Handelsabkommen Mercosur wird unterzeichnet: Was ist drin für NRW?
Aktuelle Stunde . 17.01.2026. 23:23 Min.. UT. Verfügbar bis 17.01.2028. WDR. Von Thomas Kramer.
Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen hatten am 17.01.2026 Vertreter der Europäischen Union, darunter EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, ein Freihandelsabkommen mit den vier südamerikanischen Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay unterzeichnet. Die neue Freihandelszone mit mehr als 700 Millionen Einwohnern und einer gemeinsamen Wirtschaftsleistung von rund 19 Billionen Euro soll eine der größten weltweit sein.
Doch wann das Freihandelsabkommen in Kraft tritt, ist aktuell unklar. Am 21.01.2026 entschied das EU-Parlament, dass das Abkommen vom Europäischen Gerichtshof überprüft werden muss. Damit könnte es auch noch ganz scheitern. Die Prüfung durch den Gerichtshof könnte Jahre dauern. Wie es dazu kam, lest Ihr hier bei der Tagesschau.
FAQ zum Mercosur-Abkommen
Doch was sind eigentlich die Hintergründe des Abkommens? Wer kann davon profitieren und welche Kritik gibt es? Wir haben vor dem Hintergrund der Unterzeichnung am 17.01.2026, Antworten auf die wichtigsten Fragen gegeben.
"Wir entscheiden uns für fairen Handel statt Zöllen, wir entscheiden uns für eine produktive, langfristige Partnerschaft statt Isolation", sagte von der Leyen, bevor sie ihre Unterschrift unter das Abkommen setzte. Die Zölle auf mehr als 90 Prozent aller zwischen den EU- und den Mercosur-Ländern gehandelten Waren sollen wegfallen. Während die Europäer unter anderem Autos und chemische Produkte über den Atlantik exportieren, liefern die Mercosur-Länder hauptsächlich landwirtschaftliche Erzeugnisse und Rohstoffe nach Europa.
Unterzeichnungszeremonie des Handelsabkommen zwischen EU und Mercosur
Der deutsche Mittelstand kann profitieren
Beim Maschinenhersteller Joest im münsterländischen Dülmen freut man sich über das neue Freihandelsabkommen. Wegen der Importzölle sei das deutsche Mittelstands-Unternehmen in vielen südamerikanischen Staaten bisher nicht wettbewerbsfähig gewesen. Die fallen jetzt größtenteils weg. "Das bringt uns für viele Sondermaschinenbauer weit nach vorne" sagt Geschäftsführer Hans Moormann.
Während das nordamerikanische Geschäft durch die von US-Präsident Donald Trump verhängten Strafzölle schwieriger geworden ist, hoffen die Maschinenhersteller darauf, ihr Geschäft in Südamerika ausweiten zu können. Das Ifo-Institut für Wirtschaftsvorschung sieht im Freihandelsabkommen auch eine Antwort auf die US-Zollpolitik. So könnten negative Auswirkungen teilweise kompensiert werden.
Eine gute Nachricht für die Industrie in NRW
Auch Automobilhersteller und die in NRW starke Chemie- und Pharma-Industrie können davon profitieren. Die Industrie- und Handelskammer NRW sieht für europäische Unternehmen auch Handelsvorteile gegenüber Konkurrenten aus den USA oder China. Durch das Abkommen könnten in ganz Europa hunderttausende Jobs entstehen. "Das schafft nochmal eine ganz neue Aufbruchsstimmung", sagt Moormann.
Kritik kommt aus der Landwirtschaft
Landwirte in Europa fürchten die Konkurrenz aus Südamerika, denn es sollen fast alle Zölle fallen beziehungsweise stark sinken. So kamen beispielsweise am Tag der Unterzeichnung in Berlin tausende Menschen zusammen und äußerten erneut Kritik an dem Freihandelsabkommen.
Ähnlich ist die Stimmung in ganz Europa. Weil unter anderem Frankreich, Italien und Polen ausgeschert waren, war die Unterzeichnung des Abkommens letztes Jahr verschoben worden. Jetzt wurde das Mercosur-Abkommen zwar unterzeichnet - das bedeutet aber nicht, dass der Konflikt gelöst ist.
Welche Folgen hat das Mercosur-Abkommen für die Landwirtschaft?
Schauen wir einmal auf das Beispiel Rindfleisch: Bislang müssen für den Export von Rindfleisch aus Südamerika in die EU 60 Prozent Zollgebühren gezahlt werden. Künftig sollen es nur noch 7,5 Prozent sein.
Um die heimische Landwirtschaft zu schützen, hat die EU begrenzte Importe mit den südamerikanischen Handelspartnern vereinbart: Pro Jahr darf die EU dann nur 99.000 Tonnen Rindfleisch zu einem reduzierten Zollsatz importieren. Das ist rund die Hälfte der aktuellen Importmenge und entspricht weniger als zwei Prozent der Rindfleisch-Menge, die in der EU produziert wird.
Wenn die Einfuhren aus Südamerika zu stark steigen oder der Preisdruck für die Bauern in der Europäischen Union zu groß wird, sollen die Zölle für landwirtschaftliche Produkte aber auch wieder erhöht beziehungsweise wieder aktiviert werden können. Kurz vor der Einigung wurden Sicherheitsklauseln in das Abkommen eingearbeitet, nach denen im Fall eines starken Anstiegs der Einfuhren aus den Mercosur-Staaten oder eines übermäßigen Preisverfalls rasch Gegenmaßnahmen in Gang gesetzt werden können.
Landwirt aus Wachtberg: "Wir können diese Preise nicht mitgehen"
Den Landwirten reicht das aber nicht. Michael Hüllen aus Wachtberg im Rhein-Sieg kritisierte kurz vor Weihnachten im WDR-Interview, dass beispielsweise der Umgang mit Antibiotika in der Tierhaltung in den Mercosur-Staaten nicht dem entspreche, was in der EU gelte: "Wir müssen hier die höchsten Standards in Deutschland von der Produktion her leisten. Die deutsche Landwirtschaft, die europäische Landwirtschaft kommt damit gewaltig unter Druck." Die europäischen Bauern könnten mit den südamerikanischen nicht konkurrieren, so Hüllen: "Wir können diese Preise einfach nicht mitgehen."
Andere Landwirte stört zum Beispiel, dass sie sich mit Regeln zu Düngung und Pflanzenschutz auseinandersetzen müssen, die für die südamerikanischen Produzenten nicht gelten. Landwirt Michael Hüllen appelliert an die Supermarktkundinnen und -kunden, weiterhin Rindfleisch und andere Lebensmittel aus der heimischen Landwirtschaft zu kaufen: "Kauft deutsche Produkte, helft der deutschen Landwirtschaft." Beim Rindfleisch wird das wegen der geringen Menge, die aus Südamerika in die Europäische Union importiert werden darf, ohnehin weiterhin notwendig sein.
Worauf müssen sich Verbraucher einstellen?
WDR-Wirtschaftsexperte Ulrich Ueckerseifer sagt aber auch, dass Spezialitäten wie argentinisches Rumpsteak künftig wohl zu günstigeren Preisen in deutschen Supermärkten zu kaufen sein werden: "Aller Voraussicht nach werden bestimmte Produkte für uns preisgünstiger." Dazu zählten auch Zucker und Kaffee aus Brasilien.
Beim Rindfleisch aus Argentinien kann Ueckerseifer qualitativ kein Problem erkennen - auch wenn in Südamerika häufig gentechnisch veränderte Sojabohnen und Mais an die Tiere verfüttert werden: "Was die Haltungsbedingungen von Rindern angeht, sind diese in der Regel besser, weil sie den größten Teil ihres Lebens auf der Weide verbringen."
Mit Blick auf die Freilandhaltung in Südamerika argumentierte auch Achim Spiller, Agrarökonomie-Professor an der Universität Göttingen und wissenschaftlicher Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums, am Samstag (17. Januar) in der Aktuellen Stunde ähnlich.
Kritik von der Verbraucherzentrale
Die Verbraucherzentrale Hamburg hat sich während der jahrelangen Verhandlungen zu Mercosur mit dem Freihandelsabkommen beschäftigt und sieht die Regeln zur Produktion von Lebensmitteln in Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay kritisch: "In vielen Ländern, auch in den Mercosur-Staaten Südamerikas, sind Gentechnik und Wachstumshormone für Nutztiere erlaubt", heißt es auf der Website. Die Standards zur Lebensmittelqualität seien vielfach niedriger.
Auch beim Umweltschutz gebe es Probleme. Die Verbraucherzentrale verweist darauf, dass große Flächen des Amazonas-Regenwaldes abgeholzt werden, um die Flächen für die Landwirtschaft zu nutzen. Agrarökonomie-Professor Spiller mahnt das ebenfalls an: "Die Regenwald-Abholzung in Südamerika ist natürlich ein ganz wichtiges klimapolitisches Problem, das gestoppt werden muss."
Die Abholzung trage zum Klimawandel bei, kritisiert die Verbraucherzentrale. Außerdem würden lange Transportwege mit dem Flugzeug für hohe Kohlendioxid-Emissionen sorgen.
Wie geht es jetzt weiter?
Das Freihandelsabkommen ist unterschrieben. Es muss aber noch vom Europäischen Parlament gebilligt werden, damit es in Kraft treten kann. Eine Ratifizierung, also eine Zustimmung der einzelnen Parlamente der EU-Staaten, ist nicht notwendig.
Allerdings beinhaltet der Mercosur-Deal losgelöst vom Handelsteil auch ein politisches Partnerschaftsabkommen. Das muss jeder EU-Staat noch einzeln ratifizieren.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagenturen dpa, epd und AFP
- Website der Europäischen Kommission
- WDR-Gespräche mit Landwirten aus NRW
- Gespräch mit WDR-Wirtschaftsexperte Ulrich Ueckerseifer
- Website der Verbraucherzentrale Hamburg
- Interview mit Prof. Achim Spiller in der Aktuellen Stunde vom 17.01.2026
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 17.01.2026, 18.45 Uhr
Sendung: WDR.de, Bauernproteste vor EU-Parlament in Brüssel, 18.12.2025, 14.30 Uhr