Lucas Wilhelm aus Siegen erfüllt sich seinen Traum: Bauer im Nebenjob
Ein Bauer ohne eigenes Land? Ein Landwirt aus Siegen macht es vor
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Schon als Kind hat Lucas Wilhelm alles aufgesaugt, was mit Landwirtschaft zu tun hatte. Sein Traumberuf: Bauer. Doch weder unterstützte seine Familie seine Pläne, noch hatte er auch nur einen Quadratmeter Ackerfläche. Jetzt ist er trotzdem Landwirt. Wie der Siegener das geschafft hat.
Traumjob Landwirt
Lucas Wilhelm hackt auf einem kleinen Feld mit etwa 15 Reihen Frühkartoffeln aus. Seine Frau Alessa Wilhelm hilft ihm. Die Ernte fällt gut aus. Keine Kartoffelkäfer, keine Mäuse. Optimales Wetter. Wilhelm nickt zufrieden. "Das ist mein Traum. Ich habe auch Bock, Sonntagmorgen im Regen rauszugehen und auf dem Feld zu arbeiten. Da schütteln andere Menschen den Kopf. Hier steckt mein ganzes Leben drin", sagt er. Was seine Ernte so ungewöhnlich macht: Dieses Stück Land, auf dem er seine Kartoffeln anbaut, gehört weder ihm noch seiner Familie.
Landwirt auf fremden Land
Dass Wilhelm trotzdem einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb bewirtschaftet, verdankt er den Menschen im Stadtteil Siegen-Bürbach. Sie haben dem 31-Jährigen Teile ihrer Grundstücke zur Bepflanzung und Ernte überlassen. Viele Geräte, die er für seine Arbeit braucht, hat er von Bekannten geschenkt bekommen. Nur einen Trecker musste er selbst kaufen. Der WDR Lokalzeit YouTube-Kanal LandSchafft hat Lucas Wilhelm ebenfalls begleitet.
Dank der vielen Unterstützer kann Wilhelm heute als Landwirt im Nebenerwerb arbeiten. So wie inzwischen die meisten Landwirte in NRW. Noch vor zehn Jahren war es genau umgekehrt.
Bauer dank Dorfgemeinschaft
Einer von denen, die Wilhelm ihr Land überlassen, ist Dirk Gerbershagen. Er bringt eine Flasche Wasser zum Kartoffelfeld. "Es ist viel zu viel Arbeit, das ganze Grundstück zu mähen, darauf habe ich keine Lust. Deshalb habe ich es Lucas gegeben. Ich finde es toll, dass die Wiese jetzt genutzt wird", sagt Gerbershagen. Gerbershagen ist nicht der einzige im Dorf. Schon früh haben Anwohner Flächen überlassen. "Tante Erna nahm mich schon früh mit in ihren Gemüsegarten. Dann hat sie mir einen kleinen Acker zur Verfügung gestellt und gesagt: 'Da kannst du jetzt machen, was du willst.' Heute habe ich zwei Hektar." Wilhelm nennt die Frau zwar Tante Erna, verwandt sind sie aber nicht.
Alessa Wilhelm unterstützt ihren Mann Lucas - und packt selbst bei der Kartoffelernte mit an
Auf seinen zwei Hektar baut Wilhelm Gemüse und saisonales Obst an. Auf einem anderen Stück hält er 40 Hühner für frische Eier. Außerdem hat er ein Blumenfeld zum selbst pflücken. Nur einen kleinen Teil der Flächen hat er selbst gekauft.
Wie das Dorf von Wilhelms Ernte profitiert
In Bürbach gibt es keine Geschäfte und keinen Supermarkt. Wilhelm ist einer von zwei Landwirten in seinem Heimatort und ist mit seinen Kartoffeln, Eiern und dem Gemüse zu einem Direktversorger vor Ort geworden. Im Herbst verkauft er in seinem Hofladen auch Martinsgänse und Kürbisse. Das kommt gut an.
"Lucas und Alessa sind eine echte Bereicherung für unser Dorf. Hier sind die Produkte wirklich regional. Ganz im Gegensatz zum Supermarkt, wo regionale Produkte auch schon mal von sehr weit weg kommen", sagt Anwohner Klaus Stöven. Er ist zu Wilhelms Selbstbedienungsladen im Dorf gekommen, um ein paar Eier zu kaufen. Sie sind das begehrteste Produkt im Dorf und werden Lucas und Alessa Wilhelm oft schon auf dem Weg zum Hofladen abgekauft.
Produkte, die wirklich lokal sind
Beide sind inzwischen mit den geernteten Frühkartoffeln zum Laden gefahren, um die Regale aufzufüllen. Während Lucas Wilhelm wiegt und verpackt, zeichnet seine Frau die Preise aus. Auf die Frage, ob sich das lohnt, schweigt er zunächst. Würde man die Arbeitsstunden ausrechnen, würde der Stundenlohn unterm Strich wohl sehr gering ausfallen. Aber darum geht es ihm gar nicht. Für ihn ist Landwirtschaft Leidenschaft.
Viele landwirtschaftliche Geräte bekam Lucas Wilhelm geschenkt - zum Beispiel von seinem Opa
Mit dieser Leidenschaft ist Wilhelm nicht alleine. Die Zahl junger Menschen, die in dem Bereich arbeiten wollen, wächst laut Angaben der Landwirtschaftskammer NRW in den letzten Jahren deutlich. Dabei wächst vor allem die Zahl derer, die aus Familien kommen, die bisher nicht in der Landwirtschaft tätig sind.
"Hier steckt all mein Herzblut drin"
Am Ende des Tages ist der kleine Dorfladen meist leer gekauft. Alles auf Vertrauensbasis - zu wenig Geld sei nie in der Kasse. "Wir haben eher das Gefühl, es ist mehr Geld in der Kasse, als drin sein müsste", sagt Wilhelm.
Nicht alle in der Familie konnten seinen Traum von der Arbeit als Landwirt nachvollziehen. Als Kind fand Mutter Simone Heide sein Hobby zwar gut. Doch als er eine fünfjährige Ausbildung zum Demeter-Bauern machen wollte, gingen bei ihr die Alarmglocken an. "Da wäre er fünf Jahre weg von zu Hause gewesen. Wir waren gar nicht begeistert und wir haben auch gar kein Land, das wir ihm hätten vererben können. Das war natürlich sehr egoistisch, aber ich habe den Jungen gerne hier bei uns", sagt sie. Seine Lehre absolviert Wilhelm deshalb in einem Betrieb für Garten- und Landschaftsbau. Dort arbeitet er bis heute.
- Auch Tobias Schafmeister bewirtschaftet Land, das ihm nicht gehört. Er ist einer der größten Lohnunternehmer in NRW.
Einen richtigen Hof als Vollerwerbslandwirt - sein Kindheitstraum - hat Wilhelm also nicht. Inzwischen sei ihm das Risiko und die Abhängigkeit vom Wetter dafür ohnehin zu groß. "Das würde ich heute nicht machen. Auch, wenn hier alles zusammengestückelt ist und es extrem viel Arbeit bedeutet: Das alles habe ich mit meinen Händen aufgebaut. Hier steckt all mein Herzblut drin", sagt der 31-Jährige.
Ein kleines Türchen lässt sich Wilhelm aber offen. Denn eigentlich, sagt er, ist der Vollzeit-Bauer immer noch sein Traum. Als Rentner, wenn er mehr Zeit hat. Dann will er sich voll in die Landwirtschaft stürzen.