Der Andersmacher
Microsoft-Gründer Bill Gates Karriere soll in einer verstopften Garage begonnen haben, und Nvidia-Mastermind Jensen Huang saß angeblich gerade in einem muffigen amerikanischen Diner, als ihm einfiel, den Computerchip zu revolutionieren. Die Vision von Werner Klemme beginnt auf einem verwildert aussehenden Stück Wiese, irgendwo in der Weite der lippischen Wald- und Wiesenlandschaft.
Aus dem Kofferraum seines Fünftürers kramt der Landwirt eine verdächtig nach einem Laubbläser aussehende Gerätschaft hervor, die man viel eher in den Händen eines pedantischen Einfamilienhausbesitzers vermuten würde. Doch für das, was Klemme vorhat, ist noch nie eine Maschine gebaut worden. Wer im Unkraut-Business bestehen will, muss erfinderisch werden. Es handelt sich dabei mitnichten um einen Laubbläser, das Gerät erntet die feinen Samen der Unkräuter.
Warum hat sich Werner Klemme dafür entschieden, Unkraut anzubauen?
00:30 Min.. Verfügbar bis 27.07.2027.
"Jetzt gerade ist die perfekte Erntezeit", meint Klemme und blinzelt der Gluthitze auf seinem Acker entgegen. Im Kalletal sind es an diesem Dienstag im Juli weit über 30 Grad. Wer sich bei diesen Temperaturen auf freiem Feld abschuftet, muss ein bisschen verrückt sein. Der 36-Jährige ist ein auffällig unauffälliger Mann mit großen Plänen. Mit seinen strohblonden Haaren sieht er aus wie der nette Nachbar von nebenan, aus einem schwedischen Bullerbü-Roman. Angeblich beackert seine Familie schon seit über 350 Jahren die lippischen Felder. Nun will Klemme der Mann sein, der die Dinge ein bisschen anders macht.
Gegen den Wind gesät
Auf einer Fläche so groß wie 35 Fußballfelder züchtet der Landwirt Unkraut. Oder Beikraut, wie man Unkraut mittlerweile nennt. Denn die Einsicht, dass es seinen Sinn und Zweck in der Natur erfüllt, ist gewachsen.
Klemme baut dennoch keine ausgefallenen Wildkräuter an, die später die gewienerten Porzellanteller der europäischen Spitzengastronomie garnieren sollen. Es sind Pflanzen, denen man ohne Weiteres auch am Straßenrand begegnen kann. Spitzwegerich, Straußengras und Hopfenklee. Pimpinelle, Kamille und das Gemeine Ferkelkraut. Letzteres, das lässt sich schon am wenig schmeichelhaften Namen erkennen, ist so etwas wie der langweilige Discounter-Klon des viel bekannteren Löwenzahns. Gelbe Blüte auf länglichem, grünem Stiel, aber nicht so üppig und weniger charismatisch. Doch für Klemme ist das Gemeine Ferkelkraut bares Geld wert.
Werner Klemme baut 22 verschiedene Sorten an
00:58 Min.. Verfügbar bis 27.07.2027.
Mit seinem umgebauten Laubbläser zieht er hinaus auf den Acker, um die Pflanzen zu ernten, die er vor Monaten hier zu Abertausenden ausgesät hat. Wie ein Dirigent mit seinem Taktstock zupft Klemme mit seinem schweren Gerät die zu Pusteblumen verwandelten Blütenköpfe vom Stängel herunter. Später, nach stundenlanger Arbeit, wird er seine Ernte in einem großen, weißlichen Plastikeimer ausleeren. Nachdem er die Samen von Dreck und Flugteilchen gereinigt hat, kann er sie verkaufen. Ein Eimer der Samen des Gemeinen Ferkelkrauts bringt Klemme circa 1000 Euro ein. "Der Anbau lohnt sich definitiv", meint Klemme. "Aber das Unkraut zu ernten, ist einfach unglaublich anstrengend und extrem viel Handarbeit. Deswegen will den Job kaum jemand machen."
Unkrautanbau: Nische statt Masse
Landwirt Klemme ist ein einflussreicher Mann in der ländlichen 13.000-Seelen-Gemeinde Kalletal, am äußersten Ostrand Nordrhein-Westfalens. Hier besitzt er einen Hofladen, ein bisschen Land, eine Mosterei. Vor ein paar Jahren machte Klemme schon einmal deutschlandweit Schlagzeilen, als er als einer der ersten Landwirte in Deutschland Schlafmohn auf seinen Feldern anbaute. Ganz legal, versteht sich, für die Kuchen- und nicht die Drogenproduktion. Nun also Unkraut.
Circa drei Jahre ist es her, dass ein befreundeter Landwirt Klemme überzeugen musste, es mit dem Anbau doch einfach mal zu probieren. Der 36-Jährige hörte zu und startete durch. "Wer in der Landwirtschaft bestehen will, muss entweder auf Masse oder auf eine Nische setzen. Ich habe mich für die Nische entschieden", erzählt er.
22 Sorten Unkraut wachsen mittlerweile auf seinen Feldern, doch Klemme will mehr, viel mehr. Über hundert verschiedene Kräuter sollen es irgendwann mal sein. Damit würde Klemme zu einem der größten, vielleicht sogar dem größten Unkrautproduzenten Westdeutschlands, aufsteigen.
Verrückt oder genial?
Wie viele Unkraut-Bauern es überhaupt gibt, weiß niemand so genau, noch nicht einmal der Deutsche Bauernverband. Viele können es jedenfalls nicht sein. Denn der Absatzmarkt der Unkraut-Züchter ist begrenzt, obwohl der Anbau meistens ohne den Einsatz von kostspieligen industriellen Düngemitteln oder Herbiziden auskommt. Klemmes Saatgut wird vor allem beim Bau von Großprojekten eingesetzt, also zum Beispiel beim Bau von Straßen oder Bahntrassen. Für die Zerstörung von Naturarealen muss der Staat Ersatzflächen schaffen, auf denen dann anschließend Klemmes Unkrautsamen verteilt werden können. Eine Nische zwar, aber ein gutes Geschäft für den Kalletaler Landwirt.
Im Inneren von Klemmes jahrhundertealter Scheune ist es angenehm kühl, als der Landwirt das ächzende Eingangstor beiseiteschiebt. Hier lagern, geschützt vor der sengenden Hitze, Klemmes Schätze. Der Landwirt zerrt einen orangefarbenen Betonmischer aus dem Halbdunkeln und schüttet einige Samen zusammen mit ein paar Litern Grieß aus der Küche ins Innere der Trommel. Eine ungewöhnliche Mixtur, meint Klemme, aber eine, die sich bewährt habe.
In einem Betonmischer vermengt Werner Klemme Samen mit Gries
Unkraut wachsen lassen, könne jeder. Es aber industriell anzubauen, erfordere Geschick und Ideenreichtum, glaubt der Landwirt: "Am Anfang dachte ich mir - Unkraut, das ist ganz einfach. Das wächst ja von alleine. Aber gezielt nur ein Kraut auf dem Feld anzubauen, ist unglaublich schwierig." Klemme will weitermachen. Drei Jahre, fünf Jahre, vielleicht sogar noch länger. Sein Geschäftsmodell klingt verrückt, aber es funktioniert. Und wenn es funktioniert, könnte man meinen, dann ist es auch nicht verrückt.
Über dieses Thema haben wir am 10.07.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit OWL, 19.30 Uhr.
