Weitere Fälle von Vogelgrippe | WDR aktuell
01:58 Min.. Verfügbar bis 25.10.2027.
Was die Chefin des Tierseuchen-Instituts zur Vogelgrippe-Saison sagt
Stand:
Die Zahl der Vogelgrippefälle in Deutschland steigt aktuell sehr schnell. Christa Kühn vom Friedrich-Loeffler-Institut ist vor allem darüber besorgt, dass die Fälle ungewöhnlich früh auftreten und spricht von der "Alarmstufe Rot".
In NRW wurde Freitag ein Fall der hochansteckenden Variante H5N1 in einem Betrieb nachgewiesen. 19.000 Puten wurde deshalb in Rees (Kreis Kleve) getötet. Weitere Fälle gibt es in Essen, Duisburg und Paderborn - bundesweit breitet sich die Vogelgrippe aus. Die Präsidentin des Friedrich-Loeffler-Instituts, Christa Kühn, ordnet für den WDR die aktuelle Lage ein. Sie leitet das Institut, das den Ausbruch von Infektionskrankheiten unter Tieren in Deutschland und weltweit überwacht.
WDR: Auf welcher Alarmstufe sind Sie derzeit?
Christa Kühn: Was die Geflügelpest angeht, da bin ich schon auf der Alarmstufe Rot, weil das schon sehr hoch ist, in Bezug auf den Eintrag in unsere Geflügelbestände. Und was bei den Wildvögeln los ist, das sehen ja viele Bürger jeden Tag.
WDR: Wieviel Leid bedeutet die Vogelgrippe für ein Huhn oder einen Kranich?
Die Präsidentin des Friedrich-Loeffler-Instituts, Prof. Dr. Christa Kühn.
Kühn: Das sind beides Geflügelarten, die sehr empfänglich sind für das Virus. Sie wissen, da gibt es Unterschiede zwischen den Vögeln, aber gerade Hühner und Kraniche sind sehr empfänglich, und man muss leider sagen, dass die jämmerlich an dieser Infektionskrankheit sterben. Sie haben auch fast keine Chance, dem zu entgehen. Wenn ein Geflügelvirus in einen Hühnerbestand kommt, dann werden auch, ohne dass sie irgendwas anderes tun, mindestens 95 Prozent der Tiere sterben.
WDR: Die Vogelgrippe hat eine gewisse Saisonalität, aber dieses Mal ist es wohl besonders heftig. Was ist jetzt anders als sonst?
Tote Kraniche in Brandenburg
Kühn: Wenn wir uns die absoluten Zahlen dieses Herbstes anschauen, dann sind wir im Vergleich zu früheren Jahren, wo wir auch hohe Ausbruchszahlen hatten, noch nicht jenseits dessen, was wir jetzt sehen. Besonders ist, dass das Geschehen vergleichsweise früh einsetzt. Und zum anderen ist es sehr prominent auffallend, das das Geschehen bei den Kranichen zu beobachten ist. Was vielleicht auch noch bemerkenswert ist, ist, dass wir schon auch recht frühzeitig damit verbunden Einbrüche in die Hausgeflügelhaltung sehen.
WDR: Welche Rolle hat der Mensch? Wir haben schon gehört, wir werden selbst nicht krank, aber können Überträger sein. Welche Folgen merkt man, wenn dieses Geschehen immer größer wird?
Kühn: Das merken natürlich vor allen Dingen in erster Linie die Tierhalter, weil die ja betroffen sind. Ihre Bestände werden gekeult. Das ist für viele Wirtschaftsgeflügelhalter ‒ jetzt ist ja der Beginn der Martinsgans-Saison ‒ ein enormer wirtschaftlicher Verlust. Wir selber als Menschen sind natürlich schon betroffen, durch die Bilder, die von toten Wildvögeln entstehen. Aber ansonsten leben wir ja in unserem normalen Geschehen. Ich weiß nicht, ob Sie jetzt vielleicht abheben auf die Eier und Geflügelpreise. Das sehe ich erst mal noch nicht in großem Ausmaß gefährdet.
WDR: Ebbt das Geschehen bei uns einfach wieder ab? Oder was muss jetzt unbedingt passieren?
Kühn: Wie es jetzt weitergeht, wissen wir nicht. Wir sind jetzt im Beginn einer Welle und wie die Welle weiter verläuft, wissen wir nicht. Ob die jetzt irgendwann ausläuft und das zu einem normalen Herbst-Winter-Geschehen wird, oder ob sich dieser exponentielle Anstieg, den wir gerade sehen, weiterentwickelt, das ist der Blick in die Glaskugel. Es hängt sicherlich auch davon ab, wie jetzt im Prinzip in Bezug auf Biosicherheitsmaßnahmen unsere Geflügelhalter reagieren. Da kann ich nur sagen, die betroffenen Vögel scheiden wirklich in hoher Konzentration dieses Virus aus. Also da reicht ein kleines bisschen Vogelkot bereits, um ganz erhebliche Zahlen von Tieren zu infizieren.
Das Interview führte Robert Meyer und wurde ursprünglich im WDR 5-Morgenecho am 25.10.2025 ausgestrahlt. Für die Online-Umsetzung haben wir es leicht sprachlich bearbeitet und gekürzt.