Die Zahl der arbeitslosen Menschen in NRW ist erstmals seit 2010 wieder über die Marke von 800.000 geklettert. Die Wirtschaft steckt in einer Dauerkrise. Das trifft zunehmend auch junge Menschen, die nach dem Studium auf Jobsuche sind. Fragen und Antworten.
Ist der Anstieg der Arbeitslosigkeit im August überraschend?
Nein, der Anstieg der Arbeitslosenzahlen im August ist eine normale Entwicklung. Das liegt daran, dass im Sommer bei vielen Betrieben die Personalabteilung nur dünn besetzt ist. In der Ferienzeit werden tendenziell weniger Leute eingestellt. Dazu kommt, dass viele befristete Verträge enden. Vor allem von jungen Leuten, die ihre duale Ausbildung frisch abgeschlossen haben und sich meistens nur für kurze Zeit arbeitslos melden.
Doch im August hat die Zahl der Arbeitslosen bundesweit zum ersten Mal seit zehn Jahren die symbolträchtige Schwelle von drei Million überschritten. Auch das hatten Arbeitsmarktforscher so erwartet. Das hohe Niveau der Arbeitslosigkeit ist eine Folge der langen Wirtschaftsflaute. Vor allem die Industrie steckt seit drei Jahren in einer Krise: Corona, hohe Energiepreise, Konkurrenz aus China und zuletzt die US-Zölle setzen die exportorientierte deutsche Wirtschaft unter Druck. Viele Betriebe bauen Stellen ab und halten sich mit Neueinstellungen zurück.
Die gute Nachricht: Es gibt einige Lichtblicke am Horizont. Die Kurzarbeit ist seit Jahresanfang leicht zurückgegangen. Außerdem haben die Betriebe im August mehr offene Stellen neu gemeldet. Deswegen rechnet die Bundesagentur für Arbeit in NRW damit, dass die Arbeitslosigkeit in den nächsten Monaten wieder etwas sinken wird.
Gilt der Grundsatz noch, dass Bildung am besten vor Arbeitslosigkeit schützt?
Es ist immer noch so, dass gut Qualifizierte das geringste Risiko haben, arbeitslos zu sein. Daran hat auch die aktuelle Krise nichts geändert. Das zeigt eine Auswertung der Bundesagentur für Arbeit in NRW: Demnach lag die Arbeitslosenquote unter Akademikern im vergangenen Jahr bei rund drei Prozent (3,1 Prozent). Bei Menschen mit einer dualen Berufsausbildung waren es fast vier Prozent (3,8 Prozent) - also etwas mehr. Dagegen lag die Arbeitslosenquote bei den Helferjobs, also für Ungelernte, bei 24 Prozent. Bedeutet: Je höher der Bildungsabschluss, desto niedriger das Risiko, ohne Arbeit zu sein.
Trotzdem zeichnet sich eine auffällige Entwicklung ab. Die Arbeitsmarktstatistik zeigt zwar, dass die Arbeitslosigkeit in allen Qualifikationsniveaus zugelegt hat. Doch am stärksten ist sie erstaunlicherweise bei Akademikern gestiegen - um 32 Prozent. Zu diesem Schluss kommt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) durch einen Vergleich der bundesweiten Daten für die Jahre 2022 bis 2024.
Die Zahl der Akademiker, die arbeitslos sind und Bürgergeld beziehen, hat sich innerhalb von drei Jahren bundesweit sogar mehr als verdoppelt - von 63.953 auf 137.832. Das dürfte viele junge Leute treffen, die frisch von der Uni kommen und auf Jobsuche sind. Da sie noch kein Jahr gearbeitet haben, können sie nur Bürgergeld beziehen.
Woher kommt der starke Anstieg der Arbeitslosigkeit bei Akademikern?
Das liegt daran, dass die aktuelle Krise vor allem Branchen trifft, in denen viele Akademiker arbeiten, sagt Pascal Heß vom IAB: "Das sind hauptsächlich Branchen, die international tätig sind." Zum Beispiel das verarbeitende Gewerbe, die Autoindustrie und alle Dienstleistungsunternehmen.
Die haben einen sehr starken Fokus auf hochqualifizierte Kräfte. Und wenn dort die Nachfrage fehlt, merkt man das direkt erstmal bei den Hochqualifizierten. Pascal Heß, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
Leiden die Kernindustrien wie die Automobil-Branche und der Maschinenbau, gehen auch weniger Aufträge an externe Dienstleister wie zum Beispiel Werbeagenturen oder Unternehmensberatungen. Dort arbeiten typischerweise auch viele Akademiker. Die Zahl der offenen Stellen ist laut IAB für akademische Berufe zwischen 2022 und 2024 sogar um 40 Prozent eingebrochen.
Haben Fachkräfte mit einer dualen Berufsausbildung die besseren Chancen?
Für Menschen mit einer dualen Ausbildung, also mit einer abgeschlossenen Lehre, ist der Arbeitsmarkt trotz Krise noch sehr aufnahmefähig geblieben, erklärt Heß. "Wir sehen aber auch dort, dass die Zahl der Stellenausschreibung zurückgeht. Nur nicht so stark wie bei den höheren Qualifikationsniveaus."
Dazu kommt, dass die Generation der Baby-Boomer kurz vor der Rente steht oder sich bald in den Ruhestand verabschieden wird. Darunter sind viele Fachkräfte mit einer dualen Berufsausbildung. Sie hinterlassen wegen des demographischen Wandels eine große Lücke.
Heißt das, dass viele junge Leute das falsche Fach studiert haben?
Das lässt sich im Nachhinein natürlich immer leicht sagen. Die allermeisten werden sicher noch eine Arbeitsstelle finden. Auch wenn sie zurzeit - je nach Branche - etwas länger suchen. Aber Fakt ist auch, dass der Arbeitsmarkt vor fünf Jahren, als viele ihr Studienfach gewählt haben, noch ein komplett anderer Markt gewesen ist. Danach kamen mit Corona, dem Ukraine-Krieg, der grünen Transformation, dem Umbau der Automobil-Industrie, den US-Zöllen gleich mehrere Umbrüche und Krisen in kurzer Folge.
Studierende in einem Uni-Hörsaal
Das Problem, dass das Angebot an freien Stellen und Kandidatinnen und Kandidaten nicht zusammenpassen, ist bei einer zwei bis dreijährigen Berufsausbildung tendenziell geringer als bei einem Studium, das schnell fünf Jahre dauert.
Sind denn alle Branchen von der Wirtschaftsflaute gleichermaßen betroffen?
Nein. Im vergangenen Jahr wurden die meisten Stellen im verarbeitenden Gewerbe abgebaut, also in der Industrie. In NRW sind es innerhalb des vergangenen Jahres 25.000 Beschäftigte weniger geworden, schreibt die Bundesagentur für Arbeit in NRW. Allein in der Metall- und Elektroindustrie lag das Minus knapp 20.000. Insgesamt waren aber im Juni in NRW mit 1,275 Millionen immer noch viele Menschen in der Industrie beschäftigt. Die Bundesagentur für Arbeit in NRW schreibt dazu, dass der industrielle Kern zwar schrumpft, aber in NRW immer noch dominant bleibe.
Trotz der Dauerkrise hat die Zahl der Beschäftigten in NRW im Vergleich zum Vorjahr nochmals um 25.900 Personen zugenommen. Denn in einigen Branchen wächst die Beschäftigung umso mehr - besonders stark im Gesundheitsbereich und der Pflege.
Und wie stehen aktuell die Chancen auf dem Ausbildungsmarkt?
Erst vor wenigen Jahren hatte sich Ausbildungsmarkt in NRW in einen Bewerbermarkt gewandelt. Das heißt: Es gab etwas mehr Ausbildungsplätze als Bewerberinnen und Bewerber. Das Blatt hat sich in diesem Jahr wieder gewendet. Tatsächlich haben sich in 2025 wieder mehr junge Leute für eine Ausbildung interessiert. Doch gleichzeitig haben die Unternehmen wegen der schlechten Wirtschaftslage weniger Ausbildungsplätze angeboten.
Dadurch entsteht insgesamt ein leichter Überhang an Bewerberinnen und Bewerbern. Die gute Nachricht, für alle, die noch auf der Suche sind: Ende August waren fürs aktuelle Ausbildungsjahr in NRW noch rund 25.000 Plätze frei. Es muss natürlich auch inhaltlich passen. Doch die regionale Unterschiede sind in diesem Jahr riesig: Im Ruhrgebiet gibt es insgesamt zu wenige Ausbildungsplätze. In Südwestfalen und dem Münsterland haben potentielle Kandidaten dagegen die größte Auswahl. Hier kommen auf 100 Ausbildungsplätze durchschnittlich noch nicht mal 50 Bewerberinnen und Bewerber.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Pascal Heß, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
- IAB-Stellenerhebung
- Arbeitsmarktbericht Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion NRW, August 2025
- Ausbildungsmarktbericht Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion NRW, August 2025
- Auswertungen der Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion NRW, für den WDR
- Nachrichtenagentur dpa