"Ohne sie gibt es keinen Spargel": Wie ein Hof Erntehelfer an sich bindet
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Wenn die Spargelsaison richtig losgeht, beschäftigt Josef Kemna etwa 20 Saisonarbeiter auf seinem Hof in Dorsten. Damit sie im nächsten Jahr wiederkommen, lässt er sich einiges einfallen. Denn der Schlüssel zu einer erfolgreichen Ernte liegt für den Landwirt nicht nur im Gemüse selbst.
Drei Monate harte Arbeit
Gestern noch regnete es hier in Strömen. Die Felder standen unter Wasser und die Saisonarbeiter mussten eine Pause einlegen. Aber an diesem Morgen scheint wieder die Sonne und die rumänischen Erntehelfer geben Vollgas. Landwirt Josef Kemna stapft in Gummistiefeln entlang der Spargeldämme zu seinem Vorarbeiter Josef Levente. "Wie lange braucht ihr hier noch?", fragt Kemna. Zwei Stunden antwortet Levente. "Dann könnt ihr danach noch auf dem nächsten Feld ernten, hinten am Windrad", sagt der 60-jährige Kemna. Für den Nachmittag erwartet er viele Kunden im Hofladen. Und für die soll genug frischer Spargel da sein.
Kemna betreibt mit seiner Frau Barbara in Dorsten einen Spargelhof mit 16 Hektar Land. Viele der Saisonarbeiter kommen schon seit Jahren hierher. Die meisten sind Rumänen, so wie der 40-jährige Levente. Er ist schon die 15. Saison hier und bleibt insgesamt drei Monate, von März bis Juni. Drei Monate harte Arbeit, jeden Tag mindestens acht Stunden. Manchmal auch am Sonntag.
Wie wichtig sind die Erntehelfer für Josef Kemnas Betrieb?
00:20 Min.. Verfügbar bis 07.05.2027.
Jedes Jahr arbeiten laut Bundeslandwirtschaftsministerium etwa 243.000 Saisonarbeiter in Deutschland. Die meisten kommen aus osteuropäischen EU-Staaten, ein Großteil davon aus Rumänien. Sie verdienen Mindestlohn und sind entweder in Deutschland oder in dem Land, in dem sie leben, sozialversichert. Bei der Ernte von Spargel, Erdbeeren, Salat oder Äpfeln sind die Landwirte auf sie angewiesen. Deutsche wollen diesen anstrengenden Job schon seit Jahren nicht mehr machen, weiß Kemna aus eigener Erfahrung.
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Bis zu 200 Kilo schafft ein erfahrener Spargelstecher an einem guten Tag. Es ist ein Knochenjob, der auch mal auf die Gesundheit geht: Rückenschmerzen, Handverletzungen, Erkältungen. Aber das größte Problem habe überhaupt nichts mit der Ernte zu tun. "Am häufigsten kommen Zahnschmerzen vor", sagt Kemna. "Auf Zahnhygiene und gesundes Essen wird in Rumänien wohl nicht so sehr geachtet." Viele seiner Saisonarbeiter kaufen sich von dem ersten gesparten Geld ein Auto, von dem nächsten Lohn lassen sie sich in Rumänien die Zähne machen.
Arbeitsklima als Schlüssel zum Erfolg
Auf dem Spargelhof sind gerade die 35-jährige Monica Sbârcea und ihr 33-jähriger Mann Florin Nistor angekommen. Ein Hofmitarbeiter holte sie vom Flughafen Dortmund ab. Josef Kemna zeigt ihnen ihre Unterkunft: Zimmer mit Küchenzeile und ein eigenes Bad. Die Möbel hat er gebraucht von einer Haushaltsauflösung gekauft. Die Küche ist neu. "Im Winter haben wir genug Zeit, die Zimmer umzubauen und besser auszustatten", erklärt er.
Früher haben auf den 40 Quadratmetern vier Saisonarbeiter gewohnt, jetzt nur noch das Ehepaar. Vieles mache er in Eigenarbeit, damit es nicht zu teuer werde. "Ich möchte, dass die Leute sich hier genauso wohlfühlen, wie wenn ich mit meiner Frau in einer Ferienwohnung bin."
Pünktlich zur neuen Saison fertig geworden: die nagelneue Gemeinschaftsküche
Im Nebengebäude steht die nagelneue Gemeinschaftsküche. Jeden Tag kocht hier eine Mitarbeiterin für die ganze Mannschaft Mittagessen. Heute gibt es Gulasch, Kartoffeln und Salat. "Wir wollen den Saisonarbeitern etwas bieten, damit sie im nächsten Jahr wiederkommen", erklärt Kemna zu diesem Service.
Selbstverständlich ist das alles nicht. Jedes Jahr berichtet die gewerkschaftsnahe Initiative Faire Landarbeit von Betrieben, die den Mindestlohn umgehen oder deren Unterkünfte schmutzig oder zu klein sind. Mit so etwas will das Ehepaar Kemna nichts zu tun haben. Gute Arbeitsbedingungen für ihre Saisonhelfer sind ihnen sehr wichtig. Wie sie es schaffen, dass das Miteinander von Erntehelfern und Landwirten auf ihrem Hof gut klappt, zeigen wir in einer neuen Folge WDR Lokalzeit LandSchafft.
Neben der Gemeinschaftsküche hat Vorarbeiter Josef Levente seine Unterkunft. Eine große Wohnung, die er sich mit drei weiteren Erntehelfern teilt. Jeder hat sein eigenes Zimmer. In Rumänien besitzt er selbst einen kleinen Hof. "Ein paar Schafe, eine Kuh, ein bisschen Land", sagt er. Während der Spargelsaison kümmern sich seine Eltern und sein Schwager um den Betrieb. Das Geld, was er hier verdient, braucht er für Reparaturen an seinem Haus und für ein paar neue Geräte. "Ich war auch schon auf anderen deutschen Spargelhöfen", erzählt er. Aber hier bei Familie Kemna sei das Arbeitsklima am besten.
Eine Spargelfamilie wächst zusammen
Der Großteil des Spargels wird bei den Kemnas im eigenen Hofladen verkauft, ein kleinerer Teil an Restaurants in der Region geliefert. Am Anfang der Saison kostet das Kilo je nach Qualität zwischen 10,90 Euro und 17,90. Im Laden hat Barbara Kemna das Sagen.
Alle wichtigen Entscheidungen trifft die 57-Jährige zusammen mit ihrem Mann, zum Beispiel, dass es günstiger sei, die Saisonarbeiter einfliegen zu lassen, statt einen Kleinbus zu buchen. Die Rumänen beteiligen sich an den Flugkosten mit 80 bis 100 Euro. Den Rest zahlt der Betrieb. "Für sie ist das viel entspannter als eine tagelange Reise mit dem Bus", erklärt Barbara Kemna. "Und wir wissen viel genauer, wann sie ankommen."
Barbara Kemna über die Vorteile der Anreise mit dem Flugzeug
00:30 Min.. Verfügbar bis 07.05.2027.
Am Abend findet auf dem Hof ein Grillfest für die ganze Spargelfamilie statt. So nennt Josef Kemna die Hofgemeinschaft, die in den nächsten Wochen hier zusammen lebt und zusammen arbeitet. Monica Sbârcea und ihr Mann Florin Nistor warten auf die ersten fertig gegrillten Würstchen. Er hat bereits den ersten Tag als Spargelstecher hinter sich. Sie wird morgen mit der Erdbeerernte beginnen, dem zweitwichtigsten Standbein des Hofs. Nach der Saison kehren sie zurück nach Rumänien.
Saisonarbeiter Florin Nistor und seine Frau Monica Sbârcea
Nistor war schon in den verschiedensten Branchen als Saisonarbeiter in Deutschland unterwegs: Salaternte, Apfelernte, auf der Kirmes. Was machen sie mit dem Geld, das sie hier verdienen? "Wir bauen gerade ein Haus für uns und unsere drei Kinder", sagt er. In Deutschland könne er ein Vielfaches von dem verdienen, was in seiner Heimat möglich wäre. Und das will er in das Haus investieren, für seine Zukunft und die seiner Familie.