Kellnerin markiert Bierdeckel unter Pilsglas.

Bier und Lokalpatriotismus Katerstimmung bei den NRW-Brauereien

Stand:

Seit 2019 mussten rund zwei Dutzend Traditions-Brauereien in NRW aufgeben. Ein Verlust auch für die regionale Identität?

Bier gehört zu Deutschland wie Wein zu Frankreich: Das hat auch die UNESCO erkannt und das deutsche Brauhandwerk zum Immateriellen Kulturgut erklärt. Doch die Zeiten, als Pils, Kölsch oder Alt zu den allgemein akzeptierten Grundnahrungsmitteln gehörten, sind vorbei.

Das zeigen Zahlen des Statistischen Landesamts: Rund 1,5 Milliarden Liter haben die 30 größten NRW-Brauereien demnach 2025 verkauft - 4,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Auch wenn gleichzeitig der Konsum von alkoholfreiem Bier gestiegen ist - am Ende bleibt es bei einem dicken Minus. Sowohl bei Platzhirschen wie Veltins oder Warsteiner, aber auch bei kleinen und lokalen Brauereien.

Alkoholverzicht ist im Trend

Die Ursache ist eigentlich ein Grund zum Feiern: Offenbar ist das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung gestiegen. Vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen geht der Alkoholkonsum seit 20 Jahren stark zurück. Doch setzt sich dieser Trend fort, ist es unsicher, wie viele der rund 130 Brauereien in NRW in einigen Jahren noch im Geschäft sind - darunter viele mittelständische Betriebe mit langer Geschichte.

Brauereien in Herford und Paderborn vor dem Aus

In Ostwestfalen-Lippe droht in diesem Jahr ein besonderer Bruch mit der Tradition: Der Bierkonzern um Warsteiner, die Haus Cramer Gruppe, hat die Schließung seiner Brauerei in Herford für das zweite Halbjahr 2026 angekündigt. Falls ein Verkauf der Brauerei in Paderborn nicht gelingt, soll auch dort der Betrieb zum Jahresende 2026 eingestellt werden. Die Marken Herforder Pils und Paderborner bleiben zwar erhalten, sollen aber künftig bei Warsteiner im Sauerland produziert werden.

Für den Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Paderborn, Jürgen Janke, ist das weit mehr als nur ein wirtschaftlicher Rückschlag.

Die Marke Paderborner ist Teil des Images unserer Stadt, daher trifft uns der Verkauf. Jürgen Janke, Wirtschaftsförderung Paderborn

Aber warum identifizieren sich die Menschen in NRW überhaupt so intensiv mit ihren lokalen Biermarken? Oft mehr als mit anderen Produkten aus der Region? Für Gabriele Dafft, Volkskundlerin beim LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, ist Bier mehr als nur ein Getränk.

Gabriele Dafft lächelt in die Kamera

Gabriele Dafft

"Essen und Trinken gehört zur Alltagskultur, die mit vielen Erinnerungen und Emotionen verknüpft ist. Bier nimmt dabei eine Sonderrolle ein, weil es über lange Zeit so prägend für das soziale Miteinander war." Denn es sei untrennbar mit Anlässen verbunden, die für die lokale und regionale Kultur sinnstiftend sind - zum Beispiel Fußball, Schützenfest oder der rheinische Karneval.

"Bierkrieg" als Zeichen für Heimatliebe

Die Identifikation mit der heimischen Biersorte werde manchmal auch durch die lokalpatriotische Rivalität mit Nachbarstädten befeuert, so Dafft. Der "rheinische Bierkrieg" sei dafür wohl das bekannteste Beispiel. Bis heute sei es ein absolutes No-go, in Düsseldorf Kölsch zu bestellen - oder umgekehrt Alt in Köln. Dass die beiden obergärigen Biere geschmacklich gar nicht so weit auseinander liegen, sei dabei völlig nebensächlich. "Es geht dabei um Identifikation mit der Heimatstadt - sonst nichts."

Den lokalen Bierbrauern sei dieses Phänomen sehr bewusst, so Dafft. Durch Sponsoring des Lokalsports oder des Brauchtums sorgten sie dafür, dass ihre Marken bei den wichtigen Events in der Region nicht zu übersehen sind. "Bier verkauft man mit Emotionen. Und je länger das Produkt im Alltag präsent ist, desto mehr persönliche Erinnerungen sind damit untrennbar verbunden."

Tote Hosen mit eigener Biermarke

Die Band "Die Toten Hosen" stellen ihr Bier "Hosen Hell" vor.

Die Hosen präsentieren ihr Bier

Wie wichtig Lokalkolorit ist, wenn ein neues Produkt eingeführt werden soll, zeigt auch ein Beispiel aus Düsseldorf. Dort gibt es seit einigen Jahren eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Toten Hosen und der Alt-Brauerei Uerige. Das Ergebnis heißt "Hosen Hell", ist mit roten Sternen und Totenkopf auf dem Label ein echter Hingucker und ist nicht nur bei den Fans der Band beliebt. Da fällt es auch nicht groß ins Gewicht, dass das Düsseldorfer Bier gar nicht am Rhein gebraut wird - sondern in Bayern.

Herforder Brauerei schließt und Paderborner wird verkauft

WDR 02:37 Min. Verfügbar bis 11.03.2028

Unsere Quellen:

  • Nachrichtenagenturen dpa und AFP
  • IT.NRW
  • WDR-Gespräch mit Gabriele Dafft
  • Deutscher Brauer-Bund (DBB)
  • Homepage Tote Hosen

SendungWDR Fernsehen, Lokalzeit OWL, 07.05.2026, 19:30 Uhr

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