Umstrittenes Pflanzenschutzmittel Glyphosat | Aktuelle Stunde
03:04 Min.. Verfügbar bis 18.02.2028.
Umstrittenes Pflanzenschutzmittel: Wo Glyphosat in NRW eingesetzt wird
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Bayer und Glyphosat - eine schier unendliche Geschichte in den USA neigt sich ihrem Ende. Welche Rolle spielt das Pflanzenschutzmittel bei uns? Wo ist es verboten, wo kommt es zum Einsatz? Und sind unsere Lebensmittel sicher?
Bayer hat in einem milliardenschweren Rechtsstreit um den Unkrautvernichter Glyphosat in den USA einen Vergleich geschlossen. Das lässt sich der rheinische Agrar- und Pharmariese bis zu 7,25 Milliarden Dollar kosten.
Wie aber steht es um die Anwendung von Glyphosat in NRW? Wo ist es erlaubt, wo verboten? Und was macht das Pflanzenschutzmittel mit unseren Lebensmitteln?
Was ist Glyphosat eigentlich und wie wirkt es?
Glyphosat ist ein Totalherbizid - das heißt, es tötet fast alle Pflanzen. "Alles, was grün ist und mit Glyphosat in Kontakt kommt, stirbt ab", formuliert es Jonas Hett von der Landwirtschaftskammer NRW im Gespräch mit dem WDR. Neben einigen mittlerweile resistenten Unkräutern überleben nur genveränderte Pflanzen den Einsatz des Mittels. Die aber sind in der EU verboten.
Wo also findet Glyphosat dann seine Anwendung? Heinz-Jürgen Zens, Referent für Agrarpolitik beim Rheinischen Landwirtschaftsverband (RLV) sieht einen rückläufigen Einsatz. "Glyphosat wird als letztes Mittel der Wahl genutzt, wenn mechanische Verfahren bei starker Verunkrautung nicht erfolgreich waren", sagt er. Auch für "Grünlanderneuerung" könne es eingesetzt werden, "aber meist auch nur partiell", so der Experte im Gespräch mit dem WDR.
Teilweise wird Glyphosat auch zur Vorbereitung der Aussaat genutzt. Wenn der Boden zum Beispiel von einer Winterkultur oder der Hauptkultur des Vorjahres befreit werden muss, um gute Startbedingungen für die Folgekultur zu schaffen. Jungpflanzen hätten es sonst schwer, sich gegenüber Vorjahrespflanzen durchzusetzen. "Auch bei schwer bekämpfbaren und regelmäßig wiederkehrenden Unkräutern ist der Einsatz hilfreich", sagt Hett.
Wo ist Glyphosat erlaubt und wo ist es verboten?
2023 wurde die Wirkstoffgenehmigung für Glyphosat von der EU-Kommission um zehn Jahre verlängert. Ein Verbot der Anwendung besteht in Naturschutzgebieten, Nationalparken und Biotopen. Auch in Wasserschutzgebieten darf es mit wenigen Ausnahmen nicht benutzt werden. Außerdem besteht ein Verbot der Spätanwendung vor der Ernte.
"2021 wurde da eine Änderung vorgenommen", erklärt Hett: "Wenn Unkräuter im Getreide sind, ist seit 2021 die Anwendung im stehenden Bestand verboten."
Und - besonders wichtig für Klein- und Hobbygärtner - in der sogenannten nicht beruflichen Verwendung ist die Nutzung komplett untersagt. Hett betont, dass in den Mitteln, die zum Beispiel im Baumarkt gekauft werden können, kein Glyphosat mehr enthalten sein dürfe. "Vielleicht gibt es da noch dunkle Kanäle im Internet, aber im normalen Handel können die Hobbygärtner das nicht mehr erwerben", erläutert Hett.
"Verboten sind unter anderem die Anwendung von Glyphosat in Privatgärten und auf Flächen, die für die Allgemeinheit bestimmt sind, wie öffentliche Parks und Gärten, öffentlich zugängliche Sportplätze, Schul- und Kindergartengelände und Spielplätze. Der Einsatz in ökologisch sensiblen Gebieten, wie Natur- und Wasserschutzgebieten ist grundsätzlich verboten", schreibt das Bundesumweltministerium auf seiner Webseite.
Ist Glyphosat in unseren Lebensmitteln?
Corinna Hölzel, BUND-Pestizidexpertin
In unseren Parks und Vorgärten ist es also nicht erlaubt - wie sieht es mit den Lebensmitteln aus? "Glyphosat findet man im Wasser, im Boden und in Rückständen auch in unseren Lebensmitteln", sagt Corinna Hölzel, Pestizidexpertin beim BUND. Sicher vor Glyphosat sei man nur bei ökologisch angebauten Lebensmitteln und auch da bestehe ein Restrisiko, wenn sich bei der Anwendung die Wirkstoffe großflächig in der Umgebung verteilen und so auch Felder von Bio-Bauern erreichen.
Auch wenn die Pflanzen nicht in direkten Kontakt mit dem Gift kommen, so wird "bevor man das Kulturgut als Saat einbringt mit Glyphosat über den Acker gefahren", wie es Hölzel formuliert. "Die Nutzung ist stabil zwischen 4.000 und 5.000 Tonnen im Jahr in Deutschland".
So fänden sich in jeder Kultur Rückstandswerte, sagt Hölzel. Die seien in Getreide und Honig zum Beispiel unterschiedlich hoch. Die müssen dann im Rahmen der EU-Grenzwerte liegen. "Auch alles, was importiert wird, unterliegt EU-Recht", ergänzt Hett: "Die Grenzwerte werden im Rahmen von Zertifizierungen stichprobenartig kontrolliert und analysiert."
Was ist das große Problem von Glyphosat?
Alles gut also? Eher nicht: "Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat gefährden die biologische Vielfalt. Das ist durch zahlreiche Studien belegt", schreibt das Bundesumweltministerium. "Als Totalherbizid vernichtet Glyphosat ohne Unterschiede alle Pflanzen und zerstört damit die Nahrungs- und Lebensgrundlage für viele Insekten- und Vogelarten wie Schmetterlinge und Feldlerche."
Laut Hölzel besteht vor allem ein großes Risiko für die Biodiversität: "Glyphosat-Einsatz hat direkte Auswirkungen auf das Leben von Insekten und Amphibien."
"Jede Nahrungsquelle des Insekts wird getötet. Und jedes Insektensterben hat dann Folgen für weitere Tierarten wie Vögel und Fische, die sich von Insekten ernähren." Corinna Hölzel, Pestizidexpertin beim BUND
Die EU hält Glyphosat übrigens im Gegensatz zur Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) und zahlreichen wissenschaftlichen Studien nicht für krebserzeugend. Der BUND hält es für schädigend für das Nervensystem. Auch könne es das Mikrobiom im Darm beeinflussen.
Geht es nicht auch ohne Glyphosat?
Ja, sagt der BUND. "Der Ökolandbau macht es vor", so Hölzel. "Es muss nicht immer gleich der Pflug sein, man kann auch nicht wendende Verfahren einsetzen, man kann mit einer Untersaat arbeiten. Eine gute Alternative ist auch eine breite Fruchtfolge - damit reduziere ich Unkräuter und habe weniger Schädlingsdruck - das ist ein zentrales Element im Ökolandbau", erläutert die Pestizid-Expertin.
Der Rheinische Landwirtschafts-Verband lehnt ein Verbot ab: "Wir sagen, der Einsatz von Glyphosat ist ein Baustein für eine sinnvolle ackerbauliche Praxis. Es ist ein langjährig bewährtes und zugelassenes Mittel mit vertretbarem Risiko", sagt Heinz-Jürgen Zens vom RLV.
"Der eigentliche Skandal", sagt Kerstin Effers von der Verbraucherzentrale NRW, "war die Wiederzulassung für weitere zehn Jahre. Die ökologische Landwirtschaft kommt sehr gut ohne chemisch-synthetischen Pflanzenschutz aus."
Bleibt Glyphosat für immer zugelassen?
Wäre Glyphosat im Jahr 2023 verboten worden, dann dürften heute auch keine Rückstände mehr in unseren Lebensmitteln sein. Möglicherweise aber bleibt Glyphosat sogar für immer zugelassen. "Unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus würden einmal zugelassene Pestizide nie wieder auf den Prüfstand gestellt werden", sagt Hölzel und bezieht sich auf einen Gesetzesvorschlag der EU-Kommission. Bislang muss die Genehmigung eines Pestizids in der EU regelmäßig erneuert werden. Das aber soll sich ändern.
"Es ist ein Wahsninn und völlig skandalös. Stoffe, die in die Umwelt entlassen werden, müssen immer überprüft werden. Wissenschaftliche Methoden ändern sich ja. Damit negieren wir das Vorsorgeprinzip und die wissenschaftliche Arbeit und betreiben eine Abkehr unserer gesundheits- und umweltpolitischen Moral", so Hölzel.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Heinz-Jürgen Zens vom Rheinischen Landwirtschafts-Verband e.V.
- Anfrage an Verbraucherzentrale NRW und Gespräch mit Kerstin Effers, Referentin für Umwelt und Gesundheitsschutz
- Gespräch mit Corinna Hölzel, Pestizidexpertin beim BUND
- Gespräch mit Dr. Jonas Hett von der Landwirtschaftskammer NRW
- Anwendungsgebiete von Glyphosat
- Bundesumweltministerium
- Agentur Reuters
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 18.02.2026, 18.45 Uhr
