Mindestlohn: zu viel oder zu wenig? | WDR Aktuell

02:32 Min. Verfügbar bis 27.06.2027

Empfehlung: Mindestlohn soll auf 14,60 Euro pro Stunde steigen

Stand:

Der Mindestlohn in Deutschland soll in zwei Schritten bis zum 1. Januar 2027 auf 14,60 Euro pro Stunde steigen.

Von Sabine Schmitt

Schon Anfang kommenden Jahres soll der Mindestlohn auf 13,90 Euro steigen. Das teilt die Mindestlohnkommission in Berlin mit. Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes profitieren von der Erhöhung des Mindestlohns in Deutschland etwa sechs Millionen Beschäftigte. Aktuell liegt der Mindestlohn bei 12,82 Euro.

Wie die Kommission arbeitet

Die Mindestlohnkommission entscheidet alle zwei Jahre über die Anpassung. Hier verhandeln Spitzenvertreterinnen und -vertreter von Gewerkschaften und Arbeitgebern miteinander. Die Bundesregierung setzt den Beschluss dann per Verordnung um. Der vorangegangene Beschluss über den heutigen Mindestlohn war gegen das Votum der Gewerkschaften mit der Stimme der unabhängigen Kommissionsvorsitzenden Christiane Schönefeld gefasst worden. 

Verhandlungsführer: "Harte Verhandlungen"

Die Kommissionsvorsitzende sprach von einem tragfähigen Kompromiss. Die Empfehlung sorge für einen Ausgleich zwischen den Interessen der Arbeitnehmer und Betriebe. Sie wehrte sich auch noch mal gegen Einflussnahme von außen - zum Beispiel durch die Wahlkampfforderung der SPD nach einem Mindestlohn von 15 Euro. Schönefeld sagte, die Kommission aus Gewerkschaften und Arbeitgebern treffe ihre Entscheidung unabhängig. Das sei die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit. Allerdings seien es sehr schwierige Gespräche gewesen.

Auch der Verhandlungsführer des Deutschen Gewerkschaftsbunds, Stefan Körzell, sagte, es seien "harte Verhandlungen" gewesen. Der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Steffen Kampeter, kritisierte den großen Druck, der in den letzten Monaten von politischer Seite auf die Kommission ausgeübt worden sei.

Kommission beschließt höheren Mindestlohn

WDR Studios NRW 27.06.2025 00:52 Min. Verfügbar bis 27.06.2027 WDR Online

Über Wochen keine Einigkeit

Über Wochen war man sich in dem Gremium aber uneins gewesen, hieß es aus Verhandlungskreisen. Wäre die unabhängige Mindestlohnkommission nicht zu einer Einigung gekommen, hätte der Gesetzgeber handeln können.

Der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und Sozialdemokraten hatte auf eine konkrete Festlegung verzichtet. "Für die weitere Entwicklung des Mindestlohns wird sich die Mindestlohnkommission im Rahmen einer Gesamtabwägung sowohl an der Tarifentwicklung als auch an 60 Prozent des Bruttomedianlohns von Vollzeitbeschäftigten orientieren", heißt es dort entsprechend den gesetzlichen Vorgaben für die Kommission. "Auf diesem Weg ist ein Mindestlohn von 15 Euro im Jahr 2026 erreichbar." 

Seit 2015 Mindestlohn in Deutschland 

Der Mindestlohn in Deutschland war 2015 unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eingeführt worden. Bei der Erhöhung auf 12 Euro im Oktober 2022 hatte ausnahmsweise der Gesetzgeber dem Gremium die Entscheidung per Gesetz aus der Hand genommen. Damals hatte der spätere Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) den Mindestlohn mit ins Zentrum seines Wahlkampfs gestellt.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte in einem Interview klargestellt, dass es jetzt "keinen gesetzlichen Automatismus" geben werde. Der Mindestlohn könne "bei dieser Höhe zum 1.1.2026 oder 2027 liegen", sagte Merz schon im April.

Immer mehr Menschen in Deutschland sind arm

Die Kommission schaut auf zwei Dinge: Wie entwickeln sich die Tariflöhne? Wie hoch ist der mittlere Lohn? Der Mindestlohn soll 60 Prozent davon betragen. Das soll Armut verhindern - denn Armut ist wieder ein wachsendes Problem in Deutschland. 2024 war die Armutsquote erstmals seit 2020 gestiegen. Laut offizieller Statistik waren 15,5 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. Das entspricht etwa 13,1 Millionen Menschen in Deutschland.

Je nach Bundesland sind mehr oder weniger Menschen betroffen: In NRW ist es fast jede sechste Person (17,4 Prozent); damit liegt NRW im bundesweiten Vergleich auf Platz drei hinter Bremen und Sachsen-Anhalt. Am besten steht Bayern da. Dort ist nur etwa jede achte Person (11,8 Prozent) von Armut betroffen.

Als armutsgefährdet gelten laut EU-Definition alle Menschen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung haben. 2024 waren das für eine alleinlebende Person in Deutschland 1.378 Euro im Monat nach Steuern und Sozialabgaben. In diese Gruppe fallen besonders viele Alleinerziehende, junge Erwachsene und Rentner – vor allem aber Rentnerinnen. 

Steigende Preise sind ein Problem

Wer wenig Geld zu Verfügung hat, leidet besonders unter den aktuellen Preise für Lebensmittel - sie sind weiter hoch, obwohl die Inflationsrate zuletzt nicht mehr gestiegen war. Zudem steigen die Nebenkosten für die Wohnung. Viele Menschen können daher auch kaum Rücklagen bilden. An Urlaub ist oft gar nicht erst zu denken.

Und auch Diebstahl wird zunehmend zum Problem. Im Einzelhandel wird so viel gestohlen wie lange nicht mehr, ergab jüngst eine Studie des EHI Retail Instituts.

"Es gibt immer mehr Leute, die sich bestimmte Produkte nicht mehr leisten können oder wollen - auch aus Protest gegen die Preise. Immer häufiger klauen auch Senioren und Familien." Frank Horst, Studienautor vom EHI Retail Institut

Mit einem höherem Arbeitslohn sollen mehr arbeitende Menschen vor Armut geschützt werden. Die Arbeitgeber sehen aber nicht nur Positives. Sie hatten vor gravierenden ökonomischen Folgen durch eine deutliche Mindestlohnerhöhung gewarnt. Deutschland droht 2025 das dritte Rezessionsjahr in Folge.

Unsere Quellen:

Über dieses Thema berichten wir im WDR am 27.06.2025 auch im Fernsehen: WDR aktuell, 12.45 Uhr.

Weitere Beiträge aus der Wirtschaft

1 / 2