da lauert meiner Ansicht nach ein sozialversicherungspflichtiges Problem", sagt Grabka.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Markus Grabka, Wissenschaftler beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)
- WDR-Gespräch mit Holger Schäfer, Arbeitsmarktökonom beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln)
- WDR-2-Gespräch mit Stefan Nacke (CDU), Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe in der Unionsfraktion
- Statistisches Bundesamt
- Minijob-Zentrale
7 Kommentare
Kommentar 7: Holger Wunschel schreibt am 12.11.2025, 21:07 Uhr :
Unsere Firma beschäftigt etwa 50 Minijobber die Samstags Industriemaschinen reinigen damit unsere Kunden teure Produktionszeiten als Fertigungszeiten vollständig nutzen können. Alle Mitarbeiter! haben einen Vollzeitjob und der Nebenerwerb wird benötigt um Finanziell überhaupt noch über die Runden zu kommen. Nach über 30 Jahren Erfahrung in der Branche ist mir keine Hausfrau mehr bekannt die ausschließlich -nur- einen Minijob ausübt und keine Rentenansprüche somit erwirbt. Ich glaube 1999 hatten wir die gleiche Debatte und es hat sich schnell herausgestellt das durch die Reduktion von Geringfügiger Beschäftigung keine großartigen neuen Vollzeitstellen geschaffen wurden. In der Praxis kenne ich auch wegen der Anrechnung auf ALG1 oder Bürgergeldempfänger keinen einzigen Minijobber. Fällt ein Minijobber in Sozialen Leistungsbezug kündigt er seine Nebentätigkeit. Die Lohnebenkosten für Minijobber betragen über 30% obwohl der Mitarbeiter keine Leistungen erhält....
Kommentar 6: Anonym schreibt am 12.11.2025, 18:13 Uhr :
Minijob mit Work-life-balance ohne work , bis der Kassenarzt kommt, Schlechtleistung, und dann auch noch Megagehalt in den höchsten Staatsämtern vom Michel ,besonders für die Gurus der grünen Untergangssekte; das geht per se schon mal gar nicht !
Antwort von Versteh ich nicht ! , geschrieben am 13.11.2025, 11:04 Uhr :
Den gewaltigsten und zugleich auch luxuriöst honorierten Minijob hat doch wohl der jahrelange Bewohner im Schloß Bellevue ; nämlich 2 Male aus dem Schloß zu seinen Untertanen eine von seinen Dienern gefertigte Rede ,vom Teleprompter abgelesen, ca. 10 Minuten halten und sonst wohl nur work -life balance ohne work. Wo hat er sich bloß die ganze Zeit ständig versteckt ?.
Antwort von Anonym , geschrieben am 14.11.2025, 03:29 Uhr :
Ich hatte schon gedacht ,daß Frank Walter verstorben sei; aber Gott sei gedankt; daß er sich am 7.11. wieder gemeldet hat.
Kommentar 5: Anonym schreibt am 12.11.2025, 16:09 Uhr :
Die Debatte geht in Ordnung, da geht es auch darum, dass wieder mehr Leute in reguläre Beschäftigung zu holen. Das würde die Sozialkassen entlasten. Aber: Für Branchen wie die Gastronomie und haushaltsnahe Dienstleistungen wäre die Abschaffung der Dolchstoß. Denn gerade die Gastronomie funktioniert nur noch dank GFB (geringfügig Beschäftigten). Wird der Gastro diese Möglichkeit genommen, dann war es das und wir können demnächst alle selbst kochen.
Antwort von Paul S. , geschrieben am 12.11.2025, 18:01 Uhr :
"Wird der Gastro diese Möglichkeit genommen, dann war es das und wir können demnächst alle selbst kochen". Das ist weit übertrieben was das selbst kochen betrifft. Ist es schlimm, wenn der Privathaushalt mal selbst kochen würde? Der Gastronomie geht es besser als viele meinen. Die nicht kochen und das scheinen viele zu sein, füllen doch die Gaststube. Bei der Gastronomie wird immer gejammert ein schlechtes Geschäft zu machen. Viele kaufen Waren massig bei Lidl oder Aldi ein und haben sehr hohe Preise auf der Speisekarte. Was kostet ein Glas Wasser, was im Einkauf sehr billig ist? Da braucht die Küche nichts kochen. Minijob vergeben sie, wenn sie gebraucht werden bei großen Ansturm der Nichtkocher. Minijob gehören weg sie bringen der Gesellschaft nichts. Und was immer noch vorkommt, wenn der Minijobber länger als geplant arbeitet im Lokal, dann wird immer noch schwarz ausbezahlt. Die Stunden nach der Minijobzeit wer überprüft die, ob länger gearbeitet wird? Der Dauergast sieht nichts?
Kommentar 4: Lisa schreibt am 12.11.2025, 15:50 Uhr :
In jedem Fall sollten Minijobs bzg. Sozialversicherungen überdacht werden. Wer einen Haupt- und einen Minijob hat, soll für das Gesamteinkommen in die Sozialkassen zahlen. Gilt auch für Rentner. Es ist nicht ok, während jüngerer Jahre nicht einzuzahlen und dann im Alter auf Grundsicherung zu setzen. Oder vorzeitig in Rente gehen, dann aber einen Minijob nehmen. Solidarität ist keine Einbahnstraße.
Kommentar 3: Gerhard Dufner schreibt am 12.11.2025, 14:34 Uhr :
Es wäre sehr sinnvoll, nicht nur den Minijob und Mindestlohn zu betrachten, sondern mal ganz oben bei den Menschen, die sehr viel verdienen, aber durch sehr viele Lücken im System und Abschreibungen, sowie nicht zahlende Sozialbeiträge ein Vielfaches von einem Normalverdiener jeden Monat einstreichen. Je höher der Verdienst, um so mehr Möglichkeiten werden geboten, die Steuerlast zu senken, und leider oft keinen Cent in die Sozialkassen zahlen. Das muss geändert werden, und sicher auch im unteren Bereich erst später Steuern und Abgaben kassieren, damit auch diesen Menschen mehr Geld zur Verfügung steht.
Kommentar 2: Paul S. schreibt am 12.11.2025, 14:18 Uhr :
Richtig ist für Schüler, bei ihnen ist es nicht das Hauptproblem, wenn sie zum Bsp. noch zuhause wohnen können. Minijobs ja, aber nur für Schüler weil sie noch keinen festen Arbeitsvertrag beanspruchen. Wer generell arbeiten geht, sollte zumindest den Mindestlohn erhalten, wo in die Rentenversicherung eingezahlt werden muss. Endlich mal ein positives Nachdenken für die soziale Gesellschaft, und die Politik wacht hoffentlich richtig bei den Minijobs auf.
Antwort von Anonym , geschrieben am 14.11.2025, 01:15 Uhr :
Und wie sieht es denn mit Studenten aus? Ich bin selber Studentin und bekomme mit, dass sogar meine Kommolitonnen mit Bafög und Minijob nur sehr knapp über die Runden kommen. Und da gibt es noch die Gruppe, die für Bafög nicht berechtigt sind (weil sie z.B. das Studium nicht in Regelstudienzeit beenden oder das Gehalt der Eltern nicht den Voraussetzungen entspricht, obwohl sie ihr Kind finanziell nicht unterstützen können, auch wenn sie es gerne wollen würden aufgrund dieser schwierigen finanziellen Situation) und irgendwie so noch die Miete, GEZ, etc bezahlen können... Wenn das wegfallen würde, dann sieht es für einen Teil der Studenten nicht gut aus...
Kommentar 1: Brigitta S. schreibt am 12.11.2025, 13:55 Uhr :
Unionspolitiker machen sich für die Abschaffung des Minijobs stark“? Darauf habe ich schon länger gehofft mit einem guten Bauchgefühl. Mit Minijobs zu arbeiten, bedeutet viel Arbeit, manche Arbeiter werden nur ausgenutzt und bringt nichts für die Rente , auch wenn jüngere Menschen einen Minijob annehmen. Bei Rentner wird der Verdienst der Minijob ganz auf die Rente des Minijobbers angerechnet, sie erhöht sich nur geringfügig. Minijobs werden als ein Ausbeutungs-Job gesehen, kurzfristige Beschäftigungen sind nicht rentenversicherungspflichtig. Es ist richtig, wenn gesagt wird, „Entscheidend sei, wenn man arbeitet, dass man auch an später denkt und nicht nur Momentan kurzfristet es als Zubrot sieht. Ich gebe Herrn Grabka recht, „gesamtwirtschaftlich sind Minijobs nicht sinnvoll. Sie sind eine Belastung des Sozialstaats“. Zitat. Besser auf der Stufe halbtags arbeiten, gefangen in der Minijob-Falle muss weder der arbeitende Mann noch die Frau für ihr weiteres Leben sein.
Antwort von Lisa , geschrieben am 12.11.2025, 15:51 Uhr :
Sehe ich genauso.