Ein Junge, der in der Bahn sitzt

Was macht einsam? Und was hilft dagegen?

Es gibt verschiedene Risiko- und Schutzfaktoren für die Entstehung von Einsamkeit. Wir stellen euch die wichtigsten vor. Chronische Einsamkeit kann gesundheitlichen Folgen haben.

In den vorgestellten wissenschaftlichen Studien sowie in vielen weiteren Studien haben Forschende mithilfe von statistischen Modellen Risiko- und Schutzfaktoren identifiziert.  

Wie einsam ist der Sektor? 

Individuelle Risikofaktoren führen nicht automatisch zu mehr Einsamkeit in einer Region. Für keine der vorgestellten Merkmale konnte ein direkter Zusammenhang zwischen hohem Vorkommen und mehr Einsamkeit innerhalb der Bevölkerung in einer Region erwiesen werden.

Migrations- und vor allem Fluchterfahrung gelten als starke Risikofaktoren für Einsamkeit in Deutschland. Anteilig fühlen sich 1,5 bis 2,5-mal mehr Menschen dieser Gruppen häufig einsam als im Bundesvergleich. 

25% der befragten Geflüchteten äußerten das im Einsamkeitsbarometer 2024. Ein Wert, der noch mal deutlich über dem der 18- bis 29-Jährigen liegt. Ein hoher Anteil Geflüchteter lebt in Nordrhein-Westfalen in größeren Ruhrgebietsstädten wie Essen, Gelsenkirchen und Wuppertal. 

Auf ähnliche, aber nicht ganz so hohe Werte kommen Menschen, deren Teilhabe am gesellschaftlichen und sozialen Leben aufgrund Ihres Gesundheitszustandes erschwert ist. In der Gruppe der Menschen mit schwerer Behinderung bestätigten mehrere Studien einen doppelt so hohen Anteil einsamkeitsbelasteter Menschen. In Herne oder dem Ennepe-Ruhr-Kreis machen sie mehr als 15% aller Einwohner aus.

Der stärkste Risikofaktor für Einsamkeit ist Armut, da sind sich alle Forschenden einig. Je niedriger das zur Verfügung stehende Einkommen, desto stärker steigt das Risiko für Einsamkeit. Teilweise ist in den Studien von einem 5-mal höheren Risiko von Geringverdienenden gegenüber Besserverdienenden die Rede. Denn ihnen bleibt der Zugang zu gesellschaftlichen Aktivitäten oft verwehrt. Auch Kinder einkommensschwacher Eltern erleben durch finanzielle Not verstärkte soziale Ausgrenzung. In Nordrhein-Westfalen haben neben den Ruhrgebietsstädten besonders Menschen in der Region Ostwestfalen-Lippe, am unteren Niederrhein, und in der Städteregion Aachen wenig Geld zur Verfügung. 

Dr. Theresa Entringer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hat in einer Studie für den Landtag NRW einen Zusammenhang der Steuerkraft einer Gemeinde und mit der Verbreitung von Einsamkeit ermittelt.  

Denn, wenn einer Gemeinde das Geld fehlt, fehlen oft auch Angebote, bei denen Menschen zusammenkommen können. Auch eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2025 stellt eine direkte Verbindung zu strukturellen Lebensumständen her: Je ärmer ein Land und je ärmer ein Kontinent, desto verbreiteter ist Einsamkeit. Europa weist von allen Kontinenten den kleinsten Anteil an einsamkeitsbelasteten Menschen auf, Afrika den höchsten.

Gesundheitliche Folgen

Vor allem aber stellt die WHO Einsamkeit als massives Gesundheitsrisiko heraus: Laut WHO sterben weltweit jedes Jahr bis zu 871 Tausend Menschen an Einsamkeit. Für Menschen, die dauerhaft einsam sind, berechnet sie ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko von 9 -33%: Einsamkeit erhöht der WHO zufolge messbar das Risiko für Herzkrankheiten (um 29%), Schlaganfälle (um 32%), Diabetes (24%) und Demenz (23%). Auch die psychische Gesundheit kann durch Einsamkeit Schaden nehmen. Einsamkeit steigert deutlich die Wahrscheinlichkeit für Depressionen, Angststörungen und Suizidgedanken. Deshalb ist es sinnvoll sich frühzeitig Hilfe zu suchen.

Was also kann man tun, um sich nicht einsam zu fühlen? 

Die Einsamkeitsforschung geht in weiten Teilen davon aus, dass enge Beziehungen Gefühle der Einsamkeit lindern können. Dabei kommt es vor allem auf die Qualität der Beziehungen an. Sie raten lieber wenige, aber dafür enge Kontakte pflegen als viele oberflächliche. Auch über Einsamkeit zu sprechen und sich anderen mitzuteilen, kann helfen. In einer Befragung der Techniker-Krankenkasse gaben vor allem Männer an, sich damit schwerzutun. Nur etwa jeder fünfte einsame Mann (22%) geht demnach mit diesen Gefühlen offen um. Bei Frauen sind es immerhin 40%. 

Es gibt auch strukturelle Schutzfaktoren, wie beispielsweise ein hohes Einkommen oder eine hohe Bildung. Als einer der stärksten Schutzfaktoren gilt ehrenamtliches Engagement oder eine Vereinsmitgliedschaft. So scheint die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, Halt zu geben und Sinn zu stiften. Mit Blick auf die Vereinsentwicklung fällt auf, dass in ländlichen Gebieten wie dem traditionell vereinsstarken Sauerland ein Vereinssterben in den vergangenen Jahren eingesetzt hat, ebenso im Ruhrgebiet oder Lippe, während im Rheinland und am Niederrhein mehr Vereine gegründet werden.